+++PRO&CONTRA--- Zerrissene Jeans

15. Juni 2003, 13:49
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Wir reden hier nicht über irgendeine Hose. Wir reden über Jeans. Blue Jeans. Die Königin der Hosen.

+++PRO

Von Karl Fluch

Nachdem die Jeanshose ihrem ureigentlichen Sinn nach ein Hackler-Kleidungsstück ist, trat ein Riss - sei er an der Sitzgelegenheit oder am Knie - immer schon als begleitendes "Phänomen" auf. Natürlich sorgte eine Hose mit einem geduldeten, ja herbeigesehnten Loch für Aufregung bei den hier zu Lande die Jeans bügelnden Müttern. Schuld daran war das Levis-Revival der 80er und der Erfolg von Bands wie Nirvana, die verantwortlich dafür waren, dass Jeanswracks die Weihen von MTV und in Folge der Modewelt erhielten.

Doch die zerrissene Jean hat neben ihrer Funktion als Elternschreck und möglicher Appetitanreger auf darunter verborgen liegende Leckerschmeckers auch andere Vorteile. Wenn man beispielsweise ganztägig in Cowboystiefeln steckt, hält ein wenig Sauerstoffzufuhr der Pilzkultur entgegen. Ein sexy Riss am Arsch verpflichtet wiederum, dass man Vorsorge trifft, dass dort nicht immer ein und dasselbe Stück Unterhose hervorlugt. Ein weiterer hygienischer und sozialer Vorteil.

Übertreiben kann man es allerdings auch: Designer-Jeans mit vorgefertigten Löchern, die abgenäht sind um nicht weiter einzureißen sind ebenso abzulehnen wie die solche Teile tragenden "Bon Chauvis". Die Idee der zerrissenen Jeans zart übertrieben hat jedoch der Gitarrist von Big Black, Steve Albini: In einem Live-Video aus den 80ern trug er nur noch Reste einer Hose. Ein Teil, das sich in der Mitte seines Oberschenkels auflöste und erst knapp überm Turnschuh wieder zu sich selbst fand. Wie meinte einst Helge Schneider: "Dieser Stil muss sich erst durchsetzen."

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---CONTRA

Von Lisa Nimmervoll

Wir reden hier nicht über irgendeine Hose. Wir reden über Jeans. Blue Jeans. Die Königin der Hosen. Ende der Durchsage, möchte die Puristin meinen. Denn damit ist eigentlich alles gesagt, was gegen zerrissene Beinkleider aus Denim spricht. Gute Jeans - authentic style - müssen nur drei Voraussetzungen erfüllen, um als echte durchzugehen: Sie müssen blau sein. Geknöpft werden. Vor allem aber frei von jeglichem Schnickschnack! Also: Keine Löcher, keine Risse (absolutes No No sind gekaufte!), um Himmels Willen keine Pailletten und Applikationen oder gar Bügelfalten und sonstige Schrecknisse unter der Gürtellinie.

Wer diese Regeln befolgt, hat die Lizenz zum Jeanstragen. Und dann beginnt die Arbeit an der perfekten Jeans. Es ist ein hartes Stück Arbeit, sich die widerwillige Blaue anzueignen. Aber es ist auch eine der besten Erfahrungen im Leben, eine neue Jeans richtig einzugehen. Und eines der Dinge im Leben, die frau (und auch man) selbst erledigen muss. Langsam, aber sicher wird sie immer besser. Eines Tages ist sie vollkommen. Sitzt wie angegossen. Wird den Thron der Lieblingshose besteigen - und reißen. Am Knie oder am Po, den integrierten Sollbruchstellen. Es wird weh tun. Aber es wird auch ein Neuanfang sein. Neue Jeans, neues Glück!

Denn wir reden hier nicht über irgendeine Hose. Wir reden über Jeans. Und die wiesen immer schon über sich hinaus. Darum ließ Ulrich Plenzdorf seinen Helden in den neuen Leiden des jungen W. auch sagen: "Jeans sind eine Einstellung und keine Hose." (Der Standard/rondo/13/06/2003)

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