Nicht alle Libyer wollen feiern

19. Februar 2012, 19:56
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Sorge um Rechte der Frauen - Journalistin tot gefunden

Tripolis - Für sich selbst hat sie bisher noch keinen Platz im neuen Libyen gefunden. "Viele, die lange das alte Regime unterstützt haben, spielen sich jetzt als glühende Demokraten auf, und Leute, die korrupt waren und vom System profitierten, konnten ihre Jobs behalten", kritisiert die 40-jährige Journalistin Iman (Name von der Red. geändert). Ein Jahr nach der Revolution ist ihr nicht zum Feiern zumute.

Nach dem Fall von Tripolis wurde in ihr Haus eingebrochen. Vieles wurde gestohlen, darunter auch wertvolle Originale libyscher Maler. Imans Mann stammt aus Gaddafis Heimatstadt Sirte. Mehreren Familien wurden dort die Häuser von bewaffneten Brigaden weggenommen, ohne richterlichen Bescheid und ohne Möglichkeit, sich zu wehren. "Niemand schreibt über diese intern Vertriebenen und die Gesetzeslosigkeit, die kein gutes Licht auf den Neuanfang werfen", sagt die Journalistin.

Imans ehemalige Zeitung wurde von einem Verlag herausgegeben, der dem Gaddafi-Sohn Seif al-Islam nahestand. Seif sei wie alle ein Opfer seines Vaters gewesen, der seit mindestens zehn Jahren verrückt gewesen sei. Iman sieht bisher keinen echten Neuanfang und hat vor allem Angst, dass die Frauen die Verlierer der neuen Ordnung sein könnten. "Im Stadtteil Souk al-Jouma gibt es bereits Schulen, in denen Mädchen und Knaben getrennt werden. Auch an der Universität ist entsprechender Druck zu spüren", begründet sie ihre Sorge.

Am Wochenende drang die Nachricht an die Öffentlichkeit, eine Kollegin von Iman, die prominente und Gaddafi-treue Fernsehmoderatorin Hala Misrati, sie in einem Gefängnis in Tripolis tot aufgefunden worden. Die Justiz dementierte die Todesnachricht. (af, DER STANDARD-Printausgabe, 20.02.2012)

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