Nach einem starken Programm mit Werken jüngerer Autoren gab man bei der Gala mit dem Goldenen Bären an die Brüder Taviani das falsche Signal
Vergangenheit und Zukunft des Kinos haben sich am Ende der Berlinale auf
eigentümliche Weise verschoben. Der portugiesische Regisseur Miguel
Gomes, für viele der Gewinner der Herzen, wurde Samstagabend zu Beginn
der Endzeremonie im Berlinale Palast mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue
Perspektiven der Filmkunst geehrt. Er sah ein wenig überrascht aus, man
mochte sogar ein wenig Enttäuschung aus seinem Gesicht ablesen, als er
sagte: "Ich bin etwas verwirrt - ich wollte eigentlich nur einen
altmodischen Film machen."
Miguel Gomes''' Tabu handelt von verlorenen Dingen, von der Liebe,
Kolonien in Afrika, Krokodilen - beziehungsweise davon, wie man diese
Dinge in Erinnerung ruft oder wie sie uns wie Geister überfallen, in
aller Widersprüchlichkeit, weshalb es darin auch ums Kino selbst geht:
Der außergewöhnlichste Film des Wettbewerbs wurde nicht digital, sondern
auf Schwarz-Weiß-Film gedreht, kurz bevor Kodak seinen Bankrott
verkündete. Und so als würde sich schon damit eine Verpflichtung
ergeben, erzählt er seine Geschichten durch Kinogeschichten und -stile
hindurch, ohne dass daraus bloß formales Virtuosentum würde.
Einem
tatsächlich altmodischen Film wurde am Ende der Gala der Goldene Bär
zugesprochen: Cesare deve morire (Caesar muss sterben) der Brüder
Vittorio und Paolo Taviani. Schon die Grundidee, Shakespeares Julius
Caesar mit Insassen aus dem Hochsicherheitstrakt des römischen
Gefängnisses Rebibbia umzusetzen, wirkt wie ein pädagogisches
Theaterprojekt aus den 1970er-Jahren. Die Tavianis beginnen ihre erste
Arbeit seit sechs Jahren beim Casting der schweren Burschen, sie
begleiten den Probenprozess, und während Aufführung und die Arbeit daran
immer ununterscheidbarer werden, beginnen sich auch das Stück und die
Lebensumstände der Darsteller stärker ineinanderzuschieben.
Der
britische Jurypräsident Mike Leigh, selbst ein Verfechter ausgedehnter
Probenprozesse, dürfte sich für dieses Spiel an der Grenze zwischen
Dokumentarischem und Fiktionalem begeistert haben. Tatsächlich
profitiert der Film von den ausdrucksstarken Gesichtern der Darsteller,
ihren individuellen Dialekten und wuchtigen Körpern, vom Einsatz, mit
dem sie ihre Rollen ausfüllen. Störend wirkt jedoch die betuliche
musikalische Untermalung, die dem zwar anständigen, in seinem
Modernitätsanspruch aber überholten Film von seiner Intensität wieder
etwas nimmt.
Kostümfilm ohne Kostüme
Doch Jurys sind Jurys sind Jurys - und so steht am Ende der 62.
Berlinale, die nach Jahren mangelhafter Konturen diesmal jüngeren
Autoren mit Risiko den Vorzug gab, ein Ergebnis, das dies eben nur
bedingt zum Ausdruck bringt. Immerhin wurde Christian Petzold für seine
schnörkellose Filmerzählung Barbara verdientermaßen mit dem Silbernen
Bären für die beste Regie geehrt. Er verweigert den simplen Heroismus
des Historienfilms und schildert nüchtern-präzise die Situation einer
Ärztin in der DDR der 80er-Jahre, die sich verschließt und dann
zögerlich bis pragmatisch ihre innere Festung aufgibt.
Just the Wind,
Bence Fliegaufs Film über die Morde an Roma-Familien in Ungarn, wurde
mit dem großen Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Woran es dieser nah
an den Körpern seiner Figuren verweilende Film, der mit einem
schockierenden Ende aufwartet, missen lässt, zeigte Philip Scheffners
thematisch verwandter, brillanter Dokumentarfilm Revision auf, der im
Forum lief. Scheffner untersucht noch einmal den Fall zweier Roma, die
1992 beim Übertreten der Grenze von Deutschland nach Polen von Jägern
erschossen wurden, die die beiden für Wildschweine hielten. Der Film
gleicht einer Art Indizienprozess, der den Opfern in Wirklichkeit nur in
einer äußerst nachlässigen Form zuteilwurde - nicht einmal die Familien
erhielten Kompensation. Die im Film Interviewten, zu denen zwar nicht
die Täter, aber diverse mit dem Fall befasste Personen gehören, werden
von Scheffner mit ihren früheren Aussagen konfrontiert. Auf diese Weise
entsteht eine neue Ebene der Auseinandersetzung, welche die
gesellschaftspolitischen Hintergründe, sogar systemische Voraussetzungen
aufscheinen lässt, die Recht und Gerechtigkeit mitunter weit voneinander
trennen.
Die beiden Filme sind nur ein Beispiel dafür, wie sich Forum,
die Schiene für ungewöhnliche Autorenpositionen, und Wettbewerb in
diesem Jahr einander angenähert haben. Gut in Konkurrenz um einen Bären
hätte man sich etwa auch Modest Reception (Paziraie Sadeh) vom Iraner
Mani Haghighi vorstellen können - eine ungewöhnliche, böse Tragikomödie,
in der es am Ende wohl auch um die Willkür im Land der Mullahs geht. Ein
wohlhabendes Paar aus Teheran fährt darin im Lexus durch eine ärmliche
Bergregion im Norden, um Geld an Menschen zu verschenken. Daraus
entstehen immer wieder absurde, manchmal auch brenzlige Situationen. Ein
alter Mann will nichts geschenkt haben, ein anderer tut bescheiden, um
sich dann alles zu holen. Ein dritter freut sich zuerst, dann wird ihm
sein "Gewinn" wieder abgesprochen. Die Protagonisten geben sich hier als
altruistische Helfer aus, treiben ihr Spiel aber zu weit - Modest
Reception ist politisches Kino, das im Geist schon in der Anarchie ist. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin / DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)
Berlinale-Preisträger 2012
- Goldener Bär für den besten Film: Cesare deve morire von Paolo &
Vittorio Taviani
- Großer Preis der Jury: Csak a szél (Just the Wind) von Bence Fliegauf
- Beste Regie: Christian Petzold für Barbara
- Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in Rebelle (War Witch) von Kim Nguyen
- Bester Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in En Kongelig Affære (A Royal
Affair) von Nikolaj Arcel
- Herausragende künstlerische Leistung: Lutz Reitemeier für die Kamera in
Bai lu yuan (White Deer Plain) von Wang Quan'an
- Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für En Kongelig
Affære (A Royal Affair) von Nikolaj Arcel
- Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst: Tabu von Miguel
Gomes
- Sonderpreis - Silberner Bär: L'enfant d'en haut von Ursula Meier
- Bester Erstlingsfilm: Kauwboy von Boudewijn Kool
- Goldener Bär für den besten Kurzfilm: Rafa von João Salaviza