Weder Schnitzel noch Faschiertes

19. Februar 2012, 17:12
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Immerhin wird die 300. Auflage des Wiener Derbys in Erinnerung blei­ben - weil das 0:0 extrem niveau­los war. Vielleicht konnten die Akteure gar nichts dafür. Der Fußball ist eben so

Wien - Der große Gewinner des 300. Wiener Derbys war der ORF, er musste es nämlich nicht übertragen. Was Rapid und die Austria am Samstagabend im Ernst-Happel-Stadion boten, war fad bis grausam. Den Grünen gelang fast nichts, die Violetten konnten noch ein Schauferl nachlegen, bei ihnen klappte nämlich gar nichts. Und so war Rapids Trainer Peter Schöttel mit "dem Punkt und der Leistung nicht zufrieden". Ivica Vastic, der Kollege von der Austria, verblüffte, als er sagte: "Ich bin zufrieden. Die Leistung war gut." Walter Meischberger könnte fragen: "Wo war mei Leistung?"

Die Angst zu verlieren war offensichtlich weit größer als der Mut zu gewinnen. Die Austria lehnte ihr Mitwirken am Spiel strikt ab. Kapitän Manuel Ortlechner stellte danach trocken fest: "Das war fußballerisch kein Leckerbissen, die Passsicherheit hat gefehlt." Roman Kienast: " Rapid hat uns keine Luft gelassen. Aber in der Defensive waren wir eh gut." Die Selbstkritik war bei Rapid ausgeprägter als bei der Austria, Schöttel beschrieb den Schrecken so: "Die Austria hat sich wenig beteiligt, und uns ist wenig eingefallen." Zwei Ideen in Form von zwei Kopfbällen hatte Christopher Trimmel, den einen wehrte Goalie Heinz Lindner bravourös ab, der andere streifte die Latte.

Außenverteidiger Markus Katzer gab der Zahl 300 keine Schuld, das Jubiläum dürfe nicht als Ausrede herhalten. "Das war mir so egal, wie ob es am Sonntag bei der Mama Schnitzel oder Faschiertes gibt." Das Match sei, so Katzer, "teilweise katastrophal gewesen". Anders ausgedrückt: Die Mama würde es nie wagen, so etwas aufzutischen. An keinem Wochentag.

Der Sekt bleibt warm

Rapid ist trotzdem Tabellenführer. Kapitän Steffen Hofmann nervt es, " sich dafür entschuldigen zu müssen". Die Rapidler sind seit elf Partien ungeschlagen, vier der vergangenen fünf endeten allerdings torlos. Schöttel: "Die Defensive ist stabil, wir sind schwer zu besiegen, gegen uns spielt keiner gerne. Im kreativen Bereich haben wir ein Problem. Die Chancen, die wir haben, bleiben ungenützt." Mit mangelnder Qualität habe das maximal am Rande zu tun. "Es stimmt sicher, dass unsere Stürmer und Mittelfeldspieler zu ungefährlich sind." Innenverteidiger Mario Sonnleitner sagte: "Hätten wir hin und wieder getroffen, könnten wir den Sekt schon einkühlen. Aber so bleibt die Meisterschaft spannend." Noch einmal Trainer Schöttel: "Ich will mich nicht rechtfertigen. Wir müssen halt noch näher zusammenrücken."

Die Rapid-Fans, gemeint sind die Ultras, bleiben mühsam, kindisch. Sie hatten zum Stimmungsboykott aufgerufen, weil der Klub nach Hütteldorf und nicht in den Prater gehöre. Es war gespenstisch still im Happel-Stadion, vielleicht sind die 29.400 Zuschauer aber auch nur eingeschlafen. Die Übersiedlung war bekanntlich eine der Folgen des Platzsturms im Hanappi. Rapid-Präsident Rudolf Edlinger: "Die Fankultur ist etwas Spezielles, daran muss man sich erst gewöhnen." Meischberger hat leider nie gefragt: "Muss man sich daran gewöhnen?"

Die Liga leidet generell an einem Qualitätsverlust, deshalb ist sie total offen. Die besten Spieler werden ins Ausland verkauft, man darf von der Austria auch nicht verlangen, die Abgänge von Zlatko Junuzovic und Nacer Barazite sofort zu kompensieren. Rapid verlor bereits im Sommer die Internationalen Veli Kavlak und Yasin Pehlivan. Die steigende Zahl an Legionären spricht andererseits für die gute Nachwuchsarbeit der Vereine. Sie freut Teamchef Marcel Koller, der am 29. Februar in Klagenfurt im Test gegen Finnland eine Söldnertruppe aufbieten wird. Das Derby hat sich Koller trotzdem angeschaut. Einen Kommentar lehnte er ab.

Felix Gasselich, die Ikone der Austria, sagte: "Das war nicht einmal Not gegen Elend." Trotzdem giert er nach dem 301. Stück: "Es wird besser." Der ORF zeigt es live. (DER STANDARD, Printausgabe, 20. Februar 2012)

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    Augen zu und durch: Nuhiu (li.) gegen Ortlechner.

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    Ein semi-feuriges Jubiläum.

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