Wulff-Rücktritt

Es lebe die Königin

Kommentar | Birgit Baumann, 17. Februar 2012, 18:41

Das System Merkel: Wer nicht spurt, wird entsorgt

Der Abschluss war so schrecklich, dass man fast nicht hinsehen konnte. Nebst den üblichen Rücktrittsfloskeln erklärte der nunmehrige deutsche Ex-Bundespräsident Christian Wulff, dass er "immer aufrichtig" gewesen sei und die Berichterstattung ihn und seine Frau Bettina "verletzt" habe.

Bei allem Mitgefühl für die schwierige Situation des jüngsten und am kürzesten amtierenden Staatsoberhauptes Deutschlands - man hatte bei seinem Rücktritt nicht den Eindruck, dass er das Problem verstanden hat. Dementsprechend genervt war auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Wochen gewesen.

Sie hatte intern schon längst den Daumen über den von ihr ins Schloss Bellevue gehievten Wulff gesenkt. Es galt nur noch, ihn elegant loszuwerden. Ihre wieder aufkeimenden Beliebtheitswerte lässt sich Merkel doch nicht von einem Wulff versauen, zumal der wegbrechende Koalitionspartner FDP ihr genug Sorgen bereitet. Wer nicht spurt, wird entsorgt, so funktioniert das im System Merkel.

Jetzt muss Merkel den Schaden begrenzen, und das geht sie taktisch nicht unklug an. Diesmal sollen die oppositionellen Sozialdemokraten und Grünen in die Kandidaten-Suche eingebunden werden. Es irrt jedoch, wer nun glaubt, Sanftmut und Güte seien Grundlage für Merkels Plan.

Die deutsche Kanzlerin will sich einfach absichern. Der schwarz-gelbe Vorsprung in der schwarz-gelben Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt, ist so zusammengeschmolzen, dass Merkel eine fürchterliche Blamage erleben könnte. Schon beim Duell Wulff gegen den Bürgerrechtler Joachim Gauck im Jahr 2010 waren viele in den Reihen von CDU/CSU und FDP eigentlich für Gauck.

Zudem signalisiert Merkel den politischen Gegnern, dass sie mit ihnen auch zusammenarbeiten kann, wenn sie denn nur will. Die Wahl eines Bundespräsidenten ist in Deutschland immer von parteipolitischer Taktik überlagert gewesen. 2004 regierte in Berlin Rot-Grün, zum Bundespräsidenten wurde mit Stimmen von CSU/CDU und FDP der von Merkel favorisierte Horst Köhler gewählt. Es war der erste Schritt zum Machtwechsel.

Und wer jetzt mit Merkel gemeinsam ein neues Staatsoberhaupt kürt, der könnte nach der Bundestagswahl 2013 bei den Koalitionsverhandlungen schneller ins Gespräch kommen, als er heute noch denkt. Nur Politiker im Rauschzustand glauben, dass CDU/CSU und FDP nach der nächsten Bundestagswahl noch eine gemeinsame Chance haben.

Merkel weiß genau: Wenn sie nach 2013 weiterregieren will, braucht sie anstelle der vor sich hin bröselnden FDP einen neuen Partner. Da bietet sich zunächst die SPD an, die große Koalition (2005 bis 2009) ist Merkel nicht in schlechtester Erinnerung. Aber ganz verbauen will sich Merkel auch den Weg zu den Grünen nicht. Der König ist tot, es lebe der König. Wenn Merkel den nächsten Bundespräsidenten aussucht, dann denkt sie vor allem an das Wohl der Königin - also an ihr eigenes. (DER STANDARD-Printausgabe, 18./19.02.2012)

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Posting 1 bis 25 von 31
1 2
Plinius
01
19.2.2012, 17:23
Merkel ist nur eines wichtig,...

...sie selbst. Dem wird alles untergeordnet. Aber fairerweise muss man zugeben, dass sie die Politik versteht und zwar aus dem FF. Das bewahrt sie nicht vor Fehlern, aber sie versteht es eben dabei nie beschädigt zu werden. Eine Teflon Kanzlerin...

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110
19.2.2012, 13:40
Es ist in unser aller Interesse, dass Merkel an der Macht bleibt.

Man stelle sich nur vor, was passieren würde, wenn in Deutschland solche Pappnasen wie bei uns das Ruder übernehmen würden. Das wäre das Ende von Europa.

Daher sollten wir ihr ihr Taktieren in diesem Fall verzeihen.

CL
48
19.2.2012, 10:28

Demokratiepolitisch finde ich 2 Dinge außerordentlich bedenklich:
1. Dass der Bundespräsident nicht direkt vom Volk gewählt wird (wie bei uns).
2. Wenn ein/e Politiker/in von sich selbst ernsthaft behauptet, er/sie wäre "alternativlos" (Zitat Merkel), dann müssten normalerweise alle Alarmsirenen schrillen. Nicht so in Deutschland, was mich nicht weiter verwundert ... (Sie hat in den letzten Jahren auch alles unternommen, um mögliche, potenzielle Konkurrenten abzutragen. Die deutschen Medien helfen Merkel willig als Trittbrett-Zubringer.)
Dies ist ein Zeichen, dass Deutschland ganz real (wieder) in der heimlichen Diktatur angekommen ist.

Vive l'Europe!

Perynt
40
19.2.2012, 13:48
Egal, wie man zu Merkel steht

... aber dies ist allenfalls "ein Zeichen" dafür, dass Sie politisch irgendwie Null Ahnung haben.

Perynt
00
19.2.2012, 08:24
"Bei allem Mitgefühl für die schwierige Situation des jüngsten und am kürzesten amtierenden Staatsoberhauptes Deutschlands - man hatte bei seinem Rücktritt nicht den Eindruck, dass er das Problem verstanden hat"

Und bei den Medien muss man sich wundern, wie, ohne auch nur eine Sekunde lang selber nachzudenken, Fehden und Intrigen sofort gleich in allen Publikationen geschaltet werden. Hört sich irgendwie nach "gleichgeschaltet" an. Wo ist denn die Logik zu sehen, dass Wulff angeblich "korrupt" sein soll während gleichzeitig ein entfesselter Lobbyismus jeden Politiker großzügig mit Gaben beschenkt?
Was für eine sonderbare Blindheit. Stäube bekam 100.000 DM von einem Waffenschieber, aber Wulff muss gehen weil er ein Frühstückei nicht versteuert hat?

Nein, der einzige Grund ist Wulff Aussage zum Islam. Seit diesem Zeitpunkt war es eher verwunderlich, wie Spiegel und Bild brauchten, um genügend "Material" zusammenzutragen.

widiwutsch
00
21.2.2012, 08:43
Wer ist Stäube?

Romi 53
02
18.2.2012, 23:04
Merkel und Wulff

ich finde Merkel hat Wulff viel zu lange gedeckt .War ja auch ihr Lieblingskanditat.

widiwutsch
00
18.2.2012, 18:08
Bin ja gespannt, wieviele Systeme es abseits von Merkel gibt,

bei denen man nicht zu spuren braucht. Ober sticht Unter, das dürfte sich überall durchziehen.

Bioberni31
34
18.2.2012, 17:36
Wenn Merkel wirklich glaubt

das sie nach den nächsten Wahlen noch Bundeskanzlerin ist dann sollte sie die Medikation dringend verringern...

stefan1981
42
18.2.2012, 18:39

wieso? sie macht ihre sache gut. ich glaube schon, dsas sie kanzlerin bleibt - allerdings mit einem anderen partner.

DRIVER 8
25
18.2.2012, 22:46

Wenn Merkel ihre Sache gut gemacht hätte, wäre Wulff gar nicht erst Präsident geworden.

Just N. Opinion
16
18.2.2012, 15:55
Wie armselig

der bis zuletzt verständnislose Wulff gestern zum Rednerpult geschlichen ist. Wie ein geprügelter Wauwau, während seine Frau neben ihm selbstbewusst und festen Schritts gegangen ist. Die hat halt Haltung, er ist ein peinliches Würstel. War von Anfang an eine Fehlbesetzung.

Romi 53
02
18.2.2012, 23:00

genauso sehe ich das auch ! habe shcon fast erwartet er holt gleich sein Taschentuch raus und heult los .Was für eine jämmerliche Rede

suboptimal
 
04
18.2.2012, 15:43
Nur Journalisten im Rauschzustand wissen nicht, dass Wulff

von Anfang an NICHT der gewünschte Kandidat der wichtigen BILD war.

»Financial Times Deutschland« am 20. Juni 2010
Als Gaucks Kandidatur dann offiziell war, jubelten ›Welt‹ und ›Bild‹ (»Yes, we Gauck«) so demonstrativ und laut, dass Kanzlerin Angela Merkel mehrmals zum Telefonhörer griff, um sich bei Verlegerin Friede Springer zu erkundigen, was denn mit ihrem Verlag los sei.

Yes, we Gauck (BILD)
http://www.bild.de/politik/2... .bild.html

ha ha ha

Tante Merkel durfte die Zeitung noch ungestraft anrufen, bei Wulff war das dann skandalöser ein Angriff auf die "Pressefreiheit".

ha ha ha

Berthold Goergens
 
22
18.2.2012, 11:50
Angela Merkel hat viele Fehler, sie ist nur an der Macht interessiert

So folgt sie der Anfang der 30siger Jahre gescheiterten Austeritätspolitik, die der reaktionäre Reichskanzler Heinrich Brüning dazu nutzte um gegen das Parlament, mit Hilfe des Reichspräsidenten Hindenburg, zu regieren und so die Machtübernahme der Faschisten vorzubereite. Heute entzweit sie mit diesem Politikansatz die europäische Union und begeht keinen konstruktiven Weg zur Rettung der Union. Sie wird damit scheitern, trotz aller Lobhudeleien.
Berthold Goergens, Frankfurt am Main

Der Kluge
00
19.2.2012, 15:34

Der nächste sinnlose Brüning Vergleich, bei dem völlig andere Arbeitslosenrate, der Inflationsrate, der Staatsquote, der Vermögensverteilung einfach ignoriert werden.

Brüning konnte im Übrigen nicht einfach in Konkurs gehen, die Kriegsgewinner forderten in der absurden Propaganda der alleinigen deutschen WWI-Kriegsschuld Reparationszahlungen ein. Man denke nur an die heute so vergessene Ruhrinvasion 1923 (ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg) oder den planmäßig durchgezogenen Kapitalabzug 1931 nach Gründung des deutsch-österreichischen Zollverein.

Berthold Goergens
 
00
19.2.2012, 16:02
Danke für diese fundierte Kritik -Berthold Goergens, Frankfurt am Main

rubbberduck
00
18.2.2012, 18:18

jeder der so einen posten anstrebt ist an der macht interessiert.

Gary Grantscherbn
31
18.2.2012, 16:41
Schluss mit Uckermerkelischem

danke....abgesehen davon wird mir jedes Mal schlecht, wenn sich die Dame in Richtung Rednerpult wälzt, daher gilt: je weniger von eurer Lady zu sehen ist, desto besser. Passend allerdings dieser Beitrag: http://www.youtube.com/watch?v=zl7ppu-JBAo

widiwutsch
00
18.2.2012, 18:05
Ja, dann schau halt woanders hin.

Kannst ja immer und jederzeit unsere Maria Höfl-Riesch bewundern!

erinnye
 
00
18.2.2012, 14:13
was

sooo phööösse ist die? So eine aber auch noch mal!

Berthold Goergens
 
01
18.2.2012, 12:33
Ergänzung zum Posting zu Angela Merkel vom 18.02.12

Ich fürchte mich vor dem Tag, da ich die Frau Merkel gegen den Herrn Koch verteidigen muss, denn die Konservativen in der CDU formieren sich und der Herr Koch wartet nur darauf zur Hilfe gerufen zu werden.
Das wäre die Situation in der alle Demokraten zusammen stehen müssten und ihre sonstigen Differenzen "hinten an" stehen müssten.
Berthold Goergens, Frankfurt am Main

i.packs.net
00
18.2.2012, 09:42
Exzellenter Artikel und Analyse!

Und ein schöner Beweis dafür, dass der gelegentlich im Standard Einzug haltende yellow-journalismus weniger als unbegabter Möchtegern-Journalistinnen wirklich kein Gender-Problem ist.

Kontrahent1
00
18.2.2012, 12:00
Ausser der Begründung,

warum Merkel Wulf dahin 'gehievt' hat - so entsorgt man Konkurrenten!

i.packs.net
01
18.2.2012, 12:23
Es handelt sich bei dem Artikel ja um einen "Kommentar" und keinen "Bericht" - also um eine individuelle Meinung, ... aber wenn man in der Sache selbst diskutieren möchte:

"gehievt" und "Konkurrent entsorgen" erscheint mir so unplausibel nicht.

Wir alle wissen, dass Wahlerfolge bei Sheeple über Aussehen & Charisma und weniger über fachliche Komptenez eingefahren werden.

Ich traue Frau Merkel den selbstkritischen Blick in den Spiegel durchaus zu, und so muß ihr klar sein, daß (egal ob man ihre Politik vom Inhalt her goutiert oder nicht) - vom Aussehen her gegen mögliche Wahlplakat-Stars keine Chance hat.

In diesem Licht mutet die Guttenberg-Demontage und die Wulff-"Beförderung" durchaus logisch an.
(Auch das: Bitte, keine Aussage zur fachlichen Komptenez oder meiner persönlichen inhaltlichen Zustimmung zu/mit den Genannten.)

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