Kopf des Tages: Ein Kinderarzt empfiehlt den Terrorismus

11. Juni 2003, 20:04
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Angriff überlebt: Abdel-Aziz Rantissi, die Nummer zwei der Hamas.

Der israelische Raketenangriff, den er am Dienstag leicht verletzt überlebte, hat Abdel-Aziz Rantissi wohl zum bekanntesten Gesicht der Hamas gemacht. Schon zuvor hatte er sich aber sichtbar zur Nummer zwei der radikalen Palästinensergruppe entwickelt, gleich hinter ihrem Gründer Ahmed Yassin. Denn der gelähmte Scheich mit der Fistelstimme spricht nur Arabisch, während Rantissi die beliebteste Adresse ist, wenn die Nachrichtenagenturen rasch englische Hamas-Soundbites einholen müssen.

Der 55-jährige Kinderarzt gehört mit Mahmud Al-Sahar und Ismail Abu-Shanab zu einer Riege inoffizieller Hamas-Führer, die Doktortitel tragen und regelmäßig bei CNN, BBC und Sky-News erläutern, warum jeder Kompromiss mit Israel die Palästinenser ins Verderben führen würde.

Dass nicht klar ist, welche Kompetenzen Rantissi eigentlich hat, ist für die diffuse Hierarchie der Hamas charakteristisch. Geografisch gibt es eine Aufteilung in eine "Inlands-Hamas" mit Schwerpunkt in Gaza und eine "Auslands-Hamas", deren Apparatschiks durch arabische Staaten gondeln. Ob die taktische Richtung - sprich die Dosierung der Anschläge - vom "Inland" oder vom "Ausland" bestimmt wird, darüber rätseln die Terrorexperten.

Funktionell teilt sich die Hamas in einen Wohltätigkeitsflügel, der sich um Schulunterricht und Essenspakete kümmert, und in "Iseddin-el-Kassam"-Zellen, die Selbstmordterroristen mit Sprengstoffgürteln versorgen. In einer Grauzone zwischen der politischen und der militärischen Ebene bewegt sich Rantissi, der niemals eine direkte Verbindung zum Terror eingestanden, aber zwischen den Zeilen die Anschläge immer gerechtfertigt hat.

Deutlicher denn je wurde Rantissi vergangenen Sonntag, als er einen Angriff auf eine israelische Armeestellung als Botschaft an Premier Mahmud Abbas begrüßte: "Die vereinte Entscheidung unseres Volkes für den Heiligen Krieg und den Widerstand" sei demonstriert worden. Die Israelis wollen den USA jetzt Beweise dafür vorlegen, dass Rantissi selbst nach dem Gipfel von Akaba die Intensivierung des Terrors empfohlen und daher die "Liquidierung" verdient habe.

1947 in Yabna bei Tel Aviv geboren, wuchs Rantissi im Flüchtlingslager Khan Yunis im Gazastreifen auf und studierte im ägyptischen Alexandria, wo er sich den Muslim-Brüdern anschloss, Medizin. 1989 wurde Rantissi in der Hamas aktiv und 1992 als Sprecher jener 415 Islamisten bekannt, die Israels damaliger Premier Yitzhak Rabin in den Libanon abschob. 1999 steckte ihn die Palästinensische Behörde für 21 Monate ins Gefängnis. "Wir werden keinen einzigen Juden in Palästina übrig lassen", drohte Rantissi nun von seinem Spitalsbett aus dem "Schwein Sharon".(DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2003)

Von Ben Segenreich
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