Ding Yi spielt übrigens immer noch Tischtennis - nebenbei, zum Spaß, aber mit Erfolg. Ansonsten führt er eine Firma, sieht dem jüngeren der beiden Söhne beim Wachsen zu, und er kocht gerne, aber beileibe nicht nur chinesisch
Stockerau - Der Merkur in Stockerau, gleich nach der Autobahnabfahrt
Ost, ist nicht irgendein Merkur, sondern eine kleine Shoppingmall mit
Schuhgeschäft und Friseur und Selbstbedienungsrestaurant. Das hat fast
etwas Amerikanisches, wahrscheinlich kommt Stockerau im Volksmund nicht
zufällig als Stock City daher. Den Merkur kann man erstens nicht
verfehlen, zweitens kann man hier Kaffee trinken, drittens will Ding Yi
nachher gleich einkaufen gehen, seine Frau hat ihm Milch aufgetragen.
Tags darauf fliegt er für eine knappe Woche nach Schanghai, in seine
alte Heimatstadt, die Familie besuchen, Geschäfte abwickeln.
In einer
Woche muss Ding Yi wieder in Österreich sein. Tischtennis spielen. Der
53-Jährige steht nach wie vor an der Platte, für Wiesbauer Mauthausen,
das momentan sogar Bundesliga-Tabellenführer ist. Zuletzt trug Ding Yi
zum 5:5 gegen Froschberg drei Punkte bei. Tischtennis macht ihm immer
noch Spaß, er trainiert ein- bis zweimal die Woche, fährt ab und zu für
ein Wochenende nach Mauthausen oder sonst wohin, wenn Mauthausen
auswärts antritt. Wie lange er spielen will? "Solange ich mehr gewinne
als verliere. Wenn ich zu oft verliere, macht es keinen Spaß mehr. Dann
pfeif ich drauf."
Kein Schlager ohne Ding Yi
Ding Yi, der Austrochinese, hat Tischtennis in
Österreich zu dem gemacht, was Tischtennis in Österreich ist. Nicht mehr
und nicht weniger. Werner Schlager, der 2003 Weltmeister war und seit
1997 der einzige Nichtchinese in einem WM-Finale, hat einmal gesagt,
dass es den Weltmeister Werner Schlager ohne Ding Yi nicht gegeben
hätte. "Das freut mich", sagt Ding Yi, dessen sportlicher Stern schon im
Verblassen war, als jener von Schlager aufgegangen ist. Eine Zeitlang
spielten sie gemeinsam fürs Nationalteam, es war jene Zeit, als sich
Österreich in der europäischen Elite etablieren konnte. Daran und an die
vier Olympia-Teilnahmen erinnert sich Ding Yi am liebsten. Von 1988, als
Tischtennis erstmals auf dem Programm stand, bis 2000 war er stets
dabei.
Ding Yis beste Olympiaplatzierung war der fünfte Platz 1992. Schon
1988, als er Neunter war, hatte er in der Gruppenphase den chinesischen
Weltranglistenersten Chen Longcan geschlagen, das freute ihn ganz
besonders. "Viele Fans und Journalisten in China wollten wissen, wieso
mich der Verband ins Ausland gehen ließ." Und wieso hatte ihn der
Verband gehen lassen? "Tischtennis ist in China vor allem Politik", sagt
Ding Yi. Er hätte wohl zu den besten fünf Spielern des Landes gezählt,
aber dennoch kaum Chancen auf internationale Einsätze gehabt, weil sein
Trainer nicht genehm war. "Ich wollte unbedingt international antreten",
sagt Ding Yi, "das war mein Ehrgeiz."
"Wien hat mir von Anfang an gefallen"
1982 klappte es mit dem Wechsel
nach Europa, erste Adresse war der italienische Klub Vita San Elpidio,
mit ihm gewann Ding Yi 1994 den ETTU-Cup. Im Jahr darauf spielte San
Elpidio gegen Kuchl, Kuchl wurde aufmerksam auf den Chinesen und
verpflichtete ihn. 1987 war der Chinese bereits ein Austrochinese. Im
Jahr zuvor war auch seine Frau Jie Ru aus Schanghai nach Wien
übersiedelt. "Wien hat mir von Anfang an gefallen", sagt Ding Yi, "eine
große Stadt, das war ich von Schanghai gewohnt."
Ding Yi spielte für
Wolkersdorf und für Langenlois, war von 1988 bis '94 siebenmal en suite
Staatsmeister, 1995 löste ihn Werner Schlager ab. 1996 wechselte der
Austrochinese nach Deutschland, spielte vier Jahre lang für
Frickenhausen, dann zwei Jahre lang für Fulda-Maberzell, ehe er nach
Österreich zurückkehrte. "In Deutschland hab ich gut verdient", sagt er, "
so gut wie ein Bankbeamter." Ausgesorgt hatte er klarerweise nicht. "Ich
bin nicht reich", sagt er, "aber ich bin fleißig, und ich bin zufrieden."
Er habe oft gejammert seinerzeit, sich beklagt über den Verband. "Aber
jetzt muss ich sagen, ich bin dem ÖTTV dankbar. Er hat mir die Chance
gegeben, mich international zu zeigen."
Jenes Tischtennis-Geschäft, das
er in der Gumpendorfer Straße in Wien-Mariahilf geführt hat, brach als
zweites Standbein weg, als Ding Yi nach Deutschland wechselte. "Die
Leute sind wegen mir in mein Geschäft gekommen. Als ich nicht mehr da
war, waren auch keine Kunden mehr da." Als Ding Yi zurückkam nach Wien,
baute er mit einem Kompagnon eine andere Firma auf, Dingo Company,
spezialisiert auf den Vertrieb und das Design von Werbemitteln wie
Kugelschreibern oder Kapperln. In China kauft Ding Yi en gros und
günstig ein, in Österreich verkauft er.
Weltmeister, 50 plus
Vielleicht wird einer der zwei
Söhne einmal den Betrieb übernehmen, der ältere, Simon (21), dient
gerade beim Bundesheer, interessiert sich aber eher für Computer. Der
jüngere, David (10), soll ab Herbst zu den Schulbrüdern in Strebersdorf
gehen.Ding Yi ist stolz darauf, seit kurzem sagen zu können, dass er in
Österreich mehr Zeit verbracht hat als sonst wo. Natürlich hat er
chinesische Freunde, "aber auch sehr viele österreichische Freunde".
Einer der besten ist Roland Böhm, mit dem er bei
Senioren-Weltmeisterschaften ein Doppel bildet, 2006 waren sie Dritte in
der Klasse 40 plus.
Im Einzel darf sich Ding Yi seit zwei Jahren
Weltmeister nennen (50 plus), Europameister ist er ebenfalls.Im
Selbstbedienungsrestaurant im Merkur von Stock City nippt Ding Yi an
seinem Kaffee. Nach einem Match, wenn er in Mauthausen übernachtet,
trinkt er gerne Bier, sagt er, ansonsten auch gern ein Glas Rotwein. Er
koche gut und gerne selbst, esse aber nicht nur chinesisch, sondern mit
Vorliebe auch Steak oder Pasta. "Schnitzel nicht mehr so oft, das ist
mir mit meinen 53 Jahren schon zu fett." Die österreichischen
Weihnachten feiere er und das chinesische Neujahr, und zwei Sternzeichen
habe er. Wenn er demnächst nach Schanghai fliegt, ist er Hund. Doch hier
und jetzt geht Ding Yi als Steinbock noch die Milch kaufen, die er
seiner Frau versprochen hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)