"Nicht mal mit dem Bruder spricht man mehr über Politik"

Reportage19. Februar 2012, 19:00
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In der syrischen Hauptstadt Damaskus regiert das Misstrauen - Die Überwachung des Sicherheitsapparats verbreitet Angst - Überfälle und Entführungen nehmen trotzdem zu

Der Präsident in legerem Outfit pflanzt ein kleines grünes Bäumchen. Das ist das erste Bild, das der Besucher am Flughafen von Damaskus von Präsident Bashar al-Assad zu sehen bekommt. "Als er im Jahr 2000 an die Macht kam, hat er versprochen, aus Syrien ein Land zu machen, auf das alle stolz sind und in dem sie gerne leben; heute wollen alle nur weg", sagt Kazem, der in der historischen Altstadt ein Geschäft führt. Die Stimmung in Damaskus erinnert an die bedrückende Atmosphäre der späten 80er-Jahre, als noch Vater Hafez das Szepter in der Hand hielt.

Die Millionenmetropole ist ein graues Häusermeer mit sozialistischem Charme. Erst in den letzten Jahren gab es ein paar Farbtupfer. Als Folge der wirtschaftlichen Öffnung entstanden moderne Geschäftshäuser, Restaurants und Kaffees. Im Zentrum ist ein futuristisches Gebäude geplant. Jetzt stehen alle Bauarbeiten still.

Und die Menschen haben wieder Angst. Vor allem einfache Leute fürchten sich davor, Ausländer anzusprechen. Der Sicherheitsapparat hat seine Augen und Ohren überall. "Nicht einmal mit seinem Bruder spricht man mehr über Politik", umschreibt ein Kurde aus Qamishli die Atmosphäre des Misstrauens. Gesprochen wird nur in geschützten Räumen, am liebsten im Auto.

Stromabschaltungen, Entführungen und Überfälle auf Autos zwingen vor allem Frauen, ihre Gewohnheiten zu ändern und abends die Straßen zu meiden. "Früher gingen wir zwischen 22 Uhr und 2 Uhr in der Früh aus, jetzt sitzen wir zu Hause", sagt eine Lehrerin. Viele Monate blieb die Hauptstadt von der Revolte verschont, in den letzten Tagen ist sie mitten in der Stadt angekommen. Jetzt gibt es auch hier Tote.

Ausgenommen sind nur noch die vornehmen zentrumsnahen Wohnbezirke. Aber auch hier sind die schicken Lokale meist leer. Auf dem Kulturprogramm steht nur noch hin und wieder ein Theaterstück. Das Regime organisiert in der Altstadt regelmäßig Aufmärsche. Aber die Teilnehmer scheinen sich nicht wohlzufühlen. Fotografiert werden wollen sie jedenfalls nicht. Die Ausländer, die sich noch hierher verirren, sind offenbar Russen. "Viele Syrer haben in Russland studiert und dort geheiratet. Aber auch die Russen auf der Militärbasis in Tartous und in den zahlreichen russischen Institutionen sind in letzter Zeit eindeutig mehr geworden", erklärt eine Lehrerin.

Wer es wirklich wissen will, ist über die Eskalation der militärischen Auseinandersetzungen unterrichtet. "Der staatliche Fernsehsehnder Al-Dunya ist das eine Extrem, Al-Jazeera das andere, und wenn man noch Bekannte vor Ort angerufen hat, kann man ein recht gutes Bild zeichnen", schildert ein Geschäftsmann seine Nachrichtenbeschaffung. Der Geschäftsmann hat sich wie viele Syrer - man munkelt auch Mitglieder des Regimes - Fluchtpläne zurechtgelegt. Seine Frau arbeitet bereits seit einigen Monaten in Dubai, die Kinder gehen dort zu Schule. Und die Gepäckberge der Passagiere beim Abflug in Damaskus verraten, dass es keine kurze Vergnügungsreise wird. In der Check-in-Halle hängen riesige Porträts eines grimmig blickenden Assad. "Wir sind alle mit dir", steht darauf. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)

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    Beim Teshrin-Militärspital in Damaskus findet ein Begräbnis zweier syrischer Soldaten statt. Laut amerikanischen Medienberichten setzen die USA Drohnen in Syrien ein.

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