Die USA sind vom Kurs abgekommen"

12. Juni 2003, 17:31
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James Hoge, Chefredakteur des einflussreichen US-Journals "Foreign Affairs", im STANDARD-Interview über den Kurs der Regierung Bush

Standard: Was sagt man in den USA dazu, dass im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden?

Hoge: Die Reaktion darauf, dass die Berichte der Nachrichtendienste übertrieben wurden, um es höflich zu bezeichnen, ist geringer als hier in Europa, aber sie wächst und sie wird weiter wachsen, weil der Kongress jetzt Hearings dazu veranstaltet. Aber es wird Auswirkungen haben: Wenn wir keinen Weg finden, das zur Deckung zu bringen, was wir gesagt haben, kriegen wir ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem. Wie wollen wir anderen einreden, dass unser Behauptungen über nukleare Entwicklung im Iran ernst genommen werden sollen?

Standard: Einflußreiche Neokonservative Im Pentagon wie Paul Wolfowitz sagen jetzt, die Kriegsgründe waren andere.

Hoge: Wolfowitz genaues Zitat ist nicht so zynisch, wie es klingt. Die Massenvernichtungswaffen waren ein Grund und sie glaubten an ihre Existenz. Aber regime change war ein wichtiger Grund, weil man fürchtete, dieses Regime würde Massenvernichtungswaffen an Terroristen weitergeben. Die Idee, dass wir eine Kampagne führen sollten, um den Mittleren Osten vollkommen umzubauen, wird jetzt auch in der Administration mit mehr Skepsis betrachtet. Meine Vermutung ist, dass die Neokonservativen den Höhepunkt ihres Einflusses überschritten haben.

Standard: Meint Bush sein Engagement in der Frage Israel- Palästina ernst ?

Hoge: Bush meint, was er sagt - er tut es auch meistens. Das ist ein Charakteristikum von ihm. Es ist nicht Zynismus, er neigt nicht dazu. Aber ich bin nicht sicher, ob er das durch setzen kann , was er sagt. Schon deshalb, weil der Wahlkampf für 2004 schon diesen Herbst beginnt.

Standard: Europa und die USA driften auseinander.

Hoge: Die USA sind vom Kurs abgekommen. Der Kurs, den Amerika 50 Jahre verfolgt hat, war ein internationalistischer. Wir haben die Globalisierung begonnen, wir haben die UN, die Weltbank , den Währungsfonds und all das gegründet, wir haben, ironischerweise, den Internationalen Gerichtshof angeregt. Aber jetzt lassen wir alle diese Dinge hinter uns - und ich glaube, dass wir jetzt dafür zahlen.

Standard: Kann es sein, dass die Administration Bush die Einigung Europas als Gefahr betrachtet und aktiv behindert ?

Hoge: Rumsfelds Idee, über das "alte Europa" hinweg zum "neuen Europa" zu gehen, ist lachhaft. Aber Frankreich wollte seit einiger Zeit die EU als Gegengewicht zu den USA benutzen. Als Reaktion sagen Leute wie Rumsfeld, vielleicht ist ein vereintes Europa nicht in unserem Interesse , warum sollten wir es unterstützen ? Ich würde aber nicht sagen, dass es die vorherrschende Idee in der amerikanischen Politik gegenüber Europa ist.

Standard: Der Antiamerikanismus ist nach letzten Umfragen enorm gestiegen.

Hoge: Es gab lange den Eindruck von den US als wohlwollende Macht, die das Gute wollte, obwohl sie manchmal es nicht schafften. Und das war, weil wir der große Internationalist waren und internationale Standards durchsetzen wollten. Jetzt herrscht das Gefühl, dass wir das aufgeben, weil wir diese unglaubliche militärische Macht haben und einfach sagen, wenn ihr mit uns sein wollt, ok, wenn nicht, geht aus dem Weg. Der große Fehler dieser Regierung ist diese Missachtung des traditionellen diplomatischen Prozesses. Aber ich glaube nicht, dass die Haltung dieser Administration von der US-Öffentlichkeit und dem größten Teil des politischen Establishment geteilt wird.(DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2003)

Das Interview führte Hans Rauscher

Hoge trat bei einer gemeinsamen Veranstaltung von IWM, Austria Perspektiv und der Industriellenvereinigung mit Kurt Biedenkopf, Ex- Ministerpräsident von Sachsen, und dem Politikwissenschaftler Aleksander Smolar auf.

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