Skandal im Sperr-Bezirk

19. Februar 2012, 18:55
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Über die Verrohung einer dörflichen Gemeinschaft erzählen Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern": eine feine Inszenierung von Schirin Khodadadian, die Abgründe ungerührt zeigt

Wien - Der Vorhang des Wiener Volkstheaters hat sich erst ein Stück weit gehoben: Man sieht die Landbewohner in Martin Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern zunächst vom Hosenbund abwärts, und schon meint man sie als gemeine Treter in- und auswendig zu kennen. Sperrs dramatischer Geniestreich (1966) spielt draußen, auf dem plattesten Land, dort, wo man Menschen unklarer Verdächtigungen wegen zu Freiwild erklärt. Einen Schwulen kann man verächtlich machen; ein Mädchen, das von ihm ein Kind erwartet, ist eine "Hur''".

Sperr (1944-2002) galt als einer der symbolischen Ziehsöhne der großen bayerischen Stückeschreiberin Marieluise Fleißer. Er verstand es nicht nur, den Leuten aufs Maul zu schauen, er besaß einen tiefer reichenden sozialpsychologischen Röntgenblick. Seine Jagdszenen nehmen sich aus dem Abstand von einem halben Jahrhundert wie eine Illustration zu Elias Canettis Massenpsychologie aus: Rechtschaffene Menschen bilden nichtiger Anlässe wegen Hetzmeuten.

Die Dörfler in "Reinöd" kommen gar nicht aus dem Verdachtschöpfen heraus: Abram (Simon Mantei) wurde im nahen Landshut bei gleichgeschlechtlichen Zärtlichkeiten ertappt. Prompt sagt sich seine Mutter (Claudia Sabitzer), eine arme Tagelöhnerin, von ihrem " missratenen" Söhnchen los. Das ganze Gemeinwesen gleicht einer offenen Baustelle: Eine Verbundbaracke mit Wohndach und finsteren Durchblicken (Bühne: Hugo Gretler) nötigt die Dörfler zum Sozialsein. Rückzugsräume sind in Schirin Khodadadians präzise inszenierter Aufarbeitung eines Kriminalfalls keine vorgesehen. Auf den fettglänzenden Zügen der Frauen, die in Fleischerkübeln wühlen, während Tierblut an der Wand verstrichen wird, äußert sich Genugtuung: Das allgemeine Moralempfinden hat endlich ein Opferlamm ausgespäht.

Es gehört zu den vielen Vorzügen dieser Aufführung, dass sie die Opfer benennt, sich für die "Täter" aber interessiert. Abram, in seiner brütenden Ruhe bereits ein städtisch infizierter Kopf, sticht heraus aus der Stirnreihe der lauernden Landarbeiter. In Wahrheit ist die Ordnung aus den Fugen: Wild schnaubend scheitert Knecht Volker (Günter Franzmeier) am Sägen einfacher Holzlatten. Khodadadian denunziert niemanden. Sie zeigt die unausgeschöpften Potenziale abgenutzter Menschen, denen jeder Versuch der Zuwendung auf das grässlichste missrät.

Panzer aus Unleidlichkeit

Und so gehört der verwitweten Bäuerin Maria (Martina Stilp) und ihrem Volker die trostlos-schönste Liebesgeschichte. Sie schirmt ihr Herz mit einem Panzer aus Unleidlichkeit. Er grämt sich unsäglich wegen seines steifen Beins und vergeht sich an Tonka (Nanette Weidmann), die wiederum von Abram schwanger ist. Marias angeblich blöder Sohn (Robert Prinzler) ist ein feinhöriger Exzentriker mit Haartolle, der das Gras wachsen und den Krieg toben hört. Das Stück spielt "nach der Währungsreform". Es ist trotzdem kein Friedens-, sondern ein Kriegsstück, in dem ein vielstimmiges Ensemble von der Verkommenheit der Welt erzählt. Ein Mädchen muss sterben, ein "Andersartiger" wird im Gefängnis verräumt.

Teils heftiger Applaus für das Wiener Volkstheater, das zu seiner Sprödigkeit steht und zu sich selbst gefunden hat. (Ronald Pohl  / DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)

20., 26. 2.

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    Mit dem Problemsohn in der Fremde einer Fleischerei: Claudia Sabitzer und Simon Mantei.

    

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