Ich soll Jungautorin sein. Gerade aufgestanden. Ich soll neben meinem Bett ein Blatt Papier liegen haben, um die Ideen, die im Schlaf kommen, sofort aufschreiben zu können
Ein Morgengebet in Soll. Von Katharina Luger
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"Zu seiner Belehrung sollte ein Schriftsteller mehr leben als lesen. Zu
seiner Unterhaltung sollte ein Schriftsteller mehr schreiben als lesen."
Karl Kraus
Ich soll schreiben. Weiter, ich soll überall schreiben können, nicht nur
zu Hause. Ich soll Türen öffnen, nicht nur Kaffeehaustüren. Ich sitze
ebenda, in so einem Kaffeehaus, eine Zigarette im Mundwinkel - das
Klischee sei mir verziehen, es ist meine pure Absicht - und soll
innovativ sein. Neue Wege gehen, die nicht nur mit Prosa gepflastert
sind, ich soll unterwegs vielleicht einen Akt für ein Drama, einen
Gedichtzyklus und vier Essays schreiben, wenn möglich abdruckfähig,
vielleicht in einer Literaturzeitschrift. Ich soll den Betrieb aber
nicht zu ernst nehmen, Essay kommt schließlich von essayer. (Ich soll
Französisch sprechen.) Ich soll mich nicht um Verlage kümmern, ich soll
mich nicht um den Buchhandel kümmern. (Der Buchhandel liegt im Argen.)
Dort kommt nämlich "Handel" vor, und ich bin kein Produkt. Ich soll kein
Produkt sein wollen. Ich soll sagen, ach, der Literaturbetrieb ist
fürchterlich, aber ich soll keine Lesung verpassen. Ich soll eine
engagierte Schriftstellerin sein. Ich soll eine Autorin sein, nicht
interessiert am eigenen Erfolg, sondern an der Sache. Ich soll 1500
Bücher verkaufen, damit es sich für den Verlag lohnt, mich anzupreisen.
Werbung soll ich scheußlich finden. Ich soll mich mit dem Zeitgeschehen
befassen, ich soll die Geschichte meines eigenen Landes kennen, ich soll
die Geschichte meiner eigenen Familie kennen. Ich soll die Innenpolitik
kommentieren können, die aktuelle, die vom letzten Jahr und die vor
meiner Zeit. Ich soll Ö1 hören, die Features und die Hörspiele. In der
Nacht läuft das beste Fernsehprogramm. Ich soll nicht beim Fernsehen
einschlafen. Ich soll keinen Fernseher besitzen. Ich soll Filme kennen.
Klassiker. In Originalton. (In der Übersetzung geht der ganze Humor
verloren.) Das Lebenswerk von ... Ich soll auf Filmfestivals gehen und
mir Retrospektiven ansehen. Ich soll mich auch mit Theater
auseinandersetzen. Literatur und Theater liegen ja eng beieinander. Ich
soll Jazz lieben und Pop verachten. Ich soll Jazz verachten. (Bob Dylan
ist ein Poet.) Ich soll eine klare Linie ziehen können zwischen
Avantgarde und Postmoderne. Ich soll mich sehr gut mit Epochen
auskennen, aus der Epoche die Kunst herleiten und aus der Kunst die
Epoche. Ich soll mit Gerhard Rühm oder Carl Djerassi einen Diskurs
führen können, und dies vor allem, da ich ein naturwissenschaftliches
Vorstudium absolviert habe. Oder zumindest ein Philosophiestudium. Ich
soll nicht im eigenen Dampf schmoren. Ich soll schlecht in Mathematik
sein. Ich soll wissen, dass Mathematik alles zusammenhält. Und nicht
Rudolf Taschner. Ich soll Mallarmé verstehen, das sind ja nicht nur
bunte Buchstaben. (Klassische Erzählung hat nichts mehr mit Kunst zu
tun, nur andere, experimentelle Zugänge sind heute noch legitim.)
Ich soll nicht schreiben wie ...
Ich soll bestimmte Bücher schon mehr als einmal gelesen, und jedes mal
etwas Neues entdeckt haben. Ich soll nicht den ganzen Tag damit
beschäftigt sein, das zu lesen, was ich ohnehin schon kennen sollte. Ich
soll meine Zeit nicht im Internet vertrödeln, aber einen eigenen Blog
haben und andere Literaturblogs verfolgen. (Ein Blog ist so eine
demokratische Form der Publikation.) Ich soll mich nicht versklaven, ich
soll nicht "Lohnarbeit fristen" oder "texten", ich soll mich für
Literaturwettbewerbe interessieren, ich soll einreichen, ich soll ein
Manuskript im Ärmel haben und dieses bei Gelegenheit den richtigen
Personen zustecken, bei deren Lesungen ich pünktlich eingetroffen bin.
Ich soll aktuelle Arbeitsproben haben und mich mit diesen für Stipendien
bewerben. Ich soll das Schreiben lieben, oder ich soll es hassen, aber
in jedem Fall soll ich viel schreiben. Und lesen und wissen, was Karl
Kraus dazu sagt. Und der Olymp. Und Helmut Qualtinger. Alles ist schon
einmal da gewesen, ich soll anders schreiben, ich soll nicht schreiben
wie ... Ich soll gerade die österreichische Literatur kennen. Nur nicht
die Bestseller. Ich soll in kleine Buchhandlungen gehen, ich soll
Antiquariate kennen, viele. Ich soll auch einmal etwas Schlechtes
schreiben. Ich soll dem Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
einen Bericht über meinen Erzählband abliefern. Ich soll Zweifel kennen,
ich soll aber nicht verzweifeln. Ich soll Widerstand leisten, ich soll
nicht zu glatt sein, ich soll nicht an der Oberfläche kraulen, sondern
an ihr kratzen. Ich soll mit der Hand schreiben, mit Füllfeder, ich soll
mit der Schreibmaschine schreiben. Ich soll in der Früh schreiben, wenn
der Tag noch jung ist. Ich soll Jungautorin sein. Gerade aufgestanden.
Ich soll neben meinem Bett ein Blatt Papier liegen haben, um die Ideen,
die im Schlaf kommen, sofort aufschreiben zu können im Zehn-Finger-Satz.
Ich soll im Gymnasium gewesen sein, ich soll Latein gehabt haben. Ich
soll nicht bürgerlich sein, ich soll bürgerliches Milieu kritisieren.
Ich soll keine Lifestyle-Autorin sein. Ich soll nicht über oder gegen
Befindlichkeiten schreiben, nicht die eigene Familiengeschichte
aufrollen. (Schon wieder der Vater! Das hat vor ihr schon ...)
Ich soll nicht beschreiben, wie sich ein warmes Wannenbad anfühlt. Jeder
weiß, wie sich ein warmes Wannenbad anfühlt. Ich soll wissen, dass das
Thomas Bernhard gesagt hat. Ich soll nicht beschreiben, was eine
Prostituierte in ihrer Handtasche hat, ich soll mit einer Prostituierten
schlafen und das beschreiben. Ich soll nicht einen Erzählband als
Erstlingswerk herausbringen, der verkauft sich nicht. Ich soll mich
nicht an Verkaufszahlen aufhängen. Ich soll mich nicht erhängen. Die,
die wirklich verkaufen, schreiben sich per Auftrag quer durch die
Feuilletons. Ich soll die Feuilletons durchforsten. Ich soll Feuilleton
im Schlaf buchstabieren können. Ich soll nicht das erste Wort wählen,
das mir einfällt.
Ich soll eine Veröffentlichung bei der Grazer Literaturzeitschrift
Manuskripte haben, solange Alfred Kolleritsch dabei ist. Ich soll ohne
Internet wissen, dass Alfred Kolleritsch Alfred Kolleritsch heißt. Ich
soll ein Problem mit authentischen Schriftstellern haben. Ich soll
performen. Ich soll Poetry-Slams besuchen. Ich soll noch Briefe
schreiben, ich soll mir einmal eine meinung darüber gemacht haben, ob
ich groß- und kleinschreibe. ich soll es auch einmal ausprobiert haben
kleinzuschreiben, mich der konvention widersetzen. Ich soll Hesse in der
Schule abgelegt haben, ich soll den Mann ohne Eigenschaften gelesen
haben. Ich soll Das Lied von der Erde kennen. Ich beginne jeden Satz mit
"Ich soll", ich soll Wortwiederholungen vermeiden. Ich soll mich bewusst
für Wortwiederholungen entscheiden. Schreibe ich "es", ich habe mich
immer zuvor gefragt: Ist dieses "es" wirklich notwendig, und falls ja,
habe ich mich ebenfalls bewusst dafür entschieden. Ich spare die
Adjektive. Ich vermeide schiefe Bilder oder gar jene, die wir alle schon
400-mal gelesen haben. Ich soll ein Objekt an den Anfang einer Erzählung
stellen.
Ich soll anwesend sein. Ich soll mit meinem Namen unterschreiben. Ich
soll mich nicht als Erste melden, um meinen Text vorzulesen. Ich soll
noch bis zum nächsten Mal auf das Feedback warten können. Ich soll nicht
gleich gehen, nachdem mein Text besprochen wurde, sondern solidarisch
sein und noch den anderen zuhören. Ich soll wissen, dass Autoren niemals
solidarisch sind und jeder nur über seinen eigenen Text sprechen will
und hören möchte, was der andere dazu sagt.
Ich soll mich innerhalb der "Angewandten" mit Studenten aus anderen
Richtungen für Projekte zusammenschließen. Ich soll gendern und nicht
sagen, Studenten aus anderen Studienrichtungen sondern Studierende. Ich
soll wissen, wer gerade angesagt ist, obwohl er Maler ist und nicht
Dichter. Ich soll wissen, wo die nächste Angewandten-Party ist. Ich soll
acht bis zehn Seiten schreiben. Ich soll eine Stimme haben und
Gegenargumente zu meiner Position finden. Oder mich im Zweifel einfach
an Montaigne oder Johnson orientieren. Natürlich, ich soll zur Deadline
abgeben. Ich soll etwas abgeben, sonst falle ich durch. Ich soll wissen,
dass es nicht um einen akademischen Titel geht, wenn man schreiben will.
Ich soll nach dem Unterricht noch mitgehen auf ein Bier. Ich soll eine
Idee für ein Sprach/Film-Projekt haben und verwirklichen. Ich soll
cutten lernen.
Ich soll schon vor der Lehrveranstaltung die Leseliste gelesen haben.
Ich soll die Lehrbeauftragten, die Dichter kennen. Ich soll ihr Werk
nicht nur gelesen haben, ich soll zu ihm durchgedrungen sein. Nicht zu
jedem, aber falls nicht - warum? Ich soll jedes Wort schon einmal gehört
haben, und falls nicht, sofort fragen, was es heißt. Ich soll einen
Arbeitstitel haben. Ich soll ein Konzept haben. Ich soll bei
Konzeptkunstprojekten mitmachen und in ein Museum das Wort "Kübel"
brüllen gehen. Ich soll keine Schreibblockade haben, ich soll eine
überwinden. Ich will einen Roman schreiben.
Ich soll nicht bürgerlich sein, ich soll bürgerliches Milieu
kritisieren. Ich soll keine Lifestyle-Autorin sein. Ich soll nicht über
oder gegen Befindlichkeiten schreiben ... (Katharina Luger / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)