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Katharina Luger, geboren 1986 in Wien. studierte Wirtschaftswissenschaften in Wien und Lissabon. Seit 2010 ist sie Studentin am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. 2011 bekam sie das Startstipendium für Literatur des BMUKK.
Ein Morgengebet in Soll. Von Katharina Luger
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"Zu seiner Belehrung sollte ein Schriftsteller mehr leben als lesen. Zu seiner Unterhaltung sollte ein Schriftsteller mehr schreiben als lesen." Karl Kraus
Ich soll schreiben. Weiter, ich soll überall schreiben können, nicht nur zu Hause. Ich soll Türen öffnen, nicht nur Kaffeehaustüren. Ich sitze ebenda, in so einem Kaffeehaus, eine Zigarette im Mundwinkel - das Klischee sei mir verziehen, es ist meine pure Absicht - und soll innovativ sein. Neue Wege gehen, die nicht nur mit Prosa gepflastert sind, ich soll unterwegs vielleicht einen Akt für ein Drama, einen Gedichtzyklus und vier Essays schreiben, wenn möglich abdruckfähig, vielleicht in einer Literaturzeitschrift. Ich soll den Betrieb aber nicht zu ernst nehmen, Essay kommt schließlich von essayer. (Ich soll Französisch sprechen.) Ich soll mich nicht um Verlage kümmern, ich soll mich nicht um den Buchhandel kümmern. (Der Buchhandel liegt im Argen.) Dort kommt nämlich "Handel" vor, und ich bin kein Produkt. Ich soll kein Produkt sein wollen. Ich soll sagen, ach, der Literaturbetrieb ist fürchterlich, aber ich soll keine Lesung verpassen. Ich soll eine engagierte Schriftstellerin sein. Ich soll eine Autorin sein, nicht interessiert am eigenen Erfolg, sondern an der Sache. Ich soll 1500 Bücher verkaufen, damit es sich für den Verlag lohnt, mich anzupreisen. Werbung soll ich scheußlich finden. Ich soll mich mit dem Zeitgeschehen befassen, ich soll die Geschichte meines eigenen Landes kennen, ich soll die Geschichte meiner eigenen Familie kennen. Ich soll die Innenpolitik kommentieren können, die aktuelle, die vom letzten Jahr und die vor meiner Zeit. Ich soll Ö1 hören, die Features und die Hörspiele. In der Nacht läuft das beste Fernsehprogramm. Ich soll nicht beim Fernsehen einschlafen. Ich soll keinen Fernseher besitzen. Ich soll Filme kennen. Klassiker. In Originalton. (In der Übersetzung geht der ganze Humor verloren.) Das Lebenswerk von ... Ich soll auf Filmfestivals gehen und mir Retrospektiven ansehen. Ich soll mich auch mit Theater auseinandersetzen. Literatur und Theater liegen ja eng beieinander. Ich soll Jazz lieben und Pop verachten. Ich soll Jazz verachten. (Bob Dylan ist ein Poet.) Ich soll eine klare Linie ziehen können zwischen Avantgarde und Postmoderne. Ich soll mich sehr gut mit Epochen auskennen, aus der Epoche die Kunst herleiten und aus der Kunst die Epoche. Ich soll mit Gerhard Rühm oder Carl Djerassi einen Diskurs führen können, und dies vor allem, da ich ein naturwissenschaftliches Vorstudium absolviert habe. Oder zumindest ein Philosophiestudium. Ich soll nicht im eigenen Dampf schmoren. Ich soll schlecht in Mathematik sein. Ich soll wissen, dass Mathematik alles zusammenhält. Und nicht Rudolf Taschner. Ich soll Mallarmé verstehen, das sind ja nicht nur bunte Buchstaben. (Klassische Erzählung hat nichts mehr mit Kunst zu tun, nur andere, experimentelle Zugänge sind heute noch legitim.)
Ich soll nicht schreiben wie ...
Ich soll bestimmte Bücher schon mehr als einmal gelesen, und jedes mal etwas Neues entdeckt haben. Ich soll nicht den ganzen Tag damit beschäftigt sein, das zu lesen, was ich ohnehin schon kennen sollte. Ich soll meine Zeit nicht im Internet vertrödeln, aber einen eigenen Blog haben und andere Literaturblogs verfolgen. (Ein Blog ist so eine demokratische Form der Publikation.) Ich soll mich nicht versklaven, ich soll nicht "Lohnarbeit fristen" oder "texten", ich soll mich für Literaturwettbewerbe interessieren, ich soll einreichen, ich soll ein Manuskript im Ärmel haben und dieses bei Gelegenheit den richtigen Personen zustecken, bei deren Lesungen ich pünktlich eingetroffen bin. Ich soll aktuelle Arbeitsproben haben und mich mit diesen für Stipendien bewerben. Ich soll das Schreiben lieben, oder ich soll es hassen, aber in jedem Fall soll ich viel schreiben. Und lesen und wissen, was Karl Kraus dazu sagt. Und der Olymp. Und Helmut Qualtinger. Alles ist schon einmal da gewesen, ich soll anders schreiben, ich soll nicht schreiben wie ... Ich soll gerade die österreichische Literatur kennen. Nur nicht die Bestseller. Ich soll in kleine Buchhandlungen gehen, ich soll Antiquariate kennen, viele. Ich soll auch einmal etwas Schlechtes schreiben. Ich soll dem Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur einen Bericht über meinen Erzählband abliefern. Ich soll Zweifel kennen, ich soll aber nicht verzweifeln. Ich soll Widerstand leisten, ich soll nicht zu glatt sein, ich soll nicht an der Oberfläche kraulen, sondern an ihr kratzen. Ich soll mit der Hand schreiben, mit Füllfeder, ich soll mit der Schreibmaschine schreiben. Ich soll in der Früh schreiben, wenn der Tag noch jung ist. Ich soll Jungautorin sein. Gerade aufgestanden. Ich soll neben meinem Bett ein Blatt Papier liegen haben, um die Ideen, die im Schlaf kommen, sofort aufschreiben zu können im Zehn-Finger-Satz. Ich soll im Gymnasium gewesen sein, ich soll Latein gehabt haben. Ich soll nicht bürgerlich sein, ich soll bürgerliches Milieu kritisieren. Ich soll keine Lifestyle-Autorin sein. Ich soll nicht über oder gegen Befindlichkeiten schreiben, nicht die eigene Familiengeschichte aufrollen. (Schon wieder der Vater! Das hat vor ihr schon ...)
Ich soll nicht beschreiben, wie sich ein warmes Wannenbad anfühlt. Jeder weiß, wie sich ein warmes Wannenbad anfühlt. Ich soll wissen, dass das Thomas Bernhard gesagt hat. Ich soll nicht beschreiben, was eine Prostituierte in ihrer Handtasche hat, ich soll mit einer Prostituierten schlafen und das beschreiben. Ich soll nicht einen Erzählband als Erstlingswerk herausbringen, der verkauft sich nicht. Ich soll mich nicht an Verkaufszahlen aufhängen. Ich soll mich nicht erhängen. Die, die wirklich verkaufen, schreiben sich per Auftrag quer durch die Feuilletons. Ich soll die Feuilletons durchforsten. Ich soll Feuilleton im Schlaf buchstabieren können. Ich soll nicht das erste Wort wählen, das mir einfällt.
Ich soll eine Veröffentlichung bei der Grazer Literaturzeitschrift Manuskripte haben, solange Alfred Kolleritsch dabei ist. Ich soll ohne Internet wissen, dass Alfred Kolleritsch Alfred Kolleritsch heißt. Ich soll ein Problem mit authentischen Schriftstellern haben. Ich soll performen. Ich soll Poetry-Slams besuchen. Ich soll noch Briefe schreiben, ich soll mir einmal eine meinung darüber gemacht haben, ob ich groß- und kleinschreibe. ich soll es auch einmal ausprobiert haben kleinzuschreiben, mich der konvention widersetzen. Ich soll Hesse in der Schule abgelegt haben, ich soll den Mann ohne Eigenschaften gelesen haben. Ich soll Das Lied von der Erde kennen. Ich beginne jeden Satz mit "Ich soll", ich soll Wortwiederholungen vermeiden. Ich soll mich bewusst für Wortwiederholungen entscheiden. Schreibe ich "es", ich habe mich immer zuvor gefragt: Ist dieses "es" wirklich notwendig, und falls ja, habe ich mich ebenfalls bewusst dafür entschieden. Ich spare die Adjektive. Ich vermeide schiefe Bilder oder gar jene, die wir alle schon 400-mal gelesen haben. Ich soll ein Objekt an den Anfang einer Erzählung stellen.
Ich soll anwesend sein. Ich soll mit meinem Namen unterschreiben. Ich soll mich nicht als Erste melden, um meinen Text vorzulesen. Ich soll noch bis zum nächsten Mal auf das Feedback warten können. Ich soll nicht gleich gehen, nachdem mein Text besprochen wurde, sondern solidarisch sein und noch den anderen zuhören. Ich soll wissen, dass Autoren niemals solidarisch sind und jeder nur über seinen eigenen Text sprechen will und hören möchte, was der andere dazu sagt.
Ich soll mich innerhalb der "Angewandten" mit Studenten aus anderen Richtungen für Projekte zusammenschließen. Ich soll gendern und nicht sagen, Studenten aus anderen Studienrichtungen sondern Studierende. Ich soll wissen, wer gerade angesagt ist, obwohl er Maler ist und nicht Dichter. Ich soll wissen, wo die nächste Angewandten-Party ist. Ich soll acht bis zehn Seiten schreiben. Ich soll eine Stimme haben und Gegenargumente zu meiner Position finden. Oder mich im Zweifel einfach an Montaigne oder Johnson orientieren. Natürlich, ich soll zur Deadline abgeben. Ich soll etwas abgeben, sonst falle ich durch. Ich soll wissen, dass es nicht um einen akademischen Titel geht, wenn man schreiben will.
Ich soll nach dem Unterricht noch mitgehen auf ein Bier. Ich soll eine Idee für ein Sprach/Film-Projekt haben und verwirklichen. Ich soll cutten lernen.
Ich soll schon vor der Lehrveranstaltung die Leseliste gelesen haben. Ich soll die Lehrbeauftragten, die Dichter kennen. Ich soll ihr Werk nicht nur gelesen haben, ich soll zu ihm durchgedrungen sein. Nicht zu jedem, aber falls nicht - warum? Ich soll jedes Wort schon einmal gehört haben, und falls nicht, sofort fragen, was es heißt. Ich soll einen Arbeitstitel haben. Ich soll ein Konzept haben. Ich soll bei Konzeptkunstprojekten mitmachen und in ein Museum das Wort "Kübel" brüllen gehen. Ich soll keine Schreibblockade haben, ich soll eine überwinden. Ich will einen Roman schreiben.
Ich soll nicht bürgerlich sein, ich soll bürgerliches Milieu kritisieren. Ich soll keine Lifestyle-Autorin sein. Ich soll nicht über oder gegen Befindlichkeiten schreiben ... (Katharina Luger / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)
Ich frage mich, wie die Leute das aushalten, die Musik den ganzen Tag. Ich meine damit die Beschallung, die permanente Beschallung, und speziell meine ich den Techno-Dreck
Früher hießen sie "Gastarbeiter", heute Arbeitsmigranten. Sie kommen und gehen, viele bleiben und schlagen Wurzeln. Was ist ihr Bild von hier? Und wie sehen diese Menschen uns?
Über sechstausend Menschen hat das Meer verschlungen auf der gefährlichen Reise von Afrika nach Europa. Ein Lagebericht
Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit und die Hoffnung auf einen Job. Manche haben aus der Not eine Tugend und sich selbstständig gemacht
Es wabert, die Walküren sammeln Helden auf, Loge lässt es zischen und krachen. Aber die ideologischen Kosten, die wir für das Spektakel bezahlen müssen, sind horrend
Wie würde das gehen? Sicher nicht mit einem rumpelnden Rollkoffer oder einem lächerlichen Rucksack
Lissabons Charakter besitzt etwas, das einen sich für die eigene Unvollkommenheit schämen lässt, obwohl diese Stadt niemanden beschämt.
Sie ist wider die Natur, wider das Vergnügen. Arbeit ist unverschämt. Ein Manifest wider die Arbeit zum 1. Mai
Todgeweihte Küken, räudige Katzen und stinkender Müll. Über eine Reise mit mitteleuropäischem Nachwuchs nach Marokko - abseits aller Werbeprospekte
Es ist obszön, die fremden Straches lieben zu sollen: Wolfgang Müller-Funk über symbolische Minenfelder und kulturalistische Fallen, die bei der Debatte über islamische Einwanderung mit im Spiel sind
Sie sind in den Siebzigern und Achtzigern geboren und schreiben eine Literatur, in der es keine Welt vor dem Text gibt - Über eine neue Generation von Schriftstellerinnen
Er lässt sich mit ärmlichen Worthülsen abspeisen, er schmatzt, er fühlt sich satt. Der Unmund wohnt im Schlaraffenland, während ich mich in meiner Art bedroht fühle
Ägypten! Schon das Wort wie ein Lockruf. Weltwunder erwarten dich. Pyramiden. An ihren Wänden ein Flirren: Götterbilder, Tierbilder, Zeichen
Allerweltscremedose, Herrenwitzdarbietung, rotbeschuhte Fußnoten, Stadt-Rad-Alltag, Goldhelme, Heimat-Kennzeichen, gleichgeschlechtlich Liebende: Bodo Hell fragt sich vieles
Eine Krippe, ein Pferd, ein Hinweisschild: Drei Fotos liegen auf meinem Tisch, ich schiebe sie hin und her, ich frage mich: Welche Geschichten verstecken sich hinter der Anordnung von Dingen?
Das ist nur eine Frage von vielen. Eine weitere: Welche Gründe hat Frau K., sich derart zu exponieren? Oder: Versteht sie das als Teil einer Aufarbeitung? Versuche einer Erklärung
Ich falle höchstens dadurch auf, dass ich kein Smartphone habe. Ins Gespräch integriert werde ich dennoch, also in diese seltsam multimediale Mischung Mensch und Maschine
Farb-, geruch- und geschmacklos wollen wir es in Mitteleuropa haben, die Amerikaner schätzen den Chlorgeruch. Vier allgemeine Anmerkungen zum Wasser nebst einer Wasserverkostung
Ein Blick auf den Schreibtisch am Wochenende - und Fragen, die sich unter der Woche aufgestaut haben
Als ein Schriftsteller ist man an seinem Schreibplatz tagtäglich auf ein Hausarbeitsverbessern zurückgeworfen, Lehrer und Schüler in Personalunion
Warum muss ich immer daran erinnert werden, dass ich Jude bin? Warum schreiben auch (links-) liberale Medien vom "jüdischen Komponisten" oder vom "jüdischen Schriftsteller"?
Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt sehr deutlich, dass über Geschlechterpolitik in Österreich nicht geredet werden kann
Ihm eilt der Ruf voraus, er sei der Verkünder kommenden Glücks: Gedanken zum Zufall
Dinge auf die Reihe kriegen: Das kann bald jemand. Ich gehöre lieber zu jenen, deren liebstes Möbelstück die lange Bank ist. Ein Lob der Prokrastination
Wie groß ist unsere Genugtuung, wenn einer, der es probiert hat, es doch nicht schafft? - Und aus der Sphäre der gelebten Träume auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird
katholische Erziehung zum Schaf und nicht zum Hirten (gibts "Hirtin"?). Bist Du ins Sacre Couer gegangen? Mensch, werde wesentlich! sagte Angelus Silesius vor 350 Jahren. Dann weißt du von selbst, was und wie du schreiben musst, weil es deins ist.
sind echt das letzte.
Zum Text: Ab dem dritten Absatz hat man kapiert, was gemeint ist.
Schlussfolgerung: Zieh es nicht unnötig in die Länge.
Und jemand der sich hauptsächlich damit beschäftigt, wie er erfolgreich schreiben kann, wird nicht gut schreiben. Aber um das rauszufinden, brauchen alle die noch nichts in ihrem Leben erlebt haben, was es wirklich wert wäre erzählt zu werden eben bis sie mal was erleben.
Oder sie kommen am Ende - so wie ich - drauf, dass sie zwar schreiben können, aber nichts zu erzählen haben.
Dann lässt man es lieber gleich ganz.
auf den bevorstehenden ausbruch.
die postmoderne hat ausgedient!
eine neue epoche steigt aus dem schatten der altmodernen.
"ich soll ... wissen, dass schriftsteller und/od. authoren kein produkt nach handbuchcharakter sind!"
Wer schreibt, schreibt, schreibt, schreibt,
was sie schreibt, schreibt, schreibt,
weil sie schreibt, schreibt, schreibt,
wie sie schreibt, schreibt, schreibt,
wo sie schreibt, schreibt, schreibt,
wann sie schreibt, schreibt, schreibt,
warum sie schreibt, schreibt, schreibt,
der schreibt, schreibt, schreibt, schreibt.
sind das alles ansprüche, die im zuge des sprachkunst-studiums an einen gestellt werden?? ...ich mag jedenfalls die widersprüchlichkeit in allem! u hoffe, das studium hat noch mehr zu bieten u zielt nicht nur darauf ab, ein jungautorInnen-aushängeschild aus einem zu machen!!
ihr sollt mich an die burg boxen:
www.facebook.com/ichwillandieburg
Hark!
Nach den ersten paar Aufsätzen hab ich ehrlichgesagt aufgegeben. Immer dieses Gejammer von Schriftstellern, was sie nicht alles durchmachen. Ich bin zwar selbst kein Schriftsteller, hab aber auch den ein oder anderen Roman geschrieben. Inspiration ist toll. Man sollte IMMER lesen, ohne abzuwiegen, ob man mehr lesen oder mehr schreiben sollte. Man kann von jedem Genre etwas gebrauchen, um es so auszudrücken, denn in Wirklichkeit drückt einem der Buchhandel ein Genre auf, damit der Verlag weiß, ob er einem bei einem düsteren Fantasybuch einen Raben aufs Cover drucken kann oder nicht.
Ich gebs zu, das Blahblah von Universitätsstudentenschriftstellern hab ich einfach nur satt.
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