"Es ist doch keine was wert"

17. Februar 2012, 21:07

Was einer denkt, wenn er schweigt: Arthur Schnitzlers Novelle "Leutnant Gustl"

Gegen die törichte Hauptfigur von Arthur Schnitzlers epochemachender Novelle Leutnant Gustl (1900) lässt sich moralisch wenig einwenden. Ein knapp 24-jähriger Offizier der k.u.k. Armee und Musikbanause wohnt der feierlichen Aufführung eines Oratoriums bei. Beim Auslösen seines Mantels an der Garderobe widerfährt ihm die Schmach, von einem Bäckermeister als "dummer Bub" beschimpft zu werden.

Da der Kontrahent Kleingewerbetreibender ist, kommt er als Gegner für ein sühnendes Duell nicht in Frage. Verloren und wie vor den Kopf geschlagen irrt Gustl durch das nächtliche Wien. Durch sein nicht sonderlich helles Haupt fluten die widersprüchlichsten Gedanken und Empfindungen. Ihm scheint, als ob einzig ein Selbstmord die Besudelung seiner Ehre wiedergutmachen könnte.

Dass man mit diesem typischen Exponenten der Militärkaste dennoch nicht von Herzen mitfühlt, liegt an Schnitzlers meisterhafter Bloßstellung einer durchschnittlich bornierten Gesinnung, wie sie damals allenthalben gang und gäbe war: Gustls innerer Monolog, in dem die dümmsten Affekte und gefährlichsten Ressentiments wie Knallerbsen zünden, wird in aller Ausführlichkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Die aufsehenerregende Benutzung der Gedankenstromtechnik markiert den Eintritt der deutschsprachigen Literatur in die Moderne: Schnitzlers minutiöses Studium der Schriften Sigmund Freuds, aber auch die periphere Kenntnis damaliger Theorien über das Empfindungsvermögen leiten ein Schreiben an, in dem sich der Autor wohlweislich jedes Kommentars enthält.

Gustl ist das Opfer von Triebregungen, die "stärker" sind als er. Als Soldat verkörpert er zudem die Widersprüche eines Zeitalters, das mit Begriffen wie "Ehre" und "Vaterlandsliebe" den gesellschaftlichen Zerfallsprozess in Wien um 1900 nur sehr notdürftig übertüncht.

Von falscher Großbürgerlichkeit zeugt es, sich an einem geistlichen Musikwerk ohne innere Anteilnahme zu ergötzen. Noch schnöder ist es, die eigene kleinbürgerliche Herkunft mit dem auftrumpfenden Gehabe eines Offiziers zu kompensieren.

Es ist das eigene Standesprivilegium, das Gustl, dem Schulabbrecher, die Dreingabe des eigenen Lebens abverlangt: Könnte er die Aggression gegen den Bäcker kehren, müsste er sich nicht erschießen. Bliebe er aber am Leben, besäße er immerhin die Möglichkeit, "auf dem Feld der Ehre" für Kaiser und Vaterland zu sterben. Es wäre ihm weiterhin möglich, schlampige Beziehungen mit sogenannten "Menschern" zu unterhalten, an denen ihm in Wahrheit nichts liegt: "Es ist doch keine was wert." Der Sexualakt dünkt ihn "das einzige reelle Vergnügen", wiewohl er sich über die abstoßenden Seiten des Matratzensports wohl unterrichtet weiß: "In Przemysl - mir hat's nachher so gegraut..."

Es ist eine kuriose Volte des Schicksals, die diesen inferioren Systemerhalter am Leben erhält, weil seinen Beleidiger über Nacht der Schlag getroffen hat. Er kann nun andere Duelle fechten und weiterhin seine antisemitische Gesinnung pflegen. Schnitzler, dem Überbringer einer unfroh stimmenden Botschaft, wurde die Quittung prompt ausgestellt: Man erkannte ihm von "ehrenrätlicher Seite" den Offiziersrang als Oberarzt schnellstens ab.  (Ronald Pohl  / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

Die Serie mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.

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