Über die Verrohung einer dörflichen Gemeinschaft erzählen Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern": eine feine Inszenierung von Schirin Khodadadian, die Abgründe ungerührt zeigt
Wien - Der Vorhang des Wiener Volkstheaters hat sich erst ein Stück weit
gehoben: Man sieht die Landbewohner in Martin Sperrs Jagdszenen aus
Niederbayern zunächst vom Hosenbund abwärts, und schon meint man sie als
gemeine Treter in- und auswendig zu kennen. Sperrs dramatischer
Geniestreich (1966) spielt draußen, auf dem plattesten Land, dort, wo
man Menschen unklarer Verdächtigungen wegen zu Freiwild erklärt. Einen
Schwulen kann man verächtlich machen; ein Mädchen, das von ihm ein Kind
erwartet, ist eine "Hur''".
Sperr (1944-2002) galt als einer der
symbolischen Ziehsöhne der großen bayerischen Stückeschreiberin
Marieluise Fleißer. Er verstand es nicht nur, den Leuten aufs Maul zu
schauen, er besaß einen tiefer reichenden sozialpsychologischen
Röntgenblick. Seine Jagdszenen nehmen sich aus dem Abstand von einem
halben Jahrhundert wie eine Illustration zu Elias Canettis
Massenpsychologie aus: Rechtschaffene Menschen bilden nichtiger Anlässe
wegen Hetzmeuten.
Die Dörfler in "Reinöd" kommen gar nicht aus dem
Verdachtschöpfen heraus: Abram (Simon Mantei) wurde im nahen Landshut
bei gleichgeschlechtlichen Zärtlichkeiten ertappt. Prompt sagt sich
seine Mutter (Claudia Sabitzer), eine arme Tagelöhnerin, von ihrem "
missratenen" Söhnchen los. Das ganze Gemeinwesen gleicht einer offenen
Baustelle: Eine Verbundbaracke mit Wohndach und finsteren Durchblicken
(Bühne: Hugo Gretler) nötigt die Dörfler zum Sozialsein. Rückzugsräume
sind in Schirin Khodadadians präzise inszenierter Aufarbeitung eines
Kriminalfalls keine vorgesehen. Auf den fettglänzenden Zügen der Frauen,
die in Fleischerkübeln wühlen, während Tierblut an der Wand verstrichen
wird, äußert sich Genugtuung: Das allgemeine Moralempfinden hat endlich
ein Opferlamm ausgespäht.
Es gehört zu den vielen Vorzügen dieser
Aufführung, dass sie die Opfer benennt, sich für die "Täter" aber
interessiert. Abram, in seiner brütenden Ruhe bereits ein städtisch
infizierter Kopf, sticht heraus aus der Stirnreihe der lauernden
Landarbeiter. In Wahrheit ist die Ordnung aus den Fugen: Wild schnaubend
scheitert Knecht Volker (Günter Franzmeier) am Sägen einfacher
Holzlatten. Khodadadian denunziert niemanden. Sie zeigt die
unausgeschöpften Potenziale abgenutzter Menschen, denen jeder Versuch
der Zuwendung auf das grässlichste missrät.
Panzer aus Unleidlichkeit
Und so gehört der verwitweten Bäuerin Maria (Martina Stilp) und ihrem
Volker die trostlos-schönste Liebesgeschichte. Sie schirmt ihr Herz mit
einem Panzer aus Unleidlichkeit. Er grämt sich unsäglich wegen seines
steifen Beins und vergeht sich an Tonka (Nanette Weidmann), die wiederum
von Abram schwanger ist. Marias angeblich blöder Sohn (Robert Prinzler)
ist ein feinhöriger Exzentriker mit Haartolle, der das Gras wachsen und
den Krieg toben hört. Das Stück spielt "nach der Währungsreform". Es ist
trotzdem kein Friedens-, sondern ein Kriegsstück, in dem ein
vielstimmiges Ensemble von der Verkommenheit der Welt erzählt. Ein
Mädchen muss sterben, ein "Andersartiger" wird im Gefängnis verräumt.
Teils heftiger Applaus für das Wiener Volkstheater, das zu seiner
Sprödigkeit steht und zu sich selbst gefunden hat. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)