Altmodisch, altmodern oder schon anarchisch

19. Februar 2012, 18:38
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Mit dem Goldenen Bären an die Brüder Taviani gab man das falsche Signal

Vergangenheit und Zukunft des Kinos haben sich am Ende der Berlinale auf eigentümliche Weise verschoben. Der portugiesische Regisseur Miguel Gomes, für viele der Gewinner der Herzen, wurde Samstagabend zu Beginn der Endzeremonie im Berlinale Palast mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst geehrt. Er sah ein wenig überrascht aus, man mochte sogar ein wenig Enttäuschung aus seinem Gesicht ablesen, als er sagte: "Ich bin etwas verwirrt - ich wollte eigentlich nur einen altmodischen Film machen."

Miguel Gomes''' Tabu handelt von verlorenen Dingen, von der Liebe, Kolonien in Afrika, Krokodilen - beziehungsweise davon, wie man diese Dinge in Erinnerung ruft oder wie sie uns wie Geister überfallen, in aller Widersprüchlichkeit, weshalb es darin auch ums Kino selbst geht: Der außergewöhnlichste Film des Wettbewerbs wurde nicht digital, sondern auf Schwarz-Weiß-Film gedreht, kurz bevor Kodak seinen Bankrott verkündete. Und so als würde sich schon damit eine Verpflichtung ergeben, erzählt er seine Geschichten durch Kinogeschichten und -stile hindurch, ohne dass daraus bloß formales Virtuosentum würde.

Einem tatsächlich altmodischen Film wurde am Ende der Gala der Goldene Bär zugesprochen: Cesare deve morire (Caesar muss sterben) der Brüder Vittorio und Paolo Taviani. Schon die Grundidee, Shakespeares Julius Caesar mit Insassen aus dem Hochsicherheitstrakt des römischen Gefängnisses Rebibbia umzusetzen, wirkt wie ein pädagogisches Theaterprojekt aus den 1970er-Jahren. Die Tavianis beginnen ihre erste Arbeit seit sechs Jahren beim Casting der schweren Burschen, sie begleiten den Probenprozess, und während Aufführung und die Arbeit daran immer ununterscheidbarer werden, beginnen sich auch das Stück und die Lebensumstände der Darsteller stärker ineinanderzuschieben.

Der britische Jurypräsident Mike Leigh, selbst ein Verfechter ausgedehnter Probenprozesse, dürfte sich für dieses Spiel an der Grenze zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem begeistert haben. Tatsächlich profitiert der Film von den ausdrucksstarken Gesichtern der Darsteller, ihren individuellen Dialekten und wuchtigen Körpern, vom Einsatz, mit dem sie ihre Rollen ausfüllen. Störend wirkt jedoch die betuliche musikalische Untermalung, die dem zwar anständigen, in seinem Modernitätsanspruch aber überholten Film von seiner Intensität wieder etwas nimmt.

Kostümfilm ohne Kostüme

Doch Jurys sind Jurys sind Jurys - und so steht am Ende der 62. Berlinale, die nach Jahren mangelhafter Konturen diesmal jüngeren Autoren mit Risiko den Vorzug gab, ein Ergebnis, das dies eben nur bedingt zum Ausdruck bringt. Immerhin wurde Christian Petzold für seine schnörkellose Filmerzählung Barbara verdientermaßen mit dem Silbernen Bären für die beste Regie geehrt. Er verweigert den simplen Heroismus des Historienfilms und schildert nüchtern-präzise die Situation einer Ärztin in der DDR der 80er-Jahre, die sich verschließt und dann zögerlich bis pragmatisch ihre innere Festung aufgibt.

Just the Wind, Bence Fliegaufs Film über die Morde an Roma-Familien in Ungarn, wurde mit dem großen Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Woran es dieser nah an den Körpern seiner Figuren verweilende Film, der mit einem schockierenden Ende aufwartet, missen lässt, zeigte Philip Scheffners thematisch verwandter, brillanter Dokumentarfilm Revision auf, der im Forum lief. Scheffner untersucht noch einmal den Fall zweier Roma, die 1992 beim Übertreten der Grenze von Deutschland nach Polen von Jägern erschossen wurden, die die beiden für Wildschweine hielten. Der Film gleicht einer Art Indizienprozess, der den Opfern in Wirklichkeit nur in einer äußerst nachlässigen Form zuteilwurde - nicht einmal die Familien erhielten Kompensation. Die im Film Interviewten, zu denen zwar nicht die Täter, aber diverse mit dem Fall befasste Personen gehören, werden von Scheffner mit ihren früheren Aussagen konfrontiert. Auf diese Weise entsteht eine neue Ebene der Auseinandersetzung, welche die gesellschaftspolitischen Hintergründe, sogar systemische Voraussetzungen aufscheinen lässt, die Recht und Gerechtigkeit mitunter weit voneinander trennen.

Die beiden Filme sind nur ein Beispiel dafür, wie sich Forum, die Schiene für ungewöhnliche Autorenpositionen, und Wettbewerb in diesem Jahr einander angenähert haben. Gut in Konkurrenz um einen Bären hätte man sich etwa auch Modest Reception (Paziraie Sadeh) vom Iraner Mani Haghighi vorstellen können - eine ungewöhnliche, böse Tragikomödie, in der es am Ende wohl auch um die Willkür im Land der Mullahs geht. Ein wohlhabendes Paar aus Teheran fährt darin im Lexus durch eine ärmliche Bergregion im Norden, um Geld an Menschen zu verschenken. Daraus entstehen immer wieder absurde, manchmal auch brenzlige Situationen. Ein alter Mann will nichts geschenkt haben, ein anderer tut bescheiden, um sich dann alles zu holen. Ein dritter freut sich zuerst, dann wird ihm sein "Gewinn" wieder abgesprochen. Die Protagonisten geben sich hier als altruistische Helfer aus, treiben ihr Spiel aber zu weit - Modest Reception ist politisches Kino, das im Geist schon in der Anarchie ist. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin  / DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)

Berlinale-Preisträger 2012

  • Goldener Bär für den besten Film: Cesare deve morire von Paolo & Vittorio Taviani
  • Großer Preis der Jury: Csak a szél (Just the Wind) von Bence Fliegauf
  • Beste Regie: Christian Petzold für Barbara
  • Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in Rebelle (War Witch) von Kim Nguyen
  • Bester Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in En Kongelig Affære (A Royal Affair) von Nikolaj Arcel
  • Herausragende künstlerische Leistung: Lutz Reitemeier für die Kamera in Bai lu yuan (White Deer Plain) von Wang Quan'an
  • Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für En Kongelig Affære (A Royal Affair) von Nikolaj Arcel
  • Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst: Tabu von Miguel Gomes
  • Sonderpreis - Silberner Bär: L'enfant d'en haut von Ursula Meier
  • Bester Erstlingsfilm: Kauwboy von Boudewijn Kool
  • Goldener Bär für den besten Kurzfilm: Rafa von João Salaviza

 

  • Gefängnisinsassen aus der römischen Anstalt Rebibbia spielen "Julius Caesar": Die Brüder Taviani wurden für "Cesare deve morire" auf der Berlinale mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.
    foto: berlinale

    Gefängnisinsassen aus der römischen Anstalt Rebibbia spielen "Julius Caesar": Die Brüder Taviani wurden für "Cesare deve morire" auf der Berlinale mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

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