Kopf des Tages: Kluger Erzähler deutscher Kinogeschichten

Bärig beglaubigter Regisseur: Christian Petzold, 51

Im dritten Anlauf hat es geklappt. Mit Gespenster und Yella war Christian Petzold bereits in früheren Berlinale-Wettbewerben vertreten. Die Jury der 62. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele hat ihm nun für sein konzentriertes und von vielen Beobachtern favorisiertes Drama Barbara verdientermaßen den Regiepreis zuerkannt: Nach vielen Fernseh- und Kritikerpreisen, die der Regisseur in den vergangenen zehn Jahren erhalten hat, nahm er Samstagabend sichtlich bewegt einen Silbernen Bären entgegen.

Geboren wurde Christian Petzold 1960 in Hilden in Nordrhein-Westfalen. Seine Eltern stammten aus Ostdeutschland, Familienurlaube verbrachte man auch in der DDR - weshalb, so erzählte der Regisseur bei der Berlinale, in die Gestaltung von Barbara, der 1980 ebendort spielt, auch eigene Erinnerungen eingeflossen sind. Von 1988 bis 1994 studierte Petzold an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in West-Berlin. Aus dieser Zeit rührt die Verbindung mit dem damaligen Lehrer und späteren Arbeitspartner Harun Farocki sowie zu Regisseuren wie Thomas Arslan oder Angela Schanelec.

Das Schlagwort "Berliner Schule" wurde zu einer Art Dachmarke für die an der Beobachtung der eigenen Umgebung, an Filmgeschichte und (Pop-)Kultur geschulten, eigenwilligen Arbeiten, die diese DFFB-Absolventengeneration seit den späten 90er-Jahren veröffentlichte. Wichtiger Kooperationspartner waren dafür neben dem Filmproduzenten Florian Koerner von Gustorf auch diverse Fernsehanstalten. Ein Kontext, dessen Formatierungen und Vorgaben Petzold gekonnt ausreizte. Im Vorjahr etwa erst beim Projekt Dreileben, einem abendfüllenden TV-Experiment, zu dem Dominik Graf, Christoph Hochhäusler und Petzold selbst je einen neunzigminütigen Anti-Krimi beisteuerten.

Bei Toter Mann wiederum, produziert von ZDF und Arte, tauchte 2002 erstmals eine Darstellerin im Petzold-Universum auf, die die damalige Heldin, eine Wiedergängerin klassischer, kühler Femmes fatales kongenial zu verkörpern wusste: Nina Hoss avancierte seither zu Petzolds bevorzugter "Leading Lady", für ihre Leistung in Yella erhielt sie 2007 den Darstellerinnenpreis der Berlinale, in Barbara spielt sie die Titelfigur, eine in die Provinz zwangsversetzte Ärztin. Privat ist Petzold seit vielen Jahren mit der Dokumentarfilmerin Aysun Bademsoy verbunden, das Paar hat zwei Kinder und lebt in Berlin. (Isabella Reicher  / DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)

 

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