Warum der notorische Verweis auf die Dringlichkeit einer Nord-Süd-Achse auf einem Zerrbild der Realität beruht - Von Christoph Hartmann
Ein Grundsatz der Informatik besagt, dass ein System ungültige Ergebnisse
produziert wenn die Eingaben ungültig waren. In eleganter Präzision wurde aus
diesem Grundsatz die Kurzformel "Garbage in, garbage out" (übersetzt: Mist
hinein, Mist heraus) beziehungsweise das Akronym GIGO.
Zur Verteidigung der Ausbaupläne des Bahnnetzes in Österreichs wird immer
wieder auf Studien verwiesen, zu denen mir beim besten Willen nichts anderes
einfällt als "Garbage in, garbage out" - zuletzt geschehen bei der kürzlichen
Präsentation einer "Gesamtwirtschaftlichen Studie" zur Baltisch-Adriatischen
Achse in der Wiener Wirtschaftskammer:
Der Einstig in die Thematik erfolgt durch eine grafische Darstellung der zehn
Europäischen Hauptachsen. Schon ein kurzer Blick zeigt, dass diese Achsen nicht
viel mehr als willkürliche Striche in der europäischen Landschaft sind, mit
denen Europa kreuz und quer durchzogen werden. National bedeutsame Strecken und
internationale Transitrouten werden hier ohne Rücksicht auf tatsächlich
durchgängige Verkehrsströme verbunden und zu europäischen Achsen stilisiert. Das
Gesamtbild spiegelt den Entstehungsprozess wieder; so sieht es aus, wenn
Bürokraten in Brüssel europäische Einheit spielen (müssen). So führen
beispielsweise die Verkehrswege nach Südosteuropa nicht am traditionellen Weg
durch das ehemalige Jugoslawien, sondern auf verschlungenen Bergstraßen
Bulgariens (da Bulgarien bereits EU-Mitglied ist). Ein anderes Beispiel: Um das
erwünschte Koralm-Projekt zu retten, verlaufen die Achsen 1 und 3 ein Stück
parallel, einerseits durch das nicht existierende Koralm-Tunnel und andererseits
über Bestandstrecken in Slowenien. Hier haben Fachleute gezeichnet für die klar
war, dass sie selbst die Frage der Nutzung der Strecken ebensowenig klären
müssen wie die Frage der Finanzierung.
Auf den Spuren der Römer?
Tatsächlich ist die Baltisch-Adriatische Achse ist eine Achse ohne Geschichte
und ohne Zukunft. Die alte Bernsteinsteinstraße, die oft als historischer
Bezugspunkt dieser Achse genannt wird, taugt dafür recht wenig: War doch diese
Bernsteinstraße nur denkbar vor dem Hintergrund einer jahrhundertelang auf die
damalige Welthauptstand Rom zentrierten Wirtschaftsgeografie. Die
Baltisch-Adriatische Achse würde eventuell einen Sinn ergeben, wenn Italien auf
dem Weg wäre eine langfristig dominierende welt- oder zumindest
regionalwirtschaftliche Rolle zu spielen.Während die Planer der
Baltisch-Adriatischen Achse offenbar mit ihren Gedanken noch dem Imperium
Romanum verbunden sind, haben sie andererseits in der konkreten Konzeption von
den Römern nichts gelernt: Das Sprungbrett über den Limes lag mit Carnuntum zwar
auf dem Gebiet des heutigen Österreich, aber von Carnuntum nach Norditalien hat
man kluger Weise die inneralpinen Täler gemieden und den ökonomisch
effizienteren Weg über Westungarn und Slowenien nach Aquileia gewählt...
Stichwort Güterverkehrsprognosen: Die Ostöffnung hat zu einer völligen
Neuorientierung der Verkehrsströme in Europa geführt. Dennoch hat die Bahn davon
nur relativ geringfügig profitieren können, die Verkehrszuwächse im Güterbereich
sind unter den niedrigsten Prognosen geblieben. Alle Prognosen, wie sie auch im
vorliegenden Papier wieder angestellt werden, die von einem deutlich steigenden
Güteraufkommen auf der Schiene ausgehen, lassen sich nicht begründen. Die
Westorientierung der osteuropäischen Länder ist abgeschlossen, die Verlagerungen
der Produktion nach Osteuropa werden aufgrund sich angleichender Lohnniveaus
zurück gehen, das wachsende Handelsvolumen wird nicht-bahnaffine Güter sowie
Dienstleistungen betreffen. Generell wird Europa, will es nicht den globalen
Anschluss verlieren, immer stärker in die Weltwirtschaft eingebunden sein und
die höheren Wachstumsraten im Güterverkehr werden insbesondere im Übersee-Handel
zu verzeichnen sein. Dann aber ist es sinnvoll, die jeweils direkten
Verbindungen zu den nächstgelegenen Häfen auszubauen. Ein besserer Ausbau der
Häfen, insbesondere in Südeuropa, könnte das Transitherz Europas entlasten - was
wohl ein richtungsweisenderer Weg der europäischen Verkehrspolitik wäre, als
bunte Achsen auf die europäische Landkarte zu zeichnen.
Ein immer wieder vorgebrachtes, nichts desto weniger völlig unsinniges
Argument geht davon aus, dass der Ausbau der Bahn (im Sinne höherer
Geschwindigkeiten und Kapazitäten auf den Hauptstrecken) zu einer Verlagerung
von Gütertransporten von der Straße auf die Schiene führen würde. Das Gegenteil
wird der Fall sein. Einen höheren Anteil des Bahnverkehrs am gesamten
Güterverkehr als die europäischen Länder haben die USA. Und dafür gibt es einen
einzigen Grund: Die Kosten. Der Tonnenkilometer im Gütertransport der US-Bahnen
kostet etwa ein Zehntel des Betrages in Europa. Dafür verantwortlich sind (neben
niedrigeren Personalkosten aufgrund einer höheren Produktivität) vor allem
extrem niedrige Energiekosten (da die Züge sehr gleichmäßig und sehr langsam
unterwegs sind - genau das Gegenteil zum europäischen "Zielbild") und niedrige
Streckenkosten (wogegen die Neubau-/Hochleistungs-/Tunnelstrecken zu
exorbitanten Streckenkosten in Europa führen). Der Ausbau wird daher zu noch
höheren Transportkosten führen und die Verlagerung auf die Straße weiter
anheizen. Daher sind gerade unter der Annahme weiterer Bahnausbauten und damit
verbundener Erhöhungen der Benutzungsentgelte die Verkehrsprognosen im
Güterbereich "garbage".
Ähnliches gilt für die Personenverkehrsprognosen: Tatsache ist, dass die
Ansiedlung vieler Menschen im Umfeld der Städte zu tagtäglichen Strömen an
Pendlern führen. Um diese Ströme in verkehrs- und umweltpolitischer Hinsicht
vernünftig zu kanalisieren bietet sich der öffentliche Verkehr an, auch und
gerade die Bahn. Faktum ist aber, dass die Bahn aufgrund ihres Denkens in den
weit ausholdenden Netzwerken europäischer Dimension auf ihren Hauptkunden, den
Pendler, nur zu gerne vergisst. Und ihn dann so gründlich verärgert, dass er
lieber den täglichen Stau im Auto absitzt als weiter die Bahn zu nützen. Das
Ergebnis zeigen die Verkehrsstatistiken: Einer explosionsartig erhöhten Zahl an
Pendlern in den letzten 30 Jahren konnte die Bahn nur zum kleineren Teil die
Benutzung der Schiene dauerhaft schmackhaft machen.
Aus nicht nachvollziehbaren Gründen glaubt die Bahn, dass sich zwischen
vergleichsweise kleinen Ballungszentren (von Wien abgesehen hat Österreich nur
kleine Ballungszenten) ein reger Personenverkehr entwickeln wird. Ja, die
Verkehrsprognosen gehen sogar von atemberaubenden Zuwächsen aus. Gleichzeit
zeigt die Realität der Bahn ständig auf, dass man hier einem Irrglauben anhängt
- so musste die Direktverbindung zwischen dem zweit- und drittgrößten
Ballungszentrum Österreichs (Graz und Linz) mangels Interesse eingestellt
werden.
Die Bahn verliert auf der Langstrecke gegenüber dem Auto, dem Reisebus und
dem Flugzeug Marktanteile. Und sie wird weiter Marktanteile verlieren.
Vorliegende Beförderungsdaten sind mit großer Wahrscheinlichkeit überzogen, die
angenommenen Wachstumsraten völlig aus der Luft gegriffen. Transnationale
Zugverbindungen wurden in den letzten Jahren tendenziell eher eingestellt als
zusätzlich eingerichtet. Viele von der Bahn beauftragten Studien gehen von jenen
Passagierzahlen aus, die von der Bahn selbst erhoben werden. Schon ein einfacher
Vergleich der "offiziellen" Passagierzahlen mit den Einnahmen im Personenverkehr
zeigt jedoch, dass sich diese Passagierzahlen offenbar immer weiter von der
Realität entfernen. Wenn nur falsche Zahlen am Beginn der Untersuchung stehen,
dann kann auch kein vernünftiges Ergebnis herauskommen. Garbage in, garbage out.
Fazit: Die Baltisch-Adriatische Achse ist die Achse des Unsinns: Eine
faktisch nicht existierende Achse wird ausgebaut mit Geld, das nicht vorhanden
ist, um Güter und Personen zu befördern, die heute und in 100 Jahren nicht
befördert werden wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)
CHRISTOPH HARTMANN ist Wirtschaftspublizist und war
u. a. als Nachfolger des legendären Journalisten Horst Knapp Chefredakteur und
Herausgeber der "Finanznachrichten".