In der syrischen Hauptstadt Damaskus regiert das Misstrauen - Die Überwachung des Sicherheitsapparats verbreitet Angst - Überfälle und Entführungen nehmen trotzdem zu
Der Präsident in legerem Outfit pflanzt ein kleines grünes
Bäumchen. Das ist das erste Bild, das der Besucher am Flughafen von
Damaskus von Präsident Bashar al-Assad zu sehen bekommt. "Als er im Jahr
2000 an die Macht kam, hat er versprochen, aus Syrien ein Land zu
machen, auf das alle stolz sind und in dem sie gerne leben; heute wollen
alle nur weg", sagt Kazem, der in der historischen Altstadt ein Geschäft
führt. Die Stimmung in Damaskus erinnert an die bedrückende Atmosphäre
der späten 80er-Jahre, als noch Vater Hafez das Szepter in der Hand
hielt.
Die Millionenmetropole ist ein graues Häusermeer mit sozialistischem
Charme. Erst in den letzten Jahren gab es ein paar Farbtupfer. Als Folge
der wirtschaftlichen Öffnung entstanden moderne Geschäftshäuser,
Restaurants und Kaffees. Im Zentrum ist ein futuristisches Gebäude
geplant. Jetzt stehen alle Bauarbeiten still.
Und die Menschen haben wieder Angst. Vor allem einfache Leute fürchten
sich davor, Ausländer anzusprechen. Der Sicherheitsapparat hat seine
Augen und Ohren überall. "Nicht einmal mit seinem Bruder spricht man
mehr über Politik", umschreibt ein Kurde aus Qamishli die Atmosphäre des
Misstrauens. Gesprochen wird nur in geschützten Räumen, am liebsten im
Auto.
Stromabschaltungen, Entführungen und Überfälle auf Autos zwingen vor
allem Frauen, ihre Gewohnheiten zu ändern und abends die Straßen zu
meiden. "Früher gingen wir zwischen 22 Uhr und 2 Uhr in der Früh aus,
jetzt sitzen wir zu Hause", sagt eine Lehrerin. Viele Monate blieb die
Hauptstadt von der Revolte verschont, in den letzten Tagen ist sie
mitten in der Stadt angekommen. Jetzt gibt es auch hier Tote.
Ausgenommen sind nur noch die vornehmen zentrumsnahen Wohnbezirke. Aber
auch hier sind die schicken Lokale meist leer. Auf dem Kulturprogramm
steht nur noch hin und wieder ein Theaterstück. Das Regime organisiert
in der Altstadt regelmäßig Aufmärsche. Aber die Teilnehmer scheinen sich
nicht wohlzufühlen. Fotografiert werden wollen sie jedenfalls nicht. Die
Ausländer, die sich noch hierher verirren, sind offenbar Russen. "Viele
Syrer haben in Russland studiert und dort geheiratet. Aber auch die
Russen auf der Militärbasis in Tartous und in den zahlreichen russischen
Institutionen sind in letzter Zeit eindeutig mehr geworden", erklärt
eine Lehrerin.
Wer es wirklich wissen will, ist über die Eskalation der militärischen
Auseinandersetzungen unterrichtet. "Der staatliche Fernsehsehnder
Al-Dunya ist das eine Extrem, Al-Jazeera das andere, und wenn man noch
Bekannte vor Ort angerufen hat, kann man ein recht gutes Bild zeichnen",
schildert ein Geschäftsmann seine Nachrichtenbeschaffung. Der
Geschäftsmann hat sich wie viele Syrer - man munkelt auch Mitglieder des
Regimes - Fluchtpläne zurechtgelegt. Seine Frau arbeitet bereits seit
einigen Monaten in Dubai, die Kinder gehen dort zu Schule. Und die
Gepäckberge der Passagiere beim Abflug in Damaskus verraten, dass es
keine kurze Vergnügungsreise wird. In der Check-in-Halle hängen riesige
Porträts eines grimmig blickenden Assad. "Wir sind alle mit dir", steht
darauf. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)