Osteuropa

"Die Ratingagenturen sind ignorant"

Interview | Renate Graber, 19. Februar 2012, 17:23

Herbert Stepic, Chef der Raiffeisen Bank International, wirft Moody's und Co. eine undifferenzierte Betrachtung Osteuropas vor

Warum er sich manchmal als Getriebener sieht, sagte Herbert Stepic gegenüber Renate Graber.

***

STANDARD: S&P hat Österreich das Triple-A genommen, Moody's den Ausblick auf negativ gestellt. Einer der Gründe ist das Ost-Engagement der Banken. Überrascht?

Stepic: Bisher hat Moody's eher auf die Stärken des Ratingsubjekts abgestellt, S&P auf die Schwächen. Dass nun beide das Ostrisiko der Banken als Abstufungsgrund nennen, finde ich gelinde gesagt verwunderlich.

STANDARD: Weil Sie im Osten kein Risiko vermuten?

Stepic: Bis auf Ungarn und Weißrussland wegen seiner Hyperinflation geht es Osteuropa gut und zum Teil deutlich besser als den südlichen Euroländern. Die Argumentation Österreichrisiko wegen Ost-Engagement halte ich für völlig verfehlt.

STANDARD: Die Ratingagenturen beschäftigen Ökonomen, sind die alle falsch informiert?

Stepic: Die bewerten Risken, die sich seit der Krise 2009 deutlich verbessert haben oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die volkswirtschaftliche Lage im Osten hat sich verbessert, die Leistungsbilanzdefizite sind drastisch reduziert, die Wettbewerbsfähigkeit ist verbessert, die Auslandsverschuldung liegt bei der Hälfte jener der EU-Länder. Also: Wo ist das Risiko?

STANDARD: Warum sehen das die Ratingagenturen anders?

Stepic: Weil Osteuropa noch immer viel Aufholbedarf hat und weil sie Emerging Markets generell für risikobehaftet halten.

STANDARD: Wenn es so ist, dass die US-Experten die Lage verkennen: Warum haben die Banken nicht lobbyiert, um die Sicht auf Österreich und Osteuropa zu ändern?

Stepic: Ich reise ohnehin herum wie ein tibetanischer Mönch und zeichne ein differenziertes Bild. Die Lobbykraft ist offenbar unzureichend, um diese fixe Meinungen kurzfristig zurechtzurücken.

STANDARD: Notenbankchef Ewald Nowotny unterstellt S&P eine "politische Entscheidung". Amerika gegen den Euro?

Stepic: Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, glaube nicht, dass es darum geht. Aber: In angloamerikanischen Kreisen ist die Kenntnis und Einschätzungsfähigkeit von Zentral- und Osteuropa suboptimal ausgebildet. Das weiß ich aus eigener Erfahrung von Roadshows; eigentlich kennen sich diesbezüglich nur europäische Auswanderer aus und jüdische US-Bürger, die Österreich und den Osten gut kennen. Die Amerikaner sehen Osteuropa undifferenziert und immer noch als ein einziges Gebilde. In New York reden heute noch acht von zehn Leuten vom Ostblock, das sagt doch bitte schon alles.

STANDARD: Die Ratingagenturen: ignorant?

Stepic: Ja, die sind ignorant. Anders gesagt: Die Länder im Osten sind nicht interessant genug für sie. Die Agenturen haben die ganze Welt als Spektrum, für sie sind diese kleinen Länder, der Balkan, nur Nebenschauplätze.

STANDARD: In Ungarn mussten Sie trotzdem 350 Millionen Euro nachschießen, noch einmal 100, 150 Millionen sind nötig ...

Stepic: Die Zahl kann ich nicht bestätigen, aber wir haben das Gröbste überstanden. Ungarn wird noch einige Jahre mit der Krise zu kämpfen haben. Bei den anderen Ländern sehe ich das aber nicht.

STANDARD: In der Ukraine hat die RBI auch kräftig wertberichtigt ...

Stepic: Wertberichtigt habe ich im Lauf der Zeit in vielen Ländern; die Ukraine war fünf Jahre lang politisch destabilisiert. Aber im Vorjahr haben wir dort wieder ganz gut verdient.

STANDARD: Wenn alles so gut ist im Osten, warum müssen die Banken dann so viel wertberichtigen?

Stepic: Das war eine Folge der Krise 2009, in der Osteuropa wirklich gravierend gelitten hat. Wir haben zwar auch 2011 noch wertberichtigt, aber viel weniger als zuvor. Die Lage im Osten hätte sich deutlich beruhigt - wären nicht die peripheren EU-Länder als Problem entstanden.

STANDARD: 2009 haben Sie und Ihre Kollegen dasselbe gesagt: Alles nicht so schlimm, geht vorbei.

Stepic: Wäre es auch, wären dann nicht die EU-Länder in die Krise geraten. Ich bleibe dabei: Zentral- und Osteuropa sind mittelfristig die interessantesten Märkte für eine in Europa tätige Bank. Die RBI hat rund 65 bis 70 Prozent ihres Kreditbedarfs in Zentral- und Osteuropa von Privatkundeneinlagen vor Ort - daraus ein Risiko für die Volkswirtschaft Österreich abzuleiten ist weit hergeholt.

STANDARD: Sie sind bis Weißrussland gegangen und haben jeden Tag irgendwo eine Filiale eröffnet ...

Stepic: Das waren zwölf, fünfzehn Filialen pro Land im Jahr.

STANDARD: Man kann alles schönreden.

Stepic: Ich rede nicht schön, natürlich war das ein rapides Wachstum. Wegen der Filialexpansion habe ich kein schlechtes Gewissen, aber das Kreditwachstum war eindeutig überhöht und überhitzt im Osten. Das habe ich aber schon vor Jahren gesagt.

STANDARD: Warum haben Sie nicht gebremst?

Stepic: Wenn wir in einem Markt, der 35 Prozent pro Jahr wächst, zwei Jahre deutlich weniger wachsen als die Konkurrenz, sind wir weg vom Fenster. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kann man nur ausscheiden oder mittun.

STANDARD: Und darum haben alle österreichischen Banken Fremdwährungskredite vergeben, die Kunden wie Banken schwer unter Druck gebracht haben?

Stepic: Ganz konkret: Wir haben in Rumänien ein Jahr lang keine Schweizer-Franken-Kredite an Private vergeben und drastisch Marktanteile verloren. Ich habe damals bei politischen Entscheidungsträgern dafür plädiert, Fremdwährungskredite an Private sehr einzuschränken oder zu verbieten, aber das war unerwünscht, weil es den Transformationsprozess verzögert hätte. Da war es klar für uns: Wir müssen das Fremdwährungskreditgeschäft für Private machen.

STANDARD: Sie brauchen mehr Eigenkapital, die RZB will bis Juni rund drei Milliarden Euro aufstellen. Wo stehen Sie?

Stepic: Bei 1,4 Milliarden. Wir werden es schaffen. Wenn jetzt die Zeit angebrochen ist, in der Risikoüberlegungen den Ertrag stechen, dann soll mir das recht sein. Wir werden niedrige Renditen fahren, aber dafür ein sehr abgesichertes Geschäft.

STANDARD: Sie brauchen dringend Eigenkapital, warum haben Sie dann die polnische Polbank gekauft? Damit steigt der Kapitalbedarf noch weiter.

Stepic: Aus strategischen Gründen; wir waren zu klein in Polen. Und die Kaufentscheidung fiel, lange bevor die neuen Eigenkapitalvorschriften der europäischen Aufsicht EBA am Tisch lagen.

STANDARD: Sie selbst werden gemäß Sparpaket künftig eine Solidarabgabe zahlen. Wie viel?

Stepic: Ich weiß es nicht. Diese Abgabe bringt inhaltlich gar nichts, ist aber offenbar für die Psychohygiene in Österreich nötig, darum werde ich gern meinen Beitrag leisten. Strukturänderungen sind in dem Sparpaket nicht enthalten, aber das überrascht mich nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2012)

HERBERT STEPIC (65) ist seit 1973 bei Raiffeisen. 1987 wurde er Mitglied des RZB-Vorstandes, zuständig für das Auslandsgeschäft. 2001 wurde er Vorstandschef von Raiffeisen International, seit Oktober 2010 ist er Vorstandschef der Raiffeisen Bank International, die in 17 Ländern aktiv ist.

Kommentar posten
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nosferatus3
00
21.2.2012, 18:18
in einer alten zeitung

habe ich heute gelesen, dass der einen hohen orden von österreich bekommen hat. die gratulanten waren die üblichen verdächtigen ähem die creme der banker.
die verdienste um die republik, na danke!

Quartz1
00
20.2.2012, 13:09
"Ab einem bestimmten Zeitpunkt kann man nur ausscheiden oder mittun."

Also haben wir einfach weiter "mitgetan". Und damit wissentlich sämtliche österreichischen Staatsbürger in eine gefährliche Situation gebracht.

Der Spielraum der Banker gehört drastischst reduziert, und die Staatsanwaltschaft soll sich alle Spitzenmanager der großen Banken einzeln vornehmen. Und zwar sorgfältig.

Aber vom Standard gut geführtes Interview.

derunbestechliche
10
20.2.2012, 12:54

Lieber tibetanischer Mönch! Verpflichten Sie doch Peter Hochegger oder sonst eine Lobbying-Agentur, die sich allesamt für blitzsauber halten.

subbatyp
00
20.2.2012, 12:41
Also wirklich diese pösen Ratingagenturen

Banken sind ja Weltmeister im Einschätzen von Risken. Deshalb hat es ja auch keinen riesigen Bankencrash gegeben. Wir mussten ja auch Gott-seis-gedankt keiner einzigen Bank mit Steuergeldern unter die Arme greifen. Also bitte: Osteuropa ist komplett risikofrei. Hört drauf was der Weise von der Raika sagt und lasst sie einfach so tun wie bisher. </zynismus>

derunbestechliche
02
20.2.2012, 13:09

Die Ratingagenturen sind schon gut. So gut, dass sie allesamt während der Krise 2008 meilenweit danebenlagen und sogar Griechenland bis 2010 relativ gut eingestuft haben. Und dass sie die USA und England besser einstufen, sofern sie sie überhaupt einmal bewerten, ist sowieso der Witz des Jahrhunderts, wo sogar noch die Ratingagentur Dagong eine bessere Trefferquote aufweist.

Hermann Mitterlehner
00
20.2.2012, 13:31
Bevor man Ratingagenturen kritisiert...

...sollte man zumindest die Bedeutung der Ratings kennen:

Die Ratings geben Ausfallswahrscheinlichkeiten für einen gewissen Zeitraum wieder. Griechenland wurde bis 2009 (nicht 2010) max. mit A+ geratet; dies entsprach einer Ausfallswahrscheinlichkeit von 0,04% in den nächsten 12 Monaten -> Griechenland ist 2010 nicht ausgefallen -> Rating war korrekt.

Jeff Smart
00
20.2.2012, 15:07

Das stimmt so nur bedingt - Griechenland wäre ohne massive Unterstützung Europas 2010 mit Sicherheit ausgefallen! Allerdings kann man natürlich sagen, dass die Ratingagenturen dies antizipiert und eingerechnet haben... Aus meiner Sicht ist das Hauptproblem mit den Ratingagenturen deren extreme Prozyklität - bestehende Risken (siehe Enron, Lehman, etc.) werden kaum erkannt und die verspätete Reaktion verstärkt dann die Volatilität auf den Märkten. Aber auch das mag Kalkül haben, da auf Märkten mit hoher Volatitlität auch hohe Gewinne erzielbar sind...

Hermann Mitterlehner
00
20.2.2012, 15:50

Natürlich haben die Ratingagenturen diese Unterstützung antizipiert - und sie hatten recht damit!

Mehr zu Hintergründe und Aussagekraft der Ratings:
http://www.banknews.at/1/post/20... tings.html

derunbestechliche
01
20.2.2012, 13:23

Es mag sicherlich österreichische Banken gegeben haben, die ein hohes Risiko in Zentral-, Südost- und Osteuropa an den Tag gelegt haben (vor allem die Hypo Alpe Adria seit der Übernahme durch die Bayern), aber solch hohe Risiken wie die US-amerik., dt., schweizer, irländische und englische o.a. Banken bis 2008 eingegangen sind, kann man der Bank Austria, Erste Bank und Raiffeisen wenig anlasten.

rr772
00
20.2.2012, 13:34
Kleine Korrektur:

die Risken ist die Hypo Alpe Adria VOR der Übernahme durch die Bayern eingegangen, diese haben schlecht gekauft (und dem österr. Steuerzahler somit immerhin 50% des Schadens abgenommen)

derunbestechliche
00
20.2.2012, 13:49
Auch eine kleine Korrektur meinerseits:

Vor der Übernahme durch die Bayern gab es hohe Risiken, welche sogar von einigen Bankmitarbeitern der bayrischen Bank ihren Vorständen vor der Übernahme mitgeteilt wurden (und auf eine noch intensivere Überprüfung gedrängt haben), das Risiko aber erst seit der Übernahme durch die Bayern noch stärker erhöht wurde.

"und dem österr. Steuerzahler somit immerhin 50% des Schadens abgenommen"

Dieses Märchen ist auf S. 205 im "Das große Märchenbuch" von Hans Christian Andersen zu finden.

Die BayernLB hat absichtlich und bewusst schlecht gekauft, weil die BayernLB bewusst Risiken eingehen wollte.

Zuguterletzt haben sie den österreichischen Staat zum Kauf erpresst.

rr772
01
20.2.2012, 14:15
Dass bei dem Kauf sicherlich fahrlässig

vorgegangen wurde, keine Frage (z.B. Kredit an Tilo Berlin, damit er mit Gewinn an eben den Kreditgeber verkaufen kann)
Das ist auch Gegenstand von juristischen Ermittlungen und im konkreten Fall kommt es da sicher zu Prozessen.
Aber die Bayern hat der Blödsinn eben auch 4 Mrd gekostet, sie haben sich also mit 50% (plus minus 10%) am Schaden beteiligt.
Wenn unser Herr Agrarökonom dann eine "Verantwortung" in einer Kapitalgesellschaft gesehen hat, naja. Sie haben eben die Reisslinie gezogen, irgendwie klar... Es hat ja auch unsere FMA zuvor sich nicht mit Ruhm bekleckert.

Name d. Red. bekannt
00
20.2.2012, 11:37

hpl haipl in 10 jahren

Andreas W
01
20.2.2012, 11:29
Jaja, und die Banker sind menschenfreundliche, sozial weitblickende Wohlstandsfoerderer.

G. B. Corner
01
20.2.2012, 13:18

Das vielleicht nicht, aber natürlich ist jede Bank daran interessiert dass es möglichst viel Wohlstand gibt. In verarmten Ländern ist schlecht Geschäfte machen.

Althase
00
20.2.2012, 11:15

In der Banker-Kaste scheinen alle gleich abgehoben und arrogant zu sein. Zuerst der Treichel, der die Politik beschimpft (zu blöd, zu feig) und jetzt der Stepic, der wieder einmal mehr den Boten Ignoranz vorwirft.

Ein bisserl mehr Bodenhaftung wäre für diese Leute schon mal angebracht, beim Retten-Lassen haben sie die ja auch gehabt.

Franz Pschastak
00
20.2.2012, 11:34
Na ja

Fakt ist, dass die Bank(st)er die eigentlichen Regierenden sind, obwohl sie nicht demokratisch legitimiert sind. Und das lassen sie uns halt bei ihren Äußerungen spüren.

nosferatus3
02
20.2.2012, 11:04
die österreichischen banken sind wie heuschrecken in osteuropa eingefallen

die enormen gewinne sind längst an die shareholder gegangen, den scherbenhaufen dürfen wir jetzt bezahlen.

Kein Kommentar
11
20.2.2012, 11:23
Was genau bezahlen wir?

Ersuche um Details

nosferatus3
01
20.2.2012, 12:22
nur ein beispiel

das engagement der banken in osteuropa ist auch einer der gründe, daß die zinsen die wir für unsere staatsschuld höher sind. das müssen wir alle bezahlen!
garn nicht zu reden von unserer bankhilfe, die angeblich so ein gutes geschäft sind, aber bis jetzt leider nur negativ.

Hermann Mitterlehner
00
20.2.2012, 13:35
Falsch

Zinsen für Ö-Staatsanleihen sind seit dem Downrating gefalllen:

http://diepresse.com/home/wirt... h-gesunken

nosferatus3
00
20.2.2012, 15:32
so klaubt sich jeder zusammen was ihm gefällt

aber den fakt, daß wir weit höhere zinsen als deutschland bezahlen lassen sie unter den tisch fallen.

Fiesta forever
00
20.2.2012, 10:40
Stepic: "Die (Solidar-)Abgabe bringt inhaltlich gar nichts."

Die Solidarbeiträge der Normalbürger und Pensionisten zum Sparpaket bringen inhaltlich im Einzelnen noch weniger (als der persönliche Solidarbeitrag von Stepic).

Daher sollte auf die Solidarbeiträge der Normalbürger verzichtet werden.

fuz
 
00
20.2.2012, 10:33
Ignoranten

Aber wie lange wird es dauern, bis sich das auch bei den Journalisten herumgesprochen hat - und wer liefert ihnen dann die tollen Panik-Schlagzeilen gratis frei Haus?

Sheriff Jack Mauer
11
20.2.2012, 10:16
Stepic ist ein guter Mann und Banker

Die keifenden Linkspopulisten hier haben keine Ahnung von Osteuropa und den Zusammenhängen.

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