Kurzgeparkte Mutterschiffe

17. Juni 2003, 19:58
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Bruno Gironcolis wuchernde Skulpturen dominieren den am Donnerstag eröffneten Österreichischen Pavillon in Venedigs Giardini

Am Donnerstag wurde der Österreichische Pavillon auf der Biennale von Venedig mit einer Personale von Bruno Gironcoli eröffnet. Kurator Kasper König setzt ganz auf die suggestive Wirkung der wuchernden Skulpturen des 1936 in Villach geborenen Bildhauers.


Josef Hoffmanns Pavillon in den Giardini ist eben nicht das Parkhaus am Hauptbahnhof. Für Bruno Gironcoli ist Österreichs Kunstbotschaft am Biennalegelände von Venedig schlicht eine "Trafik", eine wunderschöne zwar, aber eben viel zu klein für seinen Fuhrpark, zu eng für seine Raumgleiter.

Egal, - das ganze Werk auch nur halbwegs repräsentativ zu zeigen, reichen selbst die beiden geplanten "Museen" - eines auf Schloss Herberstein, ein zweites auf der Wiener Donauplatte - nicht aus. Und das Biennalegelände ist ohnehin bloß Kurzparkzone.

Und vorbereitet hat er außerdem schon lange alles. Unabhängig davon, ob ihn jetzt wer zum Ausstellen bittet oder nicht. Sein Werk äußeren Umständen anzupassen, gar dem Druck irgendwelcher rücksichtslos dahergebauter Räume nach zu geben, kommt nicht in Frage.

Flexibel haben die Präsentationsbedingungen zu sein, denn seine Skulpturen stehen fest. Deren Dimension ist ebenso endgültig bestimmt wie ihr Aussehen, wie ihre Themen. Gironcolis Skulpturen sind höchst eigenartig. Darum ist er Bildhauer geworden. Sie haben das Außen reflektiert, solange sie im Werden waren, haben Fundstücke aus dem wahren Leben assimiliert, sich dessen Techniken und Materialien angeeignet. Sie wurden geprägt durch die Widrigkeiten des Seins, die eigenen wie die Triebe dritter.

Er, der Bildhauer, war Werk für Werk neugierig genug, alles zu umarmen, das ganze Draußen, dessen Abgründe und Höhepunkte. Und da er vor allem die Mütter begreifen will, gilt es, die ganze Welt aus ihrer in seine Fassung zu bringen. Es braucht Zeit und Platz, bis schließlich alles in Harmonie gebracht ist, ein Modell fertig, ein unverrückbarer Zustand erreicht.

Gerade einmal sieben Arbeiten Gironcolis haben nach Venedig gefunden. Deren jüngste - zwei Aluminiumgüsse nach Modellen, die die Innsbrucker Galerie Thoman realisieren ließ, stehen im Freien. Die Eltern mit zwei Tischaufsätzen aus 1989/90 und die Eisenfigur (1985-90) teilen sich die Eingangshalle. Ein früher, gelb lackierter Aluminiumguss, eine Mutterfigur mit schützendem Regenschirm in Glasvitrine und etwas belegt Bettartiges teilen sich die Nebenräume. Auf Grafik - und damit die Möglichkeit, vielleicht tiefer in die Herkunft von Gironcolis Ikonografiemix aus Faschismuszitaten, utopischem Eingedenken, kultischem Handeln, sadistischer Praxis und verschämtem Lustempfinden einzudringen, hat Kurator Kaspar König verzichtet.

Massive Tanker

fremder Ordnung

Er verlässt sich ganz auf die suggestive Wirkung der fremden Ordnung: Jedenfalls ist die verunsichernd. Bedrohlich vielleicht, dennoch voll subtilem Witz. In jedem Fall, auch ohne Vitrine, hermetisch. Trauben, Kornähren, Edelweißblüten leben mit Gefäßen, Tannenzapfen und Embryonen in Symbiose.

Auf nichts angewiesen, scheinen die massiven Tanker dennoch alles aufzunehmen, sich einzuverleiben. Vögel, Madonnen, Klomuscheln und Besen, dazwischen amorph organische Strukturen in Hausschuhen, zwitschernde Vogerl, kecke Schnörksel, Ösen, Schweinderl, Suppenlöffel:

Der Planet Gironcoli führt alles seiner Bestimmung zu. Das Einverleiben erscheint als Glücksversprechen, Geborgenheit und Individualität scheinen sich auszuschließen. Alles befindet sich in Ruhe, vielleicht ja am Ziel aller Triebe.

Ko-Kuratorin Bettina Busse fragt den Bildhauer nach der Figur des Vaters oder des "Väterlichen", die bestenfalls am Rande Aufnahme in die Konglomerate finden, die in sich ruhend für sich leben:

"Die ist wegradiert. Den gibt es nicht. Der existiert über mich. Ich meine in dieser Arbeit habe ich auch Penisdarstellungen, die genügen für uns Männer, mehr ist da nicht an Substanz. Das ist unsere Funktion und fertig. Damit haben wir unser Spiel ausgespielt. Währenddessen eben das Andere, das Mütterliche, die Mutter-Kind-Beziehung für mich weit mehr Spielformen angeboten hat."

"Bruno Gironcoli", schreibt Peter Weiermair, "ist der Bildhauer des Absurden, der Entfremdung, der Abgründe der Dingwelt". Das zu formulieren hat er eine unverkennbare Sprache gefunden. An der Aktualität seiner Thematik hat sich nichts geändert, der tägliche Faschismus, Entfremdung und resultierende Ausstiegsgelüste sind offensichtlich zeitlos. Ebenso die Sehnsucht nach Geborgenheit, sei es in deren kleinstem gemeinsamen Nenner, dem Kitsch, oder in fantastischen Maschinen, die Junggesellen versprechen, sie in ferne Galaxien zu tragen, während sie sie doch nur wärmend und jeder Verantwortung enthoben in blechernen Gebärmuttern nähren.

Konventionelles

dient als Brücke

"Es ist bildliches Aufarbeiten: Etwas Weggeworfenes in neuer, gewordener Eintracht wieder in die Hand zu nehmen, aufzubewahren, in der Erinnerung begründet. Das Konventionelle dient als Brücke, Neuauftretendes soll durch Bekanntes entschärft werden. So wird diese Bildhauerei im Widerspiel zur Welt der Ort, diese daraus resultierenden Ängste der Begreifbarkeit festzulegen."

Bleibt zu hoffen, dass diese Biennale dazu beiträgt, Bruno Gironcolis forcierten Eigensinn, der bei allem Ausufern und Brücken-Schlagen doch immer am Punkt bleibt, einer breiteren internationalen Öffentlichkeit entgegen zu halten. Wobei sein bisheriges Publikum durchaus nicht das schlechteste war: Andere Künstler konnten bislang aus Gironcolis hoch geladenen "Vorwürfen" am meisten für sich ableiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2003)

Markus Mittringer aus Venedig
  • Bruno Gironcolis raumgreifende Plastiken fanden ihren vorläufigen Platz auch vor dem österreichischen Pavillon, in den Giardini der Biennale di Venezia.
    foto: biennale

    Bruno Gironcolis raumgreifende Plastiken fanden ihren vorläufigen Platz auch vor dem österreichischen Pavillon, in den Giardini der Biennale di Venezia.

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