Erfolgserlebnis am Fels

15. September 2003, 10:26
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Beim Sportklettern können gerade auch Kinder und Jugendliche ihre Grenzen ausloten

"Eine Mitteilung für die Eltern der kleinen Katarina", sagt der Lautsprecher: "Sie klettert jetzt in drei Metern Höhe und macht keine Anstalten, umzudrehen." Zehn Sekunden später ist der Vater des fünfjährigen tschechischen Mädchens zur Stelle und dirigiert es herunter, während die Mutter ein paar Ecken weiter sehr gelassen mit dem Seil den neun Jahre alten Karel sichert. Der ist inzwischen zehn Meter über dem Boden, signalisiert, dass er fürs Erste genug hat, und wird von der Mutter abgeseilt.

Die Szene ist charakteristisch für "Rockjunior", ein dreitägiges "Internationales Jugend-Kletterfestival" in Arco nördlich des Gardasees, das alljährlich im Frühjahr stattfindet: eine Mischung aus Familienfest mit Pizza und Eis einerseits und einem anspruchsvollen Wettbewerbsprogramm andererseits. Ausgetragen werden beim "Rockjunior" der Europäische Jugendcup im Sportklettern, ein "Open unter 14", "Kid's Rock" für Kinder ab 7 und schließlich "Family Rock", an dem Mütter und Väter gemeinsam mit ihren Sprösslingen teilnehmen können.

Futuristisch gestylte Kunstkletterwand

Die Wettbewerbe finden an einer neuen, 18 Meter hohen, futuristisch gestylten Kunstkletterwand statt, um die herum jede Menge von leichten bis mittelschweren Wänden, Türmen, Hüpfburgen und Seilbrücken aufgestellt sind. Wer hingegen das Klettern auf natürlichem Fels bevorzugt, findet in der nächsten Umgebung von Arco jede Menge an "Bouldern", das sind wenige Meter hohe Felsbrocken - ein ideales Spielgelände für Anfänger - sowie mit Haken gesicherte Wände in allen Schwierigkeitsgraden.

Als sich vor mehr als zwanzig Jahren das Sportklettern auf kürzeren, gut gesicherten Felswänden vom heroischen Gipfelbergsteigen emanzipierte, erkannte man bald, wie sehr diese neue Sportart dem Spieltrieb und der Bewegungsfreude von Kindern entgegenkommt. Stefan Winter, deutscher Sportpädagoge und Verfasser eines Lehrbuchs "Sportklettern mit Kindern und Jugendlichen", ruft in Erinnerung, dass schon Kleinkinder die Eltern als Klettergerüst entdecken und dass Klettern in diesem Alter "die Weiterentwicklung des Kriechens" ist.

Klettern ist Experiment

Die Erfahrung, ein beim ersten Mal unlösbar erscheinendes Problem durch mehrmaliges Versuchen zu meistern, stellt für Kinder ein klassisches persönliches Erfolgserlebnis dar, gepaart mit der Erfahrung der eigenen Grenzen. Dazu gehören auch soziale Erlebnisse: die der Clique und des Seilpartners, die gemeinsam an der Bewältigung einer schwierigen Kletterstelle tüfteln. "Da Mädchen", so Kletterlehrer Stefan Winter, "durch Beweglichkeit und Feingefühl kniffelige Bewegungsprobleme oft eher lösen als Buben durch rohe Kraft", sei das Klettern auch ein ideales gemeinsames Betätigungsfeld für Buben und Mädchen.

Jeden Sonntagnachmittag schart Josef Staggl, staatlich geprüfter Bergführer im hinteren Bregenzerwald in Vorarlberg, eine Schar von Urlauberkindern um sich und geht mit ihnen klettern. Dafür hat er einen idealen Felsen ausfindig gemacht: 35 Meter hoch und mit 40 Grad ganz schön steil, aber doch nicht so steil, dass die Kids Angst haben müssten. Und - was für Anfänger wichtig ist - mit großen, henkelartigen Griffen und Tritten, in denen Hände und Füße sicheren Halt finden. "Muss ich da hinauf?", fragt der sechsjährige Markus. Und der Bergführer antwortet: "Müssen tut bei uns niemand, schau es dir einfach einmal an!"

Zuerst werden ohnehin die Hüftgurte zum Befestigen der Sicherungsseile angepasst und die Helme ausgeteilt. Die Wand ist zwar steinschlagsicher, aber schon Kinder sollen lernen, dass man ohne Helm nie klettert. Außerdem sieht es cool aus.

"Wer will anfangen?"

Jetzt werden Seilknoten geübt und dann geht's zur Sache. "Wer will anfangen?" Drei Mutige melden sich, darunter zwei Mädchen. "Wie weit muss ich da hinauf?", fragt Stefanie, die ältere Schwester des zögerlichen Markus. "So weit du möchtest", antwortet Bergführer Josef. Er und zwei der mitgekommenen Eltern sichern, und bald sind die Winzlinge nicht mehr zu halten. Klar, dass, nachdem Stefanie es geschafft hat, auch ihr Bruder will und alle anderen auch, sogar der vierjährige Tobias, der eigentlich nur als Zuschauer mitgenommen wurde.

Kein Wunder, dass sich längst auch die um Nachwuchs bemühten alpinen Vereine des Kinderkletterns angenommen haben. Der Österreichische Alpenverein organisiert Kletterkurse für Drei- bis Sechzehnjährige und vergibt dafür Kletterscheine. Und zwei Ortsgruppen der "Naturfreunde" haben vergangenes Jahr am so genannten Erikagrat in der Mödlinger Klause besonders kindergeeignete Kletterrouten eingerichtet.

Klettern als Schulsport

Da konnte auch das Klettern als Schulsport nicht ausbleiben. 1992 baute der Lehrer Reinhard Schiestl zur Freude seiner Schüler in Längenfeld im Ötztal die erste künstliche Kletterwand in einer Schule. Und 1997 wurde in Imst in Tirol die erste Sporthauptschule Österreichs mit Schwerpunkt Sportklettern und Alpinsport installiert. Viele Schulen führen inzwischen Neigungsgruppen für Sportklettern oder betreiben dieses als Teil des Turnunterrichts. Jetzt wurden auch einheitliche Richtlinien für die Ausbildung von Sportlehrern im Klettern erarbeitet.

Klettern mit Kindern bedeutet Verantwortungs-
bewusstsein. Wie jede andere mit Risiko verbundene Sportart, muss es erlernt werden. Und mehr als in irgendeiner anderen Sportart ist die Verlässlichkeit des Partners und die richtige Verwendung der Ausrüstung wichtig. Der Österreichische Alpenverein hat jetzt unter dem Titel "Check&Climb. Risikobewusst unterwegs in Klettergärten und Kletterhallen" ein Video herausgebracht, das sich besonders an Jugendliche richtet. Das Motto "Climb well and safe" sollte besonders für das Klettern von und mit Kindern gelten. (Der Standard/rondo/13/6/2003)

Tipps:
Kletterkurse für Kinder und Jugendliche: Auskünfte bei den Sektionen des Österreichischen Alpenvereins bzw. bei der ÖAV-Bergsteigerschule, Tel.: 0512 / 59547-34, www.globetrek.at oder dem Referat Sportklettern der Naturfreunde, Tel.: 0676 / 945 70 57.
Kletterkurse im Wienerwald mit Raimund Jascha
Kletterkurse rund um Arco im italienischen Trentino veranstaltet das Bergführerbüro "Friends of Arco", Tel.: 0039 / 33 / 1661 401, www.thewhiteplanet.it oder Guide Alpine di Arco, Tel.: 0039 / 0464 / 51 98 05, www.alpinguide.com.
Kletternachmittage für Kinder im Bregenzerwald. Josef Staggl, Bergführer, 05519 2710
Winter, Stefan: "Sportklettern mit Kindern und Jugendlichen. Training für Freizeit, Schule und Verein", BLV VerlagsgesellschaftmbH, München, 2000. "Check&Climb. Risikobewusst unterwegs in Klettergärten und Kletterhallen". Video. ÖAV Edition Berg&Steigen, Innsbruck 2002.

Serie: Berg- und talwärts
Von Horst Christoph
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