Sorge um Rechte der Frauen - Journalistin tot gefunden
Tripolis - Für sich selbst hat sie bisher noch keinen Platz im neuen
Libyen gefunden. "Viele, die lange das alte Regime unterstützt haben,
spielen sich jetzt als glühende Demokraten auf, und Leute, die korrupt
waren und vom System profitierten, konnten ihre Jobs behalten",
kritisiert die 40-jährige Journalistin Iman (Name von der Red. geändert). Ein Jahr nach der Revolution ist ihr nicht zum Feiern zumute.
Nach dem
Fall von Tripolis wurde in ihr Haus eingebrochen. Vieles wurde
gestohlen, darunter auch wertvolle Originale libyscher Maler. Imans Mann
stammt aus Gaddafis Heimatstadt Sirte. Mehreren Familien wurden dort die
Häuser von bewaffneten Brigaden weggenommen, ohne richterlichen Bescheid
und ohne Möglichkeit, sich zu wehren. "Niemand schreibt über diese
intern Vertriebenen und die Gesetzeslosigkeit, die kein gutes Licht auf
den Neuanfang werfen", sagt die Journalistin.
Imans ehemalige Zeitung
wurde von einem Verlag herausgegeben, der dem Gaddafi-Sohn Seif al-Islam
nahestand. Seif sei wie alle ein Opfer seines Vaters gewesen, der seit
mindestens zehn Jahren verrückt gewesen sei. Iman sieht bisher keinen
echten Neuanfang und hat vor allem Angst, dass die Frauen die Verlierer
der neuen Ordnung sein könnten. "Im Stadtteil Souk al-Jouma gibt es
bereits Schulen, in denen Mädchen und Knaben getrennt werden. Auch an
der Universität ist entsprechender Druck zu spüren", begründet sie ihre
Sorge.
Am Wochenende drang die Nachricht an die Öffentlichkeit, eine
Kollegin von Iman, die prominente und Gaddafi-treue Fernsehmoderatorin
Hala Misrati, sie in einem Gefängnis in Tripolis tot aufgefunden worden.
Die Justiz dementierte die Todesnachricht. (af, DER STANDARD-Printausgabe, 20.02.2012)