Lesespuren - Spurenlese(n)

17. Februar 2012, 21:01
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Von Durchschüssen. Wie die Handschrift ins Buch kommt: Marginalien zu einer opulenten Publikation

Den Widerstand spür ich noch in allen Gliedern: von einem "durchschossenen Exemplar" des Buchs In Stahlgewittern von Ernst Jünger war die Rede, als ich in jungen Jahren in meine neue Dienststelle, die Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, eingeführt wurde. War das Bild des durchschossenen Stahlhelms, den dieser Kriegsbegeisterte seinen prominenten Besuchern so gern gezeigt haben soll, nicht schon abstoßend genug? Und nun auch noch diese Reliquie?

Über ein derartiges Missverständnis stolpert wohl jeder angehende Archivar in seiner Ausbildung einmal, denn lächelnd wird ihm erklärt, dass es sich hier um ein Homonym, eine bizarre Wortgleichheit handelt: Dieser "Durchschuss" nämlich bezieht sich auf nichts anderes als auf leere Seiten, die systematisch zwischen den bedruckten eingebunden wurden, um reichlich Gelegenheit für Notizen zu bieten.

Wie intensiv solche Durchschüsse genutzt wurden, zeigt eindrucksvoll die Bibliothek Schopenhauers: Nicht nur eigene Werke hat der Philosoph durchschießen lassen, um sie für spätere Auflagen ausgiebig revidieren zu können, sondern auch seine Lektüre fremder Texte versah er überreich mit Randglossen, und das bemerkenswerterweise jeweils in der Sprache des Originals.

So finden sich neben Kommentaren in seiner Muttersprache auch solche in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Latein. Einer der exzessivsten Bearbeiter seiner Bücher war Karl Marx: Mehr als 40.000 Buchseiten mit Marginalien aus seiner Hand sind überliefert, womit sich ein spezieller Band der großen Marx-Engels-Gesamtausgabe eigens beschäftigt.

Um derartige Notate geht es in dem prächtig illustrierten Band Lesespuren – Spurenlesen oder Wie kommt die Handschrift ins Buch: um Randbemerkungen von Autoren und Lesern, um Lesungs-, Hand- und Arbeitsexemplare ohne oder eben mit Durchschuss, um eingelegte Blätter, An- und Unterstreichungen in Blei oder verschiedenen Farben, Durchstreichungen, Strichfassungen für die Bühne, um Annotationen und Ad-Noten, Besitzvermerke und bisweilen auch nur um ein viel sagendes Rufzeichen. Mit Blick auf den "eigentlichen" Text, den gedruckten, geht es hier also um Marginalien im wörtlichen, aber auch im weitesten Sinn.

Solche 'marginalen' Gegenstände der Betrachtung ruhen in einem besonderen Interesse jüngerer Kulturwissenschaft für Randständiges, Randphänomene und Abseitiges, denn abseits des Mainstream blüht nicht nur so manches Schöne und Bedeutsame, das übersehen wird, wenn man mit dem Strom schwimmt, sondern auch die Hauptsache, in der Philologie eben der Text, ist von Randbedingungen abhängig, kann nur in bestimmten Rahmen stattfinden und kann vor allem erst in (Spuren) menschlicher Verarbeitung zu sich selbst finden.

Ein Text ohne Leser, das wären nichts als schwarze Striche auf weißem Papier, wie einmal Jean-Paul Sartre es auf den Punkt gebracht hat.

Es war vor allem Gérard Genette, ein einflussreicher Literaturwissenschafter an der Sorbonne, der mit dem Begriff Paratexte - so lautet auch der Titel eines seiner Hauptwerke – von Texten also, die neben und um den Basistext herum gelagert sind, auf solche vorher wenig beachteten oder in ihrer Bedeutung kaum wahrgenommenen literarischen Randphänomene aufmerksam gemacht hat.

Fasste allerdings Genette dabei noch primär werkinterne Elemente wie Titel und Untertitel, die Angabe der literarischen Gattung, das Inhaltsverzeichnis, Überschriften, Vor- und Nachworte ins Auge, so kommt all das, was sich ganz unabhängig vom Autor neben dessen Text angelagert hat, erst im weiteren Verlauf der Diskussion näher in Blick.

So auch hier. Wie kommt die Handschrift ins Buch, lautet die Ausgangsfrage. Historisch betrachtet kommt die Handschrift zunächst gar nicht ins Buch, sondern in Handschriften, in lateinische Manuskripte des früheren Mittelalters als Rand- und Interlinearglossen, in der Regel um Übersetzungshilfen zu bieten.

Im Zeitalter des Buchdrucks finden sie sich dann, in der Frühzeit oft auf überbreiten Rändern, zahlreich und in vielerlei Gestalt, ob es sich dabei um textuelle, sprechende oder bloß grafische, stumme handelt, wie editorisch grob unterschieden wird. Die schier unendliche Vielfalt, aber auch die immer wieder erhebliche inhaltliche Relevanz wird eindrucksvoll dargelegt.

Der umfangreiche Band, fast ein halbes tausend Seiten lang mit mehr als fünfzig Beiträgen, angereichert um die Erstpublikation einer mit sechzig Holzschnitten von Frans Masereel komplett bebilderten "Geschichte ohne Worte", begleitet gerade eine opulent bestückte Ausstellung gleichen Titels in der Wienbibliothek im Rathaus, kundig kuratiert vom Leiter der dortigen Handschriftenabteilung, Marcel Atze, die soeben wegen großen Zuspruchs bis zum 29. Februar verlängert wurde. (W. W. Hemecker / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

"Lesespuren – Spurenlesen oder Wie kommt die Handschrift ins Buch? Von sprechenden und stummen Annotationen". Mit 237 Abbildungen. Hrsg. im Auftrag des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und der Wienbibliotek im Rathaus von Marcel Atze und Volker Kaukoreit unter Mitarbeit von Th. Degener, T. Gausterer und M. Wedl. Sichtungen 12./13. Jahrgang. Wien, Preasens Verlag 2011

  • Berthold Viertel verbessert die Übersetzung einer Komödie von George Bernhard Shaw und bearbeitet sie für eine Aufführung.
    foto: wienbibliothek

    Berthold Viertel verbessert die Übersetzung einer Komödie von George Bernhard Shaw und bearbeitet sie für eine Aufführung.

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