Was einer denkt, wenn er schweigt: Arthur Schnitzlers Novelle "Leutnant Gustl"
Gegen die törichte Hauptfigur von Arthur Schnitzlers epochemachender
Novelle Leutnant Gustl (1900) lässt sich moralisch wenig einwenden. Ein
knapp 24-jähriger Offizier der k.u.k. Armee und Musikbanause wohnt der
feierlichen Aufführung eines Oratoriums bei. Beim Auslösen seines
Mantels an der Garderobe widerfährt ihm die Schmach, von einem
Bäckermeister als "dummer Bub" beschimpft zu werden.
Da der Kontrahent Kleingewerbetreibender ist, kommt er als Gegner für
ein sühnendes Duell nicht in Frage. Verloren und wie vor den Kopf
geschlagen irrt Gustl durch das nächtliche Wien. Durch sein nicht
sonderlich helles Haupt fluten die widersprüchlichsten Gedanken und
Empfindungen. Ihm scheint, als ob einzig ein Selbstmord die Besudelung
seiner Ehre wiedergutmachen könnte.
Dass man mit diesem typischen Exponenten der Militärkaste dennoch nicht
von Herzen mitfühlt, liegt an Schnitzlers meisterhafter Bloßstellung
einer durchschnittlich bornierten Gesinnung, wie sie damals allenthalben
gang und gäbe war: Gustls innerer Monolog, in dem die dümmsten Affekte
und gefährlichsten Ressentiments wie Knallerbsen zünden, wird in aller
Ausführlichkeit vor dem Leser ausgebreitet.
Die aufsehenerregende Benutzung der Gedankenstromtechnik markiert den
Eintritt der deutschsprachigen Literatur in die Moderne: Schnitzlers
minutiöses Studium der Schriften Sigmund Freuds, aber auch die periphere
Kenntnis damaliger Theorien über das Empfindungsvermögen leiten ein
Schreiben an, in dem sich der Autor wohlweislich jedes Kommentars
enthält.
Gustl ist das Opfer von Triebregungen, die "stärker" sind als er. Als
Soldat verkörpert er zudem die Widersprüche eines Zeitalters, das mit
Begriffen wie "Ehre" und "Vaterlandsliebe" den gesellschaftlichen
Zerfallsprozess in Wien um 1900 nur sehr notdürftig übertüncht.
Von falscher Großbürgerlichkeit zeugt es, sich an einem geistlichen
Musikwerk ohne innere Anteilnahme zu ergötzen. Noch schnöder ist es, die
eigene kleinbürgerliche Herkunft mit dem auftrumpfenden Gehabe eines
Offiziers zu kompensieren.
Es ist das eigene Standesprivilegium, das Gustl, dem Schulabbrecher, die
Dreingabe des eigenen Lebens abverlangt: Könnte er die Aggression gegen
den Bäcker kehren, müsste er sich nicht erschießen. Bliebe er aber am
Leben, besäße er immerhin die Möglichkeit, "auf dem Feld der Ehre" für
Kaiser und Vaterland zu sterben. Es wäre ihm weiterhin möglich,
schlampige Beziehungen mit sogenannten "Menschern" zu unterhalten, an
denen ihm in Wahrheit nichts liegt: "Es ist doch keine was wert." Der
Sexualakt dünkt ihn "das einzige reelle Vergnügen", wiewohl er sich über
die abstoßenden Seiten des Matratzensports wohl unterrichtet weiß: "In
Przemysl - mir hat's nachher so gegraut..."
Es ist eine kuriose Volte des Schicksals, die diesen inferioren
Systemerhalter am Leben erhält, weil seinen Beleidiger über Nacht der
Schlag getroffen hat. Er kann nun andere Duelle fechten und weiterhin
seine antisemitische Gesinnung pflegen. Schnitzler, dem Überbringer
einer unfroh stimmenden Botschaft, wurde die Quittung prompt
ausgestellt: Man erkannte ihm von "ehrenrätlicher Seite" den
Offiziersrang als Oberarzt schnellstens ab. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)
Die Serie mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.