Palästinas neuer Märtyrer

Blog | Andreas Hackl, 18. Februar 2012, 14:44
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    foto: epa/mohammed saber

    Gaza-Stadt: Weitere Protestierende sind in den Hungerstreik getreten.

Der Palästinenser Chader Adnan wird die nächste Woche wahrscheinlich nicht überleben. "Sein Tod steht unmittelbar bevor", erklärte die Menschenrechtsorganisation Physicians for Human Rights.

Adnan, 33 Jahre alt und ein Sprecher der militanten Gruppierung Islamischer Jihad, ist seit dem 18. Dezember im Hungerstreik. Damit protestiert er gegen seine eigene Inhaftierung, für die das israelische Militär bislang keine konkreten Gründe bekannt gegeben hat. Tausende Palästinenser sind auf ähnliche Weise in den letzten Jahren inhaftiert worden, ohne über konkrete Vorwürfe informiert zu werden, ohne strafrechtlichen Prozess, und ohne die Chance auf Verteidigung.

Wie bei der Anti-Terrorismus Bekämpfung, die seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York die Rechte von Gefangenen vielerorts ausgehöhlt hat, ist auch hier eine vermutete Bedrohung der Sicherheit genug für monatelange Haft und Verhör. Und ähnlich wie bei den berüchtigten österreichischen Paragraphen zur "Kriminellen Vereinigung" (278), "Kriminellen Organisation" (278a) oder "Terroristischen Vereinigung" (278b) dürfte Adnans Mitgliedschaft im Islamischen Jihad aus israelischer Sicht bereits sicherheitsgefährdend genug sein, auch wenn er selbst vermutlich keine Straftat begangen hat.

Die rechtlichen Grundlagen für die "Administrative Haft" von Palästinensern liegen im israelischen Militärrecht, das im Westjordanland und im Gazastreifen angewendet wird. Der Erlass Nr. 1561 des israelischen Militärs "bezüglich Administrativer Haft" legt folgendes fest:

Militärkommandanten können eine Person im Westjordanland für maximal sechs Monate festnehmen lassen, "wenn eine glaubwürdige Basis für Bedenken der regionalen und öffentlichen Sicherheit bestehen". Ist das nach Einschätzung der Armee auch nach diesen sechs Monaten der Fall, kann die Haft theoretisch beliebig oft um weitere sechs Monate verlängert werden.

Problematische Praxis

Die Entscheidung darüber, ob diese Gefährdung der Sicherheit durch eine Person auch wirklich gegeben ist, obliegt allein der Militärverwaltung. Der Interpretationsspielraum ist dabei freilich groß. Auch wenn kaum jemand bezweifelt, dass Khader Adnan als Mitglied des Islamischen Jihad im weitesten Sinne eine Bedrohung für Israel darstellt, ist diese Haftpraxis laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem aus mehreren Gründen problematisch:

1) Das internationale Recht sieht Administrative Haft nur dann gerechtfertigt, wenn die Gefahr einer Person auf keine andere Weise abgewendet werden kann, es sich also um einen außergewöhnlichen Notfall handelt. Laut B'Tselem würde Israel durch die sehr häufige Anwendung dieser Haft internationales Recht brechen.

2) Administrative Haft wird vom israelischen Militär "oft als Alternative zum Strafverfahren" verwendet, "wenn sie nicht genügend Beweise für eine Verurteilung haben, oder wenn sie diese Beweise nicht öffentlich machen wollen", schreibt B'Tselem.

3) Administrative Häftlinge erfahren meistens nichts über konkrete Anklagepunkte und können sich demnach auch nicht verteidigen. Meistens liegen der Verhaftung Informationen des israelischen Geheimdienstes zugrunde, die nie öffentlich gemacht werden.

4) Die Haft kann beliebig oft verlängert werden, ohne dass dabei irgendein strafrechtlicher Grund bekannt gemacht wird. Im Juli 2009 sind beispielsweise 79 Prozent aller Administrativen Häftlinge länger als sechs Monate eingesessen.

5) Hin und wieder habe Israel die Administrative Haft gegen Organisatoren von Protesten und politische Aktivisten verwendet, schreibt B'Tselem. Diese haben jedoch dem Gesetz nach nichts verbrochen. Demnach würde Israel die intransparente Haft als Präventivmaßnahme missbrauchen.

6) Viele Palästinenser werden nicht im Westjordanland, sondern in Gefängnissen in Israel festgehalten. Das internationale Recht verbietet jedoch den Transfer von Personen aus einem besetzten Gebiet durch die Besatzungsmacht.

Durch den mehr als 63-tägigen Hungerstreik hat Khader Adnan nicht nur die Medienaufmerksamkeit auf diese problematische Praxis gerichtet, sondern eine Welle an Solidarität losgerissen. Erst am Freitag haben tausende Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland zu seiner Unterstützung demonstriert. "Wir sind alle Khader Adnan", war dabei der zentrale Slogan.

"Bobbi Sands der West Bank"

Angeblich sind ihm mittlerweile auch schon dutzende Häftlinge in den Hungerstreik gefolgt. Der Führer des Islamischen Jihad, Nafez Assam, warnte am Freitag vor eskalierender Gewalt, sollte Adnan sterben. "Wir werden den Jihad und den Widerstand verfolgen", meinte er.

Khader Adnan ist für Palästinenser aller politischen Richtungen zu einer Art Held geworden. Donald Macintyre von der britischen Zeitung Independent nannte ihn den „Bobbi Sands der West Bank". Bobbi Sands war ein führendes Mitglied der paramilitärischen Irischen Republikanischen Armee (IRA), der nach 66 Tagen Hungerstreik im Mai 1981 starb, und damit eine Welle an Protesten und gewaltsamen Auseinandersetzungen auslöste. Zu seinem Begräbnis in Belfast erschienen rund 100.000 Menschen.

Ob auch Adnans Tod zu zornigen Protesten führt, wird man diese Woche sehen, sollte davor nicht noch ein Wunder geschehen. Wäre er kein Mitglied des militanten Islamischen Jihad, würde die Solidarität wohl vielen leichter fallen. Immerhin ruft der Jihad zur Zerstörung Israels auf und ist für viele Angriffe auf israelische Zivilisten verantwortlich. Doch solange ihm keine Mitwirkung in diesen Verbrechen nachgewiesen wird, sollte er die gleichen Rechte haben, wie alle anderen Menschen, erklärte Human Rights Watch in einer Aussendung.

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Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Martin Dobes
 
04
22.2.2012, 06:36
Ist die Neuigkeit, dass der Hungerstreik beendet ist

noch nicht bis zum Standard durchgedrungen?
Oder hat die APA noch nicht darüber berichtet?

superloser
32
19.2.2012, 14:56
Der Vergleich mit der IRA ist sehr treffend. Diese katholischen Taliban sind annähernd so homophob und frauenfeindlich, wie die Islamisten.

CinnamonGirl
12
19.2.2012, 15:42

so wie die ira, werden auch die hamas/ isl. jihad mit ihrem terror nichts erreichen.
letzendlich hat die ira sich geschlagen gegeben und die forderungen der briten erfüllt--seitdem gibt es frieden (good friday agreement 1998)

Harry Meier
 
32
21.2.2012, 12:44
Vielleicht setzen sie sich mit der Geschichte des Konfliktes

etwas mehr auseinander, dann werden sie feststellen das sehr viel erreicht wurde. Betrachtet man die Rechte der Katholiken vor den 70ern und jetzt dann hat sich doch einiges geändert. Und es war nicht die IRA die mit dem Terror begonnen hat. (Stichwort bloody Sunday).

CinnamonGirl
21
21.2.2012, 23:31

nur nicht arrogant werden, ich kenne mich bestens aus. natürlich wurde einiges erreicht, aber das hauptziel der ira und der republicans wurde nicht erreicht. mehr noch--es wurde erreicht daß das die vereinigung mit der republik irland nicht mehr verlangt und angestrebt wird

Martin Dobes
 
02
21.2.2012, 14:37
Mag im Nordirland-Konflikt zutreffen

Nämlich, dass der Terror der IRA eine Reaktion auf den englischen war, trifft jedoch nicht auf den Konflikt zwischen Pal./Arab. vs. Israel zu.
Da haben eindeutig die Arab./Pal. mit den Gewalttaten begonnen, hat bei Ihnen eine lange Tradition, auf die sie immer wieder von Neuem zurückgreifen.

Hugo Strudl
23
19.2.2012, 17:11

Mal abgesehen von der Ahnungslosigkeit Ihres Vorposters:
Terror ist niemals eine Kampfhandlung sondern soll immer eine politische Botschaft vermitteln und ich glaube nicht, dass man sagen kann das würde in Palästina oder hätte in Ulster nicht geklappt.

Martin Dobes
 
02
21.2.2012, 06:37
Das ist ja nicht richtig

Terror vermittelt keine politische Botschaft, sondern ist genau das was es genannt wird, und das ist auch sein Ziel: Terror.
Es ist eine Strategie den (meist stärkeren) Gegner sozusagen psychologisch zu zermürben, und zwar vorallem die zivile Gesellschaft des Gegners, weshalb die Angriffe auch von vornherein gegen die Zivilbevölkerung gerichtet sind.

Den Terror, wie Sie es versuchen, zu einer Art heroischen Stimme der "Unterdrückten" zu machen, zeigt nur sehr gut, wie legitim er anscheinend in Ihren Augen ist.

Jedenfalls lassen sich politische Botschaften, besonders in unserer heutigen Medienwelt, auch sehr gut auf andere, friedlichere Wege, übermitteln.

100 Jahre Kreisky
36
19.2.2012, 10:48

hat nicht unser wiener jihadist (der jetzt in berlin aktiv ist) auch hungergestreikt und dabei ständig zugenommen.

ist sicherlich in diesem fall auch ein medienschmäh.

CinnamonGirl
24
19.2.2012, 23:28

der mörder marwan barghouti hat vor lauter schlechter behandlung im isrl gefängnis bei seiner entlassung über 90 kg gewogen und hat im gefängnis einen akademischen grad erlangt.

Rebecca Steinman
11
21.2.2012, 17:24
so ein Schmarrn!

Tower Hill
21
20.2.2012, 18:21
Barghouti?

Wann wurde der entlassen? Beim Shalit-Deal war er nicht dabei?

Martin Dobes
 
55
19.2.2012, 09:05
Schade um sinnlos verlorenes Menschenleben ...

und ich meine das durchaus nicht zynisch.

Aber hat es nicht gerade beim Islamischen Jihad Tradition, sein Leben für "The Cause" hinzugeben? Halt meistens etwas kürzer und schmerzloser durch selbst-in-die-Luft sprengen. Obgleich die Stunden davor schon ein ordentlicher Stress sein müssen ...

Von der derzeitigen Regierung konnte sich Adnan kein Einlenken erwarten. Denn das würde auch ein Eingeständnis bezüglich der gegen die Verwaltungshaft gemachten Bedenken bedeuten. Die übrigens sicherlich zu Recht bestehen.

Ein Missbrauch dieser Massnahme allerdings heißt noch lange nicht, dass sie gänzlich unberechtigt ist.

Hungerstreik ist "passive aggressiv" und kann nur Widerstand hervorrufen, wie jede Form der Aggression.

Martin Dobes
 
00
22.2.2012, 14:15
Na bitte, am Ende ist ja die israelische Seite doch für Überraschungen gut

Und der Hungerstreik konnte durch einen Kompromiss beendet werden.
Wenn dies zu einer Verbesserung rund um Verwaltungshaften führt, kann ich mich persönlich nur darüber freuen.

Ich frage mich nur, was der (Pyrrhus?)Sieg Adnans uns kosten wird ...

Aber vielleicht überrascht auch die pal. Seite widererwarten :-)

(Ver)Walter
45
19.2.2012, 12:42
"Ein Missbrauch dieser Massnahme allerdings heißt noch lange nicht, dass sie gänzlich unberechtigt ist. "

Wie bitte?

Haben Sie gelesen was im Artikel steht?

"1) Das internationale Recht sieht Administrative Haft nur dann gerechtfertigt, wenn die Gefahr einer Person auf keine andere Weise abgewendet werden kann, es sich also um einen außergewöhnlichen Notfall handelt. Laut B'Tselem würde Israel durch die sehr häufige Anwendung dieser Haft internationales Recht brechen."

"Tausende Palästinenser sind auf ähnliche Weise in den letzten Jahren inhaftiert worden, ohne über konkrete Vorwürfe informiert zu werden, ohne strafrechtlichen Prozess, und ohne die Chance auf Verteidigung."

Hier geht es nicht um Missbrauch in Einzelfällen, sondern um GEBRAUCH in großem Stil.

Das Wort "Missbrauch" ist hierbei eine Verharmlosung des Sachverhalts.

Martin Dobes
 
21
19.2.2012, 16:31
Ich sprach nicht von Einzelfällen ...

ich sprach von Mißbrauch dieser Massnahme im Allgemeinen. Je weiter dieser Mißbrauch geht, umso schlimmer natürlich.
Ändert aber nach wie vor nichts an der Tatsache, dass es Situationen gibt, in denen diese Massnahme die direkte Sicherheit eines nicht unerheblichen Teiles der isr. Bevölkerung ermöglicht. Und das haben sich die Pal. selber zuzuschreiben. Wenn Sie so wollen, die Geister, die sie riefen werden sie jetzt nicht mehr los.
Sagt man im Bezug auf Israel ja auch rund um die ursprüngliche Unterstützung der Hamas durch Israel gegen die Fatah.

Ändert am spezifischen Fall übrigens überhaupt nichts.

Tower Hill
14
19.2.2012, 10:00
Naja, ihn verhungern zu lassen ist auch eine Form der Aggression.

Man darf gespannt sein, inwieweit es Verständnis geben wird ob der möglichen Reaktionen darauf.

Martin Dobes
 
20
19.2.2012, 11:09
Sage ich ja: Aggression ruft eine Reaktion hervor, die natürlich in ihrer Weise auch aggressiv ist

In diesem Falle halt auch "passive aggressive".
In Deutschland haben sie die hungerstreikenden RAF-Mitglieder halt zwangsernährt. Auch eine (aggressive) Möglichkeit, dem Problem Herr zu werden zu versuchen. Hat aber auch in Tod geendet, soweit ich weiss ...

Und die "Reaktionen" darauf. Nicht unwahrscheinlich ebenso aggressiv, allerdings nicht mehr passiv. Und damit sind wir natürlich in der nächsten Spirale.

Die Situation kann von niemanden gewonnen werden. Dessen sind sich anscheinend noch nicht genug Leute bewusst.
Wenn der "Märthyrertod" Adnans wenigstens zu diesem Verständnis beitragen könnte, dann wäre er vielleicht gar nicht mehr umsonst.
Die Frage ist nur, wird er das auch?- Ich fürchte er wird es nicht ...

Tower Hill
13
19.2.2012, 12:28
Wird er nicht, das dürfte feststehen.

Allerdings läge es in diesem Fall in den Händen Isr., die Spirale zu durchbrechen. Adnan gehört der Prozess gemacht - wie man es von einem ordentlichen, demokratischen Rechtsstaat wohl erwarten kann. Ansonsten gibts keinen großen Unterschied zum Vorgehen der Hamas im Fall Shalit.

CinnamonGirl
22
19.2.2012, 15:39

@@Ansonsten gibts keinen großen Unterschied zum Vorgehen der Hamas im Fall Shalit.

doch, es gibt einen grossen unterschied. adnan bekommt besuch von seiner familie und wird medizinisch betreut.
shalit hat bei sener entlassung ganz anders ausgeschaut als die ausgefressenen pal. gefangene, die gegen shalit getauscht wurden.

Tower Hill
22
19.2.2012, 16:08
Ob das jetzt ein großer Unterschied ist kann man diskutieren.

Fakt ist, daß beide ohne Anklage festgehalten wurden/werden. Von den Hamaslern kann man nichts anderes erwarten, das ist nun mal eine Verbrecherbande. Von einem demokratischen Rechtsstaat dagegen sollte man anderes erwarten.

CinnamonGirl
11
19.2.2012, 23:18

wenn sie oder ihr sohn betroffen wären, wäre es ein grosser unterschied für sie.

Tower Hill
03
20.2.2012, 18:11
Da haben Sie recht, keine Frage.

Andererseits sieht Adnans Familie zu, wie der Ehemann und Vater stirbt. Auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.

CinnamonGirl
11
21.2.2012, 23:35

sie werden sehen daß adnan nicht sterben wird. er bekommt glukose-und vitamininfusionen i.v.

Adam Markus
33
19.2.2012, 03:25

Israel begeht mit dem Festhalten dieser Menschen ein schweres Verbechen. Nicht nur gegen geltende internationale Gesetze, sondern auch gegen die Fundamente unserer Rechtsordnung.

Leider gibt es immer mehr Gesetze die es ermöglichen Menschen auch ohne Verurteilung noch im Gefängnis zu behalten, so zB hierzulande auch der "Maßnahmenvollzug", oder in Deutschland die "Sicherhungsverwahrung" die meist nach einer abgeleisteten Haftstrafe unbefristet verhängt werden.

Die Rechtsordnung darf nicht ausgehöhlt werden! Jeder Gefangene muss von einem ordentlichen Gericht in einem ordentlichen Verfahren anhand der geltenden Gesetze zu einer Strafe verurteilt werden, nach dessen Absitzen er freikommen muss!

Das nannte man vor 400 Jahren Habeas Corpus.

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