Vertrauensbildende Maßnahmen in Nach-Enron-Ära hoch im Kurs

11. Juni 2003, 19:21
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Die Schaffung von einheitlichen und strengeren Bilanzstandards soll den Investoren weltweit wieder Sicherheit geben

Wien - Die Bilanzskandale in den USA (Enron, WorldCom) haben, wie die Unregelmäßigkeiten bei europäischen Unternehmen wie dem Einzelhandelskonzern Ahold, das Vertrauen der Anleger am Ende des alten Jahrtausends erschüttert. Auch der rasante Einbruch an den Aktienmärkten ist zum Teil auf solche Praktiken zurückzuführen. Nun mühen sich Unternehmen wie Bilanzprüfer, bei Investoren wieder Vertrauen in die Zahlen zu wecken. "Enron war der Schlag auf den Solar Plexus der internationalen Kapitalmärkte", sagte der Rechnungslegungsexperte Hans-Georg Bruns vom International Accounting Standards Board (IAS) beim Europa Forum der Bank Austria Creditanstalt am Mittwoch. Er brach eine Lanze für international gültige und akzeptierte Bilanzierungsstandards, wie sie die EU bis zum Jahr 2005 schaffen wolle. Zugleich warnte Bruns davor, die Investoren mit einem Zahlenberg zuzuschütten: "Derzeit schlägt das Pendel sehr stark in Richtung zu viel Informationen aus, die nahezu nicht mehr verarbeitbar sind."

In dieselbe Kerbe schlägt Wienerberger-Chef Wolfgang Reithofer. Bei in den Bilanzen enthaltenen Informationen sei es notwendig, die Mitte zu finden. Um das Vertrauen wiederzugewinnen, seien Ehrlichkeit, Ausdauer und Nachhaltigkeit erforderlich, ohne aber den Shareholder-Value aus den Augen zu verlieren. "Man muss den Aktionären ein richtiges Bild von der Lage des Unternehmens vermitteln", sagt Reithofer.

Bei der Angleichung der verschiedenen Bilanzierungsstandards gibt es zwei Trends: In Europa setzt man auf verschärfte gesetzliche Bestimmungen, während man in Großbritannien und den USA eher auf die Kraft der Selbstregulierung vertraut. Diese zwei Ansätze unter einen Hut zu bringen und so weltweit einheitliche Rechnungslegungsstandards zu schaffen ist eine Sache von Jahren, meint auch Adam Kinsley, der Chef der Londoner Börse. Neben strengeren Bilanzrichtlinien sei aber auch ein wesentlich effektiveres Regulierungssystem erforderlich, so Kinsley. Er meint, dass sich Firmen schon deswegen an Regeln halten würden, weil sie bei Verstößen mit höheren Kapitalkosten bestraft würden.

Im Rahmen des Europa Forums sind in Wien internationale Politikprominenz, Topmanager und Wirtschaftsexperten aus 15 Ländern zusammengekommen, um über die zukünftige Rolle Europas in der Weltpolitik zu diskutieren. (rose, Der Standard, Printausgabe, 12.06.2003)

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