Marathon eines Flüchtlings

12. Juni 2003, 18:00
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Seit zehn Jahren ist der Äthiopier Abate Dejene Ambachew auf der Flucht, doch die Asylbehörden glauben ihm nicht und verbauen ihm seine sportliche Zukunft

Seit zehn Jahren ist der 28-jährige Äthiopier Abate Dejene Ambachew auf der Flucht. Es ist auch die Lebensgeschichte eines erfolgreichen Marathonläufers. Doch die österreichischen Asylbehörden glauben ihm nicht und verbauen ihm seine sportliche Zukunft.

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Wien - Abate Dejene Ambachew hat schon viele Tipps erhalten: Eine Österreicherin solle er heiraten oder sich adoptieren lassen. Doch mit derartigen Tricks hat der 28-jährige Äthiopier nichts am Hut. Für einen Marathonläufer gibt es keine Abkürzungen, auch nicht, wenn es um eine für ihn lebenswichtige Entscheidung geht: Asyl oder nicht. Österreich verwährt dem politisch Verfolgten nicht nur den Flüchtlingsstatus, sondern versperrt dem erfolgreichen Profisportler auch die Teilnahme an Laufveranstaltungen im Ausland.

Seit zehn Jahren ist Ambachew bereits auf der Flucht. 1993 setzte er sich in seiner Heimat als Studentenführer gegen die Trennung von Äthiopien und Eritrea ein. Bei einem Besuch des damaligen UN-Generalsekretärs Boutros-Ghali kam es zu schweren Ausschreitungen, vor allem Akademiker und Studenten landeten in Massenhaft, so auch Ambachew. Damals verschwand auch sein Vater, der als führender Funktionär in der kommunistischen Partei Äthiopiens tätig gewesen war.

Von dieser Zeit zeugen mehrere Narben, zwei davon über dem Knie. "Ein Durchschuss, das Gelenk blieb unverletzt", sagt Ambachew. Trotzdem gelang ihm die Flucht nach Kenia, wo er zunächst vom UNHCR als so genannter Konventionsflüchtling anerkannt wurde und sogar zu Laufmeetings ins Ausland reisen durfte.

Doch mit der Zeit sei er immer mehr unter Druck gesetzt worden. Verlängerung von Dokumenten habe es nur mehr gegen Schmiergeld gegeben, als er sich weigerte, sei er einige Male zusammengeschlagen worden. Tatsächlich flog Mitte der 90er-Jahre ein Korruptionsskandal beim UNHCR Kenia auf.

Seine Erfahrungen schilderte Ambachew auch im Dezember 1999 in einem Interview in Japan, nach einem Marathon. Bis hin zur größten Tageszeitung Nippons, der Asahi Shinbun, berichteten alle Medien über die wahren Hintergründe des gefeierten Athleten. Damit hatte Ambachew aber erst recht seinen letzten Rest an Sicherheit in Kenia vertan.

In Wien abgesetzt

Nach mehreren Morddrohungen reiste er im April 2001 legal zum Vienna City Marathon, kurz danach zu einem Lauf in Stockholm. Bei der Rückfahrt setzte er sich in Wien ab und stellte einen Asylantrag.

Doch das österreichische Bundesasylamt glaubt ihm seine Lebensgeschichte nicht. Ambachew wäre wahrscheinlich schon nach Äthiopien abgeschoben worden, hätte nicht Rechtsanwalt Georg Bürstmayr den Fall übernommen. "Ein grob mangelhaftes Verfahren, der ablehnende Bescheid ist völlig unzureichend begründet", sagt Bürstmayr. Entgegen UNO-Einschätzung würde Äthiopien als sicheres Land bezeichnet.

Was Bürstmayr besonders ärgert: Die Behörden bezeichnen ein Gutachten, das dem Flüchtling ein schweres posttraumatisches Stresssyndrom attestiert, als "Gefälligkeitsgutachten". Bürstmayr: "Das Gutachten stammt von einem der ganz wenigen Fachleute auf diesem Gebiet."

Solange sein Asylverfahren läuft, kann Abate Dejene Ambachew jedenfalls Österreich nicht verlassen. In den vergangenen Monaten waren seine Rastazöpfe zwar bei vielen Läufen zwischen Boden- und Neusiedler See zu sehen, doch auf Dauer ist eine nationale Beschränkung für einen Marathonläufer eine Katastrophe. Aber Ambachew ist kein Jammerer, er bleibt mobil: etwa als Star im Englischunterricht an Schulen. Oder als Schauspieler im Theaterstück "Warten auf Godot", das ab 26. Juni im Wiener Kabelwerk (Oswaldgasse 33, 1120 Wien) auf dem Programm steht.

Bock auf Bier

Zugunsten privater Flüchtlingshilfe startet am Freitag in Wien die Aktion "Bock auf Bier". Mehr als 50 Szenenlokale verlangen für ein kühles Helles zehn Cent mehr, der Erlös kommt der engagierten Flüchtlingshelferin Ute Bock zugute. Die mehrfach ausgezeichnete "Mama", wie sie von ihren Schützlingen genannt wird, betreibt in Eigenregie 28 Wohnungen für mittellose Asylwerber und ist seit längerer Zeit pleite. (Michael SimonerDER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2003)

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