Hund in Schanghai, Steinbock in Stockerau

  • 3. April 1998: Ding Yi bezwingt Nicolas Chatelain in Wels 3:1, 
doch Österreich verliert das dritte Finale der Europaliga gegen die 
Franzosen 2:4. Ding Yi, 39 Jahre alt,   wird von Reuters im Bildtext 
schon damals als "Methusalem" bezeichnet.
    foto: reuters/zolles

    3. April 1998: Ding Yi bezwingt Nicolas Chatelain in Wels 3:1, doch Österreich verliert das dritte Finale der Europaliga gegen die Franzosen 2:4. Ding Yi, 39 Jahre alt, wird von Reuters im Bildtext schon damals als "Methusalem" bezeichnet.

  • 16. Februar 2012: Ding Yi beim Merkur in Stockerau.
    foto: neumann

    16. Februar 2012: Ding Yi beim Merkur in Stockerau.

Ding Yi spielt übrigens immer noch Tischtennis - nebenbei, zum Spaß, aber mit Erfolg. Ansonsten führt er eine Firma, sieht dem jüngeren der beiden Söhne beim Wachsen zu, und er kocht gerne, aber beileibe nicht nur chinesisch

Stockerau - Der Merkur in Stockerau, gleich nach der Autobahnabfahrt Ost, ist nicht irgendein Merkur, sondern eine kleine Shoppingmall mit Schuhgeschäft und Friseur und Selbstbedienungsrestaurant. Das hat fast etwas Amerikanisches, wahrscheinlich kommt Stockerau im Volksmund nicht zufällig als Stock City daher. Den Merkur kann man erstens nicht verfehlen, zweitens kann man hier Kaffee trinken, drittens will Ding Yi nachher gleich einkaufen gehen, seine Frau hat ihm Milch aufgetragen. Tags darauf fliegt er für eine knappe Woche nach Schanghai, in seine alte Heimatstadt, die Familie besuchen, Geschäfte abwickeln.

In einer Woche muss Ding Yi wieder in Österreich sein. Tischtennis spielen. Der 53-Jährige steht nach wie vor an der Platte, für Wiesbauer Mauthausen, das momentan sogar Bundesliga-Tabellenführer ist. Zuletzt trug Ding Yi zum 5:5 gegen Froschberg drei Punkte bei. Tischtennis macht ihm immer noch Spaß, er trainiert ein- bis zweimal die Woche, fährt ab und zu für ein Wochenende nach Mauthausen oder sonst wohin, wenn Mauthausen auswärts antritt. Wie lange er spielen will? "Solange ich mehr gewinne als verliere. Wenn ich zu oft verliere, macht es keinen Spaß mehr. Dann pfeif ich drauf."

Kein Schlager ohne Ding Yi

Ding Yi, der Austrochinese, hat Tischtennis in Österreich zu dem gemacht, was Tischtennis in Österreich ist. Nicht mehr und nicht weniger. Werner Schlager, der 2003 Weltmeister war und seit 1997 der einzige Nichtchinese in einem WM-Finale, hat einmal gesagt, dass es den Weltmeister Werner Schlager ohne Ding Yi nicht gegeben hätte. "Das freut mich", sagt Ding Yi, dessen sportlicher Stern schon im Verblassen war, als jener von Schlager aufgegangen ist. Eine Zeitlang spielten sie gemeinsam fürs Nationalteam, es war jene Zeit, als sich Österreich in der europäischen Elite etablieren konnte. Daran und an die vier Olympia-Teilnahmen erinnert sich Ding Yi am liebsten. Von 1988, als Tischtennis erstmals auf dem Programm stand, bis 2000 war er stets dabei.

Ding Yis beste Olympiaplatzierung war der fünfte Platz 1992. Schon 1988, als er Neunter war, hatte er in der Gruppenphase den chinesischen Weltranglistenersten Chen Longcan geschlagen, das freute ihn ganz besonders. "Viele Fans und Journalisten in China wollten wissen, wieso mich der Verband ins Ausland gehen ließ." Und wieso hatte ihn der Verband gehen lassen? "Tischtennis ist in China vor allem Politik", sagt Ding Yi. Er hätte wohl zu den besten fünf Spielern des Landes gezählt, aber dennoch kaum Chancen auf internationale Einsätze gehabt, weil sein Trainer nicht genehm war. "Ich wollte unbedingt international antreten", sagt Ding Yi, "das war mein Ehrgeiz."

"Wien hat mir von Anfang an gefallen"

1982 klappte es mit dem Wechsel nach Europa, erste Adresse war der italienische Klub Vita San Elpidio, mit ihm gewann Ding Yi 1994 den ETTU-Cup. Im Jahr darauf spielte San Elpidio gegen Kuchl, Kuchl wurde aufmerksam auf den Chinesen und verpflichtete ihn. 1987 war der Chinese bereits ein Austrochinese. Im Jahr zuvor war auch seine Frau Jie Ru aus Schanghai nach Wien übersiedelt. "Wien hat mir von Anfang an gefallen", sagt Ding Yi, "eine große Stadt, das war ich von Schanghai gewohnt."

Ding Yi spielte für Wolkersdorf und für Langenlois, war von 1988 bis '94 siebenmal en suite Staatsmeister, 1995 löste ihn Werner Schlager ab. 1996 wechselte der Austrochinese nach Deutschland, spielte vier Jahre lang für Frickenhausen, dann zwei Jahre lang für Fulda-Maberzell, ehe er nach Österreich zurückkehrte. "In Deutschland hab ich gut verdient", sagt er, " so gut wie ein Bankbeamter." Ausgesorgt hatte er klarerweise nicht. "Ich bin nicht reich", sagt er, "aber ich bin fleißig, und ich bin zufrieden." Er habe oft gejammert seinerzeit, sich beklagt über den Verband. "Aber jetzt muss ich sagen, ich bin dem ÖTTV dankbar. Er hat mir die Chance gegeben, mich international zu zeigen."

Jenes Tischtennis-Geschäft, das er in der Gumpendorfer Straße in Wien-Mariahilf geführt hat, brach als zweites Standbein weg, als Ding Yi nach Deutschland wechselte. "Die Leute sind wegen mir in mein Geschäft gekommen. Als ich nicht mehr da war, waren auch keine Kunden mehr da." Als Ding Yi zurückkam nach Wien, baute er mit einem Kompagnon eine andere Firma auf, Dingo Company, spezialisiert auf den Vertrieb und das Design von Werbemitteln wie Kugelschreibern oder Kapperln. In China kauft Ding Yi en gros und günstig ein, in Österreich verkauft er.

Weltmeister, 50 plus

Vielleicht wird einer der zwei Söhne einmal den Betrieb übernehmen, der ältere, Simon (21), dient gerade beim Bundesheer, interessiert sich aber eher für Computer. Der jüngere, David (10), soll ab Herbst zu den Schulbrüdern in Strebersdorf gehen.Ding Yi ist stolz darauf, seit kurzem sagen zu können, dass er in Österreich mehr Zeit verbracht hat als sonst wo. Natürlich hat er chinesische Freunde, "aber auch sehr viele österreichische Freunde". Einer der besten ist Roland Böhm, mit dem er bei Senioren-Weltmeisterschaften ein Doppel bildet, 2006 waren sie Dritte in der Klasse 40 plus.

Im Einzel darf sich Ding Yi seit zwei Jahren Weltmeister nennen (50 plus), Europameister ist er ebenfalls.Im Selbstbedienungsrestaurant im Merkur von Stock City nippt Ding Yi an seinem Kaffee. Nach einem Match, wenn er in Mauthausen übernachtet, trinkt er gerne Bier, sagt er, ansonsten auch gern ein Glas Rotwein. Er koche gut und gerne selbst, esse aber nicht nur chinesisch, sondern mit Vorliebe auch Steak oder Pasta. "Schnitzel nicht mehr so oft, das ist mir mit meinen 53 Jahren schon zu fett." Die österreichischen Weihnachten feiere er und das chinesische Neujahr, und zwei Sternzeichen habe er. Wenn er demnächst nach Schanghai fliegt, ist er Hund. Doch hier und jetzt geht Ding Yi als Steinbock noch die Milch kaufen, die er seiner Frau versprochen hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)

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