Zorniger und politischer denn je: Bruce Springsteen hat in Paris sein neues Album "Wrecking Ball" als Star zum Anfassen vorgestellt
Der 62-Jährige hat nicht nur die Stimme bewahrt, sondern eine Sprache gefunden
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Ist das
der Mann, der die Wut im Bauch hat, manchmal auch den Blues? Mit
entspanntem Lächeln tritt der schwarz gekleidete "Boss" auf die Bühne
des Pariser Theaters Marigny und schwingt sich locker auf den Barhocker.
Ohne Allüren, nur mit seiner raumfüllenden Reibeisenstimme versehen,
wirkt seine Einfachheit wohltuend nach dem komplizierten Geheimprogramm,
das die Sony-Leute für das "Weltevent" aufgezogen haben.
Die aus
ganz Europa angereisten Journalisten haben sich eben das neue, Anfang
März erscheinende Album im Dunkeln angehört (Handys waren verboten, nur
Notizblocks erlaubt). Ganz schön düster, kommentiert ein Engländer.
"Bruce", wie ihn die Reporter ansprechen, entgegnet gut gelaunt, es sei
dem Rock'n'Roll eben noch immer gut bekommen, wenn der Musiker "pissed
off" sei.
Aber im Ernst, Springsteen ist "pretty angry", ganz schön verbiestert. Sein 17. Studioalbum heißt Wrecking Ball,
zu Deutsch Abrissbirne, und das sei eine Metapher für das heutige USA,
"wo die Leute aus ihren Häusern gejagt werden, wenn sie kein Geld mehr
haben". Schon auf seinen früheren Alben The River, Nebraska oder Born In The USA habe
er stets "die Entfernung zwischen amerikanischem Traum und
amerikanischer Realität gemessen", meint Springsteen. Und jetzt werde
der Abstand größer und größer. "Halt' dich an deine Wut", singt
Springsteen im Titelsong, den er früher schon live gespielt hatte.
Das
Album beginnt mit den schroffen Gitarrenriffs von We Take Care Of Our Own, der ersten Singleauskopplung, die schon als Occupy-Hymne
herumgereicht wird. Es folgt das böse Gaunerstück Easy Money, mit
fidelen Folk-Einlagen und entsprechender Laune: "Ich hab eine Smith
& Wesson 38 und ein Höllenfeuer." Dann eine bittere Anklage über die
Spekulanten auf dem "Bankerhügel". Im vierten Song Jack Of All Trades
wird Springsteen noch deutlicher: "Der Banker wird fett, der Arbeiter
wird dünn / Das war schon immer so, und wird es auch wieder so sein."
Death To My Hometown beschließt die erste Hälfte des Albums mit einer Anklage
gegen die Aasgeier-Armee, die ohne Bomben und Kanonen "unsere Familien
und Fabriken zerstört und uns die Häuser nimmt".
Auf
seinem Barhocker bestätigt Springsteen, die erste Hälfte des Albums sei
während der Wirtschaftskrise 2009 und 2010 entstanden. Seine Songs
enthielten aber auch hoffnungsvolle Elemente, betont er: We Take Care Of Our Own lasse sich auch lesen als "Wir nehmen die Dinge in die
Hand". Die Occupy-Bewegung habe immerhin ermöglicht, dass in den USA
wieder über Gleichheit und Gerechtigkeit debattiert werde. "Das war in
den letzten 20 Jahren nicht mehr der Fall", fügt der Mann mit den vier
feinen Ohrringen an. Wegen George Bush sei er vor vier Jahren auch für
Barack Obama aufgetreten, meint Springsteen; in der neusten Kampagne
werde er das aber nicht mehr tun: "Ich bin kein professioneller
Wahlkämpfer."
Leid eines Sängers
Und dann
gibt es auch noch die zweite, persönlichere Hälfte des Albums. This Depression kommt von tief unten, und die Gastgitarre von Tom Morello
ist so hirnzersetzend wie die Depression, die Springsteen um Hilfe
schreien lässt. Der Rest des Albums ist E-Street-Band pur.
Obwohl
langsam gequält auf seinem Sessel, reagiert Springsteen eher amüsiert
über die Frage, ob seine neue Rolle als Protestsänger nicht eine Last
sei. "Ich leide schrecklich darunter, wenn ich nachts in meinem großen
Haus einschlafe, das bringt mich noch ganz um", scherzt er, bevor Sony
die Pressekonferenz beendet. Und Springsteen sich plaudernd unter die
Leute mischt. (Stefan Brändle aus Paris / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)
Wrecking Ball erscheint am 5. März. Springsteen wird am 12. Juli in Wien auftreten.