Denn sie wissen (oft) nicht, was sie tun

  • Einen Tag lang werden im Kurs Basics im Umgang mit jenem "Spielplatz" vermittelt, der sich längst zum Maß aller Schnee-Dinge entwickelt hat: der freie Skiraum.
    foto: www.schullawinenkurs.at

    Einen Tag lang werden im Kurs Basics im Umgang mit jenem "Spielplatz" vermittelt, der sich längst zum Maß aller Schnee-Dinge entwickelt hat: der freie Skiraum.

Skifahren im freien Gelände boomt - Kurse an Schulen sollen Gefahren vermitteln

Hall - Ein Tag, weiß auch Verena Walser, ist nicht genug: "Um sich im Backcountry sicher bewegen zu können, um Situationen und Hänge richtig einschätzen zu können, braucht es jahrelange Erfahrung und ständiges Üben", betont sie - und ist dennoch überzeugt, das Richtige zu tun: "Wir wollen sensibilisieren - und den Jugendlichen zeigen, worauf sie sich einlassen." Das Feedback, so die in Hall lebende Skilehrerin, bestätige sie: Die Nachfrage nach ihren Sicherheitsworkshops im Schnee sei enorm: "Schulen, Eltern und Kommunen erkennen, dass das wichtig ist."

Es ist mittlerweile sechs Jahre her, dass Walser erstmals einen Bergführer zu einem "Snowhow-Schullawinenkurs" in eine Innsbrucker allgemeinbildende höhere Schule schickte. Einen Tag lang wurden da die Basics im Umgang mit jenem "Spielplatz" vermittelt, der sich längst zum Maß aller Schnee-Dinge entwickelt hat: der freie Skiraum. Cooler formuliert: das "Backcountry".

Lawinen-Camps 

Den Zug ins Gelände aufhalten zu wollen, weiß Walser, wäre sinnlos: 1999 hat sie - gemeinsam mit einem Profi-Snowboarder und einem Bergführer - ihr erstes "Snowboard Avalanche Awareness Camp" abgehalten. Zielgruppe: jugendliche Boarder. "Aber seit die Skier breiter werden und jeder Ort mit Freeridern wirbt, explodiert die Zahl der Backcountryfahrer auf Skiern." Und im Gespräch mit Kids und Eltern stellt sich oft heraus: "Die wissen oft echt nicht, was sie tun."

Mittlerweile sind über 25 Bergführer im Pool der "Snowhow Schullawinenkurse". Sponsoren und Gemeinden finanzieren die Workshops, die in Innsbruck, Telfs, Reutte, Landeck und Lienz für die Schüler kostenlos abgehalten werden. Das Alter der Zielgruppe sinkt: Auch Volksschulen fragten schon bei Walser an. Doch auch bei älteren, "klassischen" Tourengehern gibt es ein Umdenken. Walser: "Die waren oft ihr ganzes Leben einfach so unterwegs. Aber weil ich mich am Berg auf meine Kameraden verlassen können muss, geraten sie jetzt unter Zugzwang."

Lawinen sind in jeder Wintersaison die größte Gefahr für diejenigen Wintersportler, die abseits der gesicherten Pisten unterwegs sind. "Durchschnittlich gibt es in Österreich etwa 100 Lawinenunfälle. Allein ein Drittel der Opfer ist durch das Variantenfahren zu beklagen. Selbst wenn man sich in der Nähe der Skigebiete bewegt, ist man im freien ungesicherten Skiraum unterwegs", sagt Karl Gabl vom Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit. "Falsche Bequemlichkeit, verbunden mit geringer Erfahrung, mangelnder Planung einer Tour, schlechter Ausrüstung und fehlenden Suchstrategien, hat völlig umsonst so manches Menschenleben gefordert. Professionelle Tourengeher oder Variantenfahrer sind niemals allein unterwegs, außerdem zeichnet sie die Bereitschaft zur Umkehr aus."

Powderfreaks

Derzeit sind zwar die "Snowhow"-Kurse Österreich einziges Schulprojekt zur Sicherheit im Backcountry. Aber jugendliche Powderfreaks sind längst im Fokus der Aufmerksamkeit der alpinen Vereine. Der Alpenverein (ÖAV) startete im Jahr 1999 das Projekt "Risk & Fun". In fünftägigen Camps vermitteln "Peers" - meist als cool geltende Profis - mit Bergführern Know-how über Gefahren und richtigen Umgang mit Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Sonde und Schaufel.

Subkutan geht es aber um mehr, betont Jürgen Einwanger, einer der Väter des Projektes: "Verbote zu predigen bringt nichts. Wir müssen Risikokompetenz vermitteln: Entscheide selbst - aber übernimm dafür die Verantwortung. Dafür muss man aber auch über die Konsequenzen Bescheid wissen."

Doch genau hier, so der Leiter der ÖAV-Bildungsakademie, träfe er oft auf ein pädagogisches Dilemma: "Vor lauter ,Overcaring' können Kinder und Jugendliche kaum mehr an ihre Grenzen gelangen." Wenn jedes Klettergerüst so dimensioniert ist, "dass ich mir nie überlegen muss, ob ich mir das wirklich zutraue, bewirkt das einen fatalen Lernprozess."

Und gerade am Berg, so Einwanger, kann dieser angelernte Glaube, "dass sich alles immer ausgeht oder dass einer kommt, der es wieder gut macht, lebensgefährlich sein. Manchmal sogar tödlich." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 18./19.2.2012)

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