Tausche Beethoven gegen Sommerhit

12. Juni 2003, 17:32
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Pop und Rock meets Klassik: Als Held der Bewegung gilt US-Songwriter Alan Thicke mit seinem Albumdebüt "A Beautiful World"

Im ewigen Bestreben, der Welt jährlich einen Sommerhit zu geben, der uns allen nicht peinlich ist, wenn wir im Dezember an die Höhepunkte der griechischen Küche zurückdenken oder an die idyllisch von Ölklumpen durchzogenen Strände der Costa del Sol, ist die Musikindustrie jetzt definitiv einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Lambada, Ketchup Song, die zwei namenlosen Flamenco-Rentner aus Spanien, die blondierte Glatze aus den Touristenställen Tirols und Mallorcas: alles längst gegessen und schwer verdaut. Die seit den 70er-Jahren wütende Interessengemeinschaft der progressiven Musiklehrer e.V. erhebt gerade einmal mehr ihr Haupt und versucht, der Weltjugend Popmusik mit Niveau einzubläuen.

Pop und Rock meets Klassik. Die Geschichte einer seit Emerson, Lake & Palmers Pictures Of An Exhibition, Deodatos Also Sprach Zarathustra oder Wendy Carlos' Switched-On Bach sattsam bekannten seelischen Grausamkeit von Lehrern an ihren Zöglingen erfährt nach diversen Disco-Bearbeitungen der geilsten Hits der Klassik gerade einen neuen Höhepunkt. Der Held heißt Alan Thicke und kommt aus Kalifornien. Im Gegensatz zu den zitierten Vorgängern und größenwahnsinnigen Konzeptalben hält der nicht nur seinen Künstlernamen kurz. Die Zeiten sind schnell und der Speicherplatz auf einem Sampler beschränkt. Für sein Debüt reicht Thicke das zentrale Streichermotiv aus Beethovens Fünfter Symphonie, um sie im Stile Deodatos Zarathustra-Bearbeitung gefällig fürs Formatradio als flotten Soul-Pop aufzupeppen.

Heraus kommt eine unglaublich schmissige Frauenanmache namens When I Get You Alone, die mit dem dazugehörigen Video, in dem Thicke als Fahrradbote durch New York jagt, derart gute Laune verbreitet, dass es schon ein Wunder wäre, wenn sich der Song nicht zum Hit mausern sollte. Der Rest besteht aus der exakten Schnittmenge des Siegerlieds aus Starmania, dem britischen Stevie-Wonder-Kopisten Jamiroquai (ohne Hysterie) und pflegeleichtem 70er-Jahre-Funk, wie ihn ein Lenny Kravitz einmal machen konnte. Thicke hat übrigens zuvor Songs für Christina Aguilera, Brandy und Marc Anthony komponiert. Trotz teilweise gefährlich blöder Texte: ein Mainstream-Popalbum wie man es heuer in dieser Qualität nicht mehr bekommen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Alan Thicke
    foto: universal

    Alan Thicke

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