Ein Kandidat, dem sowohl Linke als auch CDU/CSU begeistert applaudieren würden, wird sich ohnehin kaum finden
Wenn sich die oppositionelle Linkspartei über Zustände in Deutschland
echauffiert, dann geschieht dies oft unter großem Theaterdonner.
Manchmal muss man fast fürchten, der Untergang der Bundesrepublik stehe
unmittelbar bevor, so laut sind die Klagen.
Aktuell kritisieren die Linken, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sie
bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten ausschließt. Man kann
die Linke verstehen und umgekehrt konsterniert konstatieren: Kaum jemand
versteht, warum Merkel dies tut.
Völlig klar: Ein Kandidat, dem sowohl Linke als auch CDU/CSU begeistert
applaudieren würden, wird sich ohnehin kaum finden. Geeignete
Persönlichkeiten, auch wenn sie nicht in Parteien aktiv sind, sind keine
weißen Blätter, sondern haben allesamt eine Überzeugung. Und die klafft
bei Schwarzen und Dunkelroten nun einmal in den allermeisten Fällen weit
auseinander.
Aber die Linke von vornherein bei den Gesprächen auszuschließen ist
instinktlos. Die Affäre Wulff hat Deutschland tief gespalten, eine
symbolische Demonstration von Gemeinsamkeit wäre kein Fehler gewesen.
Außerdem wurde die Linke bei der Bundestagswahl 2009 von fünf Millionen
Menschen gewählt, hauptsächlich im Osten. Diese stößt ausgerechnet die
Ostdeutsche Merkel nun vor den Kopf, indem sie sie wie Schmuddelkinder
behandelt, mit denen man besser nicht verkehrt. (DER STANDARD-Printausgabe, 20.02.2012)