Von Durchschüssen. Wie die Handschrift ins Buch kommt: Marginalien zu einer opulenten Publikation
Den Widerstand spür ich noch in allen Gliedern: von einem "durchschossenen Exemplar" des Buchs In Stahlgewittern
von Ernst Jünger war die Rede, als ich in jungen Jahren in meine neue
Dienststelle, die Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs
in Marbach am Neckar, eingeführt wurde. War das Bild des durchschossenen
Stahlhelms, den dieser Kriegsbegeisterte seinen prominenten Besuchern
so gern gezeigt haben soll, nicht schon abstoßend genug? Und nun auch
noch diese Reliquie?
Über ein
derartiges Missverständnis stolpert wohl jeder angehende Archivar in
seiner Ausbildung einmal, denn lächelnd wird ihm erklärt, dass es sich
hier um ein Homonym, eine bizarre Wortgleichheit handelt: Dieser
"Durchschuss" nämlich bezieht sich auf nichts anderes als auf leere
Seiten, die systematisch zwischen den bedruckten eingebunden wurden, um
reichlich Gelegenheit für Notizen zu bieten.
Wie
intensiv solche Durchschüsse genutzt wurden, zeigt eindrucksvoll die
Bibliothek Schopenhauers: Nicht nur eigene Werke hat der Philosoph
durchschießen lassen, um sie für spätere Auflagen ausgiebig revidieren
zu können, sondern auch seine Lektüre fremder Texte versah er überreich
mit Randglossen, und das bemerkenswerterweise jeweils in der Sprache des
Originals.
So
finden sich neben Kommentaren in seiner Muttersprache auch solche in
Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Latein. Einer der
exzessivsten Bearbeiter seiner Bücher war Karl Marx: Mehr als 40.000
Buchseiten mit Marginalien aus seiner Hand sind überliefert, womit sich
ein spezieller Band der großen Marx-Engels-Gesamtausgabe eigens
beschäftigt.
Um derartige Notate geht es in dem prächtig illustrierten Band Lesespuren - Spurenlesen oder Wie kommt die Handschrift ins Buch:
um Randbemerkungen von Autoren und Lesern, um Lesungs-, Hand- und
Arbeitsexemplare ohne oder eben mit Durchschuss, um eingelegte Blätter,
An- und Unterstreichungen in Blei oder verschiedenen Farben,
Durchstreichungen, Strichfassungen für die Bühne, um Annotationen und
Ad-Noten, Besitzvermerke und bisweilen auch nur um ein viel sagendes
Rufzeichen. Mit Blick auf den "eigentlichen" Text, den gedruckten, geht
es hier also um Marginalien im wörtlichen, aber auch im weitesten Sinn.
Solche
'marginalen' Gegenstände der Betrachtung ruhen in einem besonderen
Interesse jüngerer Kulturwissenschaft für Randständiges, Randphänomene
und Abseitiges, denn abseits des Mainstream blüht nicht nur so manches
Schöne und Bedeutsame, das übersehen wird, wenn man mit dem Strom
schwimmt, sondern auch die Hauptsache, in der Philologie eben der Text,
ist von Randbedingungen abhängig, kann nur in bestimmten Rahmen
stattfinden und kann vor allem erst in (Spuren) menschlicher
Verarbeitung zu sich selbst finden.
Ein Text
ohne Leser, das wären nichts als schwarze Striche auf weißem Papier,
wie einmal Jean-Paul Sartre es auf den Punkt gebracht hat.
Es war vor allem Gérard Genette, ein einflussreicher Literaturwissenschafter an der Sorbonne, der mit dem Begriff Paratexte -
so lautet auch der Titel eines seiner Hauptwerke - von Texten also,
die neben und um den Basistext herum gelagert sind, auf solche vorher
wenig beachteten oder in ihrer Bedeutung kaum wahrgenommenen
literarischen Randphänomene aufmerksam gemacht hat.
Fasste
allerdings Genette dabei noch primär werkinterne Elemente wie Titel und
Untertitel, die Angabe der literarischen Gattung, das
Inhaltsverzeichnis, Überschriften, Vor- und Nachworte ins Auge, so kommt
all das, was sich ganz unabhängig vom Autor neben dessen Text
angelagert hat, erst im weiteren Verlauf der Diskussion näher in Blick.
So auch
hier. Wie kommt die Handschrift ins Buch, lautet die Ausgangsfrage.
Historisch betrachtet kommt die Handschrift zunächst gar nicht ins Buch,
sondern in Handschriften, in lateinische Manuskripte des früheren
Mittelalters als Rand- und Interlinearglossen, in der Regel um
Übersetzungshilfen zu bieten.
Im
Zeitalter des Buchdrucks finden sie sich dann, in der Frühzeit oft auf
überbreiten Rändern, zahlreich und in vielerlei Gestalt, ob es sich
dabei um textuelle, sprechende oder bloß grafische, stumme handelt, wie
editorisch grob unterschieden wird. Die schier unendliche Vielfalt, aber
auch die immer wieder erhebliche inhaltliche Relevanz wird
eindrucksvoll dargelegt.
Der
umfangreiche Band, fast ein halbes tausend Seiten lang mit mehr als
fünfzig Beiträgen, angereichert um die Erstpublikation einer mit sechzig
Holzschnitten von Frans Masereel komplett bebilderten "Geschichte ohne
Worte", begleitet gerade eine opulent bestückte Ausstellung gleichen
Titels in der Wienbibliothek im Rathaus, kundig kuratiert vom Leiter der
dortigen Handschriftenabteilung, Marcel Atze, die soeben wegen großen
Zuspruchs bis zum 29. Februar verlängert wurde. (W. W. Hemecker / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)
"Lesespuren
- Spurenlesen oder Wie kommt die Handschrift ins Buch? Von sprechenden
und stummen Annotationen". Mit 237 Abbildungen. Hrsg. im Auftrag des
Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und der
Wienbibliotek im Rathaus von Marcel Atze und Volker Kaukoreit unter
Mitarbeit von Th. Degener, T. Gausterer und M. Wedl. Sichtungen
12./13. Jahrgang. Wien, Preasens Verlag 2011