Der Werdegang des nächsten Bundespräsidenten Deutschlands
Seine Visitenkarte für die
Wahl zum deutschen Bundespräsidenten musste Joachim Gauck diesmal gar
nicht mehr abgeben. Das hatte er schon Mitte 2010 getan, als
Gegenkandidat von Christian Wulff, der am Freitag zurücktrat.
Gauck hat damals offensichtlich Eindruck gemacht - beim Volk,
aber auch bei Kanzlerin Angela Merkel.
Seinen Wahlkampf 2010 hatte ein Hauch des Wendejahrs 1989
umweht. Der wortmächtige Theologe vermochte dabei selbst Barack
Obamas zwei Jahrzehnte später weltberühmt gewordenen Spruch mit
der friedlichen Revolution in der DDR zu verknüpfen. "Ich bin
mir sicher, dass unser deutsches 'Yes we can' das sächsische
'Wir sind das Volk' war", sagte der Pastor und einstige Herr
über die Stasi-Akten damals - und zog damit eine Parallele
zwischen dem US-Präsidenten und den Leipziger
Montagsdemonstranten, die im Herbst 1989 das Ende des
SED-Regimes einläuteten.
Im Volk war Gauck schon 2010 beliebt. Würde das
Staatsoberhaupt vom Volk gewählt, hätte der Nachfolger des kurz
zuvor überraschend zurückgetretenen Horst Köhler Umfragen
zufolge eindeutig Gauck geheißen - und nicht Wulff. Er war durch
die Lande gezogen und hatte für sich die Werbetrommel gerührt.
Als Leitmotiv zog sich die Freiheit durch alle Reden des
Mecklenburgers. Er selbst beschreibt sich als "linker, liberaler
Konservativer" und hatte sich auch als Kandidat der Koalition
für möglich gehalten, bevor ihn SPD und Grüne ins Rennen
geschickt hatten. Keine zwei Jahre später ist er es dann doch:
parteiübergreifender Kandidat, auch von Kanzlerin Angela Merkel
unterstützt.
Dabei verbindet ihn mit der CDU-Chefin gegenseitige Sympathie.
Die Kanzlerin lobte Gauck zu dessen 70. Geburtstag: "Sie haben
sich in herausragender, unverwechselbarer Weise um unser Land
verdient gemacht: als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und
Freiheitsdenker. Als Versöhner und Einheitsstifter in unserem
jetzt gemeinsamen Land. Und als Mahner und Aufarbeiter des
SED-Unrechts - und damit als Mann, der immer wieder an
historische Verantwortung erinnert." Bereits 1999 gab es einen
Vorschlag aus der CSU, Gauck gegen den dann zum
Bundespräsidenten gewählten SPD-Politiker Johannes Rau ins
Rennen zu schicken. Damals lehnte Gauck dankend ab.
Schon früh auf Distanz zum Sozialismus in der DDR
Der 1940 in Rostock geborene Kapitänssohn ging früh zum
Sozialismus in der Prägung der DDR und der Sowjetunion auf
Distanz. Bereits als Neunjähriger habe er gewusst, "dass der
Sozialismus ein Unrechtssystem war". Sein Vater wurde 1951 von
der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und zu Zwangsarbeit in
Sibirien verurteilt, aus der er vier Jahre später heimkehrte.
Weil Gauck weder bei den Jungen Pionieren noch bei der
Freien Deutschen Jugend mitmachte, konnte er seinen Wunsch,
Journalist zu werden, in der DDR nicht verwirklichen. Er studierte
stattdessen Theologie und trat 1965 in den Dienst der
Evangelischen Landeskirche von Mecklenburg ein. Als Pastor
geriet er bald in das Visier des "VEB Horch, Guck und Greif",
dessen Regime er im vereinigten Deutschland aufarbeiten sollte.
"Akten einer Diktatur sind Apotheke gegen Nostalgie"
Im Herbst 1989 gehörte Gauck zu den Mitbegründern des Neuen
Forums und predigte in der Rostocker Marienkirche zum Auftakt
der Demonstrationen für Freiheit und Einheit. Er wurde 1990 in
die Volkskammer gewählt und übernahm die Leitung des
Sonderausschusses für die Aufarbeitung des Stasi-Unrechts. Am 2.
Oktober 1990 - dem letzten Tag der DDR - wurde er von der Volkskammer
zum
Beauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt und am 3. Oktober von der Bundesregierung bestätigt. Die
Behörde sollte schließlich seinen Namen tragen.
"Die Akten einer Diktatur sind die Apotheke gegen
Nostalgie", wandte sich Gauck gegen die in Ostdeutschland
verbreitete DDR-Verklärung. Besonders heftig stritt er sich mit
dem einstigen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred
Stolpe (SPD) über dessen Stasi-Kontakte. Auch mit Gregor Gysi
focht er manchen Strauß aus.
Die Erinnerung an die erste freie Volkskammerwahl 1990 lässt
Gaucks Augen auch heute noch feucht werden und wirkt wie eine
Mahnung an die Nichtwähler, ihr Handeln zu überdenken. Als er am
18. März 1990 seine Stimme abgegeben habe, sagte Gauck einmal,
da sei "alle Freiheit Europas in das Herz des Einzelnen
gekommen. Ich wusste: Nie, nie und nimmer wirst du auch nur eine
Wahl versäumen." Demnächst wird er wieder bei einer Wahl dabei
sein. Dass er dabei kein Stimmrecht hat, wird er verschmerzen. (Reuters)