Jil ist wieder da

18. Juni 2003, 20:15
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Jil Sander ist in das Unternehmen, das sie vor drei Jahren im Streit verließ, zurückgekehrt. Und sagt: "Alles, was nicht Jil Sander ist, fliegt raus."

Jil Sander ist in ihr Unternehmen zurückgekehrt, das sie vor drei Jahren im Streit mit Prada-Boss Patrizio Bertelli, an den sie die Aktienmehrheit verkaufte, verlassen hat. Diese Nachricht schlug nicht nur in der Modebranche wie eine Bombe ein. Dabei hatte eine Bekanntmachung, nur einen Tag zuvor gegenüber der Presse abgegeben, nicht weniger heftige Wellen verursacht. Jean-Louis Dumas-Hermès, Chef des Pariser Traditionshauses, erklärte, dass künftig Jean-Paul Gaultier, an dessen Unternehmen Hermès eine Drittelbeteiligung besitzt, die Mode des legendären Luxusetiketts entwerfen würde.


Zufall? Auf den ersten Blick scheint beides nichts miteinander zu tun zu haben. Oder etwa doch? Immerhin war eines der Lieblingsgerüchte während der Pariser Prêt-à-Porter-Schauen die Nachfolge Jil Sanders als Designerin bei Hermès. Man würde nur abwarten, bis der Vertrag des derzeitigen Créateurs Martin Margiela abgelaufen und Sanders Sperre, eine Tätigkeit betreffend, aufgehoben seien - beides tritt in diesem Jahr ein. Auch hatte man die Sander bei Hermès-Modeschauen gesehen und beim Diner mit dem Handtaschen-Boss. Mochte es dessen Pressefrau noch so heftig dementieren!

Aber die Zeiten haben sich geändert. Seit dem 11. September in New York ist das Geschäft mit dem Luxus schwieriger geworden, auch wenn das mit den Handtaschen boomt. Allerdings scheint nicht den Klassikern der Erfolg zu gehören, sondern jenen, die Spektakel machen. Und das sind John Galliano bei Dior und Marc Jacobs für Louis Vuitton. Sollte das die Entscheidung bei Hermès beeinflusst haben?


Jedenfalls spürt auch Patrizio Bertelli, selbstgefälliger Herrscher über das Prada-Imperium, den Stimmungswechsel. Sagte er noch vor drei Jahren zu Sanders Abgang: "Eine starke Marke wie die ihre braucht keinen Designer mehr. Es ist nicht der Name, was zählt, sondern nur die Qualität des Produkts." So klingt Bertelli heute, mit einem Schuldenberg von 897,2 Millionen Dollar und dem Unternehmen Jil Sander in den roten Zahlen, bedeutend leiser: "Nun, da Jil Sander zurückgekehrt ist, sind wir sehr glücklich. Wir sind sicher, dass wir nicht nur die Energie finden werden und auch die richtige Strategie, um die Verkäufe wieder anzukurbeln, sondern auch jenen Impuls für Jil Sanders Mode, der schon in ihrer allerersten Kollektion zu spüren war." Die Designerin selbst formuliert es vorsichtiger: "Wir werden uns die Geduld und die Zeit nehmen um voneinander zu lernen. Wir sind beide zwei starke Charaktere, zwei Unternehmernaturen mit ebenfalls unterschiedlichem kulturellen Hintergrund."

Dass in dieser Zusammenarbeit kein Platz mehr ist für eine dritte starke Persönlichkeit, liegt auf der Hand. Und somit ist Milan Vukmirovic, der Designer, der Jil Sanders Nachfolger war und jetzt ihr Vorgänger ist, mit sofortiger Wirkung ausgeschieden. Auch wäre sein Vertrag in diesem Monat zur Disposition gestanden, was Bertellis Entschluss zu handeln sicher beschleunigte. Denn Vukmirovics modernistisches Design hatte die "alte" Sander-Kundin nicht nur in die Flucht geschlagen, sondern es würde auch zu lange dauern, bis eine ähnlich treue Klientel, wenn überhaupt, gewonnen wäre.


"Ich glaube, es ist sehr mutig, an einer Linie wie Jil Sander zu arbeiten", sagt dazu die Designerin, die sich als ehemalige Moderedakteurin vor genau 30 Jahren entschloss, ihren Geschmack als Kollektion anzubieten, "und es ist nur natürlich, dass, wenn jemand anderes an dieser Linie arbeitet, dies auch unterschiedlich sich darstellen wird. Aber ich bin hier nicht, um Kritik zu üben." Im Gegenteil. Nach Aussagen ihrer Mitarbeiter sprüht sie vor Energie und Tatendurst, beflügelt von den Treuebekenntnissen zahlreicher Einkäufer, die nun hoffen, die abstinente Sander-Klientel wieder zurückgewinnen zu können.

Sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben, wenn auch erzwungenermaßen, richtig Urlaub gemacht. Sie reiste im Iran, segelte in der Karibik, kümmerte sich um ihren Garten, ging aus, traf sich mit Freunden. Der Abendmode möchte sie deshalb in Zukunft mehr Spielraum in ihrer Kollektion geben.


"Ich fühle mich ausgeruht und gerüstet", sagt Jil Sander, "zwar vergeht die Zeit, doch das ist die Seele der Mode. Man muss allerdings immer die Zeit verstehen, in der man lebt." Dabei glaubt sie dass der Purismus - die Seele ihrer Mode - nicht an irgendwelche Zeiträume gebunden ist. "Er steht außerhalb jeglicher Zeit, ich muss nicht Design komplizieren, also kann ich alles wegnehmen, was zu viel ist. Zwar werde ich bis zum September, wenn ich meine Kollektion für kommendes Frühjahr zeigen werde, nicht alles umdrehen können, aber es bleibt genug Zeit, um die Kollektion so weiterzuentwickeln, dass ich sie verantworten kann. Und deshalb fliegt alles raus, was nicht Jil Sander ist!" (DerStandard/rondo/Peter Bäldle/13/06/03)

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