Mit der Ernennung von 22 neuen Kardinälen, die am Samstag im Petersdom gefeiert wurde, stärkt Papst Benedikt XVI. das Gewicht Europas - entgegen der sinkenden Bedeutung des alten Kontinents für die Kirche.
Das feierliche Konsistorium im Petersdom wurde nach einem neuen,
vereinfachten Ritus durchgeführt. Der Papst verkündete die Namen der 22
neuen Kardinäle, setzte ihnen das rote Birett auf, wies ihnen
Titelkirchen in Rom zu und überreichte ihnen gleichzeitig den
Kardinalsring. In seiner Predigt forderte er die neuen Purpurträger auf,
in der Leitung der Weltkirche eng mit ihm zusammenzuarbeiten. Sie
müssten herausragende Diener der Kirche sein, die "nicht der weltliche
Stil der Macht und der Herrlichkeit" präge.
Als deutliche Absage an immer wieder kursierende Rücktrittsgerüchte
wurde der Schlusssatz des Papstes interpretiert: "Betet auch für mich,
damit ich das Steuer der heiligen Kirche mit milder Bestimmtheit führen
kann." Mit dem vierten Konsistorium im Pontifikat Benedikts erhöhte sich
die Gesamtzahl der Kardinäle auf 213. Die Zahl der Wahlberechtigten
(unter 80 Jahren) ist auf 125 angestiegen und hat damit die von Paul VI.
festgelegte Höchstgrenze überschritten. Allerdings werden bereits heuer
mehrere Kardinäle wegen der Altersregelung wieder ausscheiden.
Entgegen allen Ankündigungen und Prognosen bestätigt Joseph Ratzingers
jüngstes Konsistorium eine unbestreitbare Tendenz: Es stärkt das Gewicht
Europas, wo die Relevanz der Kirche abnimmt, und schwächt den Einfluss
Lateinamerikas, wo weltweit die meisten Katholiken leben. Obwohl der
Papst gerade erst von einer Reise nach Benin zurückgekehrt ist, scheint
auf der Liste der neuen Kardinäle kein einziger Afrikaner auf. Und
obwohl Benedikt XVI. in Kürze Kuba und Mexiko besucht, findet sich kein
residierender lateinamerikanischer Bischof unter den Purpurträgern.
Der Norden der Welt stellt in Zukunft im exklusiven Gremium mit 83 mehr
als doppelt so viele Vertreter als Asien, Afrika und Lateinamerika
zusammen. Gut die Hälfte sind Europäer. Wie in früheren Jahrzehnten
wächst der Einfluss Italiens und der römischen Kurie. Unverhältnismäßig
scheint vor allem das Gewicht der Italiener, die nun mit 30 Mitgliedern
fast ein Viertel des Konklaves stellen und damit bei der Papstwahl ein
entscheidendes Wort mitreden.
Der Anteil der Vertreter der Kurie (Leitung und Verwaltung der Kirche)
ist unter dem Pontifikat Ratzingers auf 41 Prozent angestiegen - unter
Johannes Paul II. waren es 29 Prozent. Benedikt XVI. wird demnächst 85
und hat mit Ausnahme einer Hüftarthrose keine gesundheitlichen Probleme.
Doch langfristig formieren sich im Kardinalskollegium Koalitionen für
eine zukünftige Papstwahl. Derzeit gilt der neue Mailänder Erzbischof
Angelo Scola als aussichtsreichster Kandidat. Viele außereuropäische
Kardinäle wünschen sich dagegen den Argentinier Leonardo Sandri oder den
Kanadier Marc Quellet als zukünftigen Papst.
In der ersten Versammlung nach dem jüngsten Konsistorium meldeten sich
27 Kardinäle zu Wort, unter ihnen der Wiener Christoph Schönborn. Viele
übten Kritik am Führungsstil der Kurie, der das Ansehen der Kirche
beeinträchtige. Andere bemängelten die Beförderung italienischer
Bischöfe, die Staatssekretär Tarcisio Bertone nahestehen. Dagegen sei
etwa der Erzbischof von Manila, Luis Antonio Tagle, nicht berücksichtigt
worden, obwohl auf den Philippinen mehr als 100 Millionen Katholiken
leben.
Kritiker vermissen unter den neuen Kardinälen eine Reihe von
Erzbischöfen, deren Sitz traditionell mit der Kardinalswürde verbunden
ist wie Buenos Aires und Philadelphia. Dagegen wird mit dem Erzbischof
von Hongkong, John Tong Hon, erstmals ein Chinese am Konklave
teilnehmen. Zu den Überraschungen der jüngsten Kardinalkür gehört der
Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki, der weitaus jüngste des
Kollegiums: "Dass ich mit 55 jung sein soll, ist für mich
gewöhnungsbedürftig." (DER STANDARD-Printausgabe, 20.02.2012)