Staatsrechtler

"Der Rechtsstaat schreckt vor niemandem zurück"

Interview | Birgit Baumann, 17. Februar 2012, 18:22
  • Artikelbild
    foto: fu berlin
    Pestalozza: für Konsens.

Frohlocken könne man über den späten Rücktritt von Christian Wulff nicht, so Christian Pestalozza, Staatsrechtler in Berlin

Warum die Deutschen den Präsidenten besser selbst wählen sollten, erklärt er Birgit Baumann.

***

Standard: War der Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff ein Befreiungsschlag?

Pestalozza: Eher nicht. Der Rücktritt war ja erwartbar gewesen angesichts der Entwicklungen. Und den Zeitpunkt für einen würdevollen Rücktritt hat Wulff ohnehin schon lang verpasst gehabt.

Standard: Wann wäre ein solcher noch möglich gewesen?

Pestalozza: Man kann da kein Datum nennen. Aber von einem Bundespräsidenten hätte man erwarten können, dass er weiß, was er in den vergangenen Jahren so getan hat und dass er auch einschätzen kann, wie sehr dies das Amt belastet. Aber Wulff fehlte dieses Unrechtsbewusstsein. Ich hätte ihm ja glatt zugetraut, dass er erklärt: Ich mache weiter, solange ich nicht angeklagt werde. Steherqualitäten hat Wulff ja bewiesen.

Standard: Weiterzumachen wäre wohl völlig unmöglich gewesen.

Pestalozza: Juristisch nicht unbedingt. Es gilt ja nach wie vor die Unschuldsvermutung. Staatsanwaltschaften ermitteln oft, und dann wird keine Anklage erhoben, oder es erfolgt keine Verurteilung durch ein Gericht. Aber politisch ist zu viel Vertrauen verspielt worden.

Standard: In Berlin ist doch deutliche Erleichterung zu verspüren.

Pestalozza: Richtig frohlocken kann keiner. Aber ich kann nachvollziehen, dass viele nun Genugtuung empfinden. Denn es hat sich gezeigt: Der Rechtsstaat schreckt vor niemandem zurück. Es wird auch ganz oben ermittelt. Man sollte den Fall Wulff zum Anlass nehmen und überlegen, ob die parlamentarische Immunität überhaupt noch zeitgemäß ist.

Standard: Sie haben Zweifel?

Pestalozza: Die Idee stammt aus dem 19. Jahrhundert, man wollte damals Abgeordnete vor der Willkür der Ermittler schützen. Das ist heute nicht mehr nötig, zudem wird die Immunität ohnehin in den allermeisten Fällen aufgehoben, wenn ein Antrag vorliegt.

Standard: Zuerst Horst Köhler, dann Christian Wulff. Binnen zwei Jahren erlebt Deutschland den zweiten Rücktritt eines Bundespräsidenten. Sind die Anforderungen des Amtes zu hoch?

Pestalozza: Nein, ich sehe auch nicht, dass das Verhältnis der Verfassungsorgane zueinander neu justiert werden müsste. Die beiden Rücktritte waren nicht schön, sind aber Zufälle. Wir wissen ja bis heute nicht, warum Horst Köhler 2010 tatsächlich nicht mehr wollte. Er schweigt hartnäckig.

Standard: Immer wieder wird diskutiert, das Staatsoberhaupt vom Volk wählen zu lassen, wie in Österreich. Was halten Sie davon?

Pestalozza: Ich wäre über eine Direktwahl nicht unglücklich. Es würde die Bürgerinnen und Bürger stärker einbinden, ein direkt gewähltes Staatsoberhaupt hätte auch ein anderes Standing und eine größere Autorität gegenüber den Parteien. Es könnte schärfere Töne anschlagen. Das heißt aber umgekehrt nicht, dass ein direkt gewählter Bundespräsident automatisch besser wäre.

Standard: Was muss Wulffs Nachfolger leisten?

Pestalozza: Er oder sie muss jemand sein, auf den sich die Deutschen freuen - der nicht nur Notlösung für den abgetretenen Wulff ist. Dass Kanzlerin Angela Merkel den Konsens mit der Opposition sucht, halte ich für sehr klug. Diesmal muss man, auch wenn es rasch gehen soll, genauer schauen, wen man auswählt. Meine Favoritin wäre ja Merkel selbst: gelassen, bescheiden, im Ausland anerkannt. Aber sie liebt natürlich ihr Amt als Kanzlerin viel zu sehr. (DER STANDARD-Printausgabe, 18./19.02.2012)


Zur Person

Christian Pestalozza (73) ist emeritierter Staats- und Verwaltungsrechtler an der Freien Universität Berlin. Sein Kommentar zum deutschen Grundgesetz gilt als Standardwerk für Juristen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
1 2
bläh! bläh!
00
19.2.2012, 22:36

ermittlungen gegen amtierende staatschefs….völlig undenkbar bei uns in ösistan.

cantanto
00
19.2.2012, 21:15
"Der Rechtsstaat schreckt vor niemandem zurück"

Dies gilt vielleicht für Deutschland, aber nicht für Österreich, denn sonst müssten ca. 90% der Nationalratsabgeordneten Morgen zurücktreten....

Nicht zu vergessen Ex-Minister....

Ridcully
01
19.2.2012, 10:10

Findet sich in ganz Deutschland kein Kandidat, der nicht dermaßen korrupt ist, dass er sich vor diesem Amt fürchtet?

suboptimal
 
03
19.2.2012, 12:16
falsche Frage!

Vielleicht opfert sich ja nach zwei abgeschossenen Bundespräsidenten noch irgendein Schwammerl aus der dritten Reihe für das "Ehrenamt" auf dem medialen Feuerstuhl.

*lach*

Dilbert
02
19.2.2012, 09:49
"Der Rechtsstaat schreckt vor niemandem zurück"

Der gute Mann kennt Österreich nicht.

Prof. Wolf
00
19.2.2012, 15:36
Und wer wurde verschont?

suboptimal
 
25
18.2.2012, 18:50
Zur Strecke gebracht

http://www.nzz.ch/nachricht... 25869.html

Wenn die Meute Blut geleckt hat
Schon lange hatte der Fall des deutschen Bundespräsidenten eine Eigendynamik angenommen, die mit inhaltlichen Fragen nichts mehr zu tun hatte.

Nur weg, war die Devise; was danach käme, interessierte nicht. Die Jagd war das Ziel der Dutzenden von Inszenierungen in diesem deutschen Drama, nach welchem man sich jetzt erschöpft zurücklehnt. Da fragt sich höchstens, ob das Amt des Staatsoberhaupts wirklich durch den Inhaber Schaden genommen hat ... Oder natürlich durch jene, die gar nicht Wulff beschädigen wollten, sondern dessen Mentorin, die Bundeskanzlerin höchstselbst.

Lesen bildet!

Tristan V
00
19.2.2012, 21:42
danke für den link - sehr lesenswerter Artikel!

Muffel
 
00
19.2.2012, 04:10

Was Sie schreiben ist alles richtig.
Nur sollte man noch hinzufügen, dass Wulff durch sein Verhalten ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen hat.

edson arantes do nascimento1
02
19.2.2012, 02:26
http://www.zeit.de/politik/d... f-portraet

jäger und gejagte......
".......Als Nachfolger des glücklos agierenden Sigmar Gabriel und dessen Vorgänger Gerhard Glogowski. Den hatte Wulff als Oppositionsführer recht gnadenlos verfolgt, als der eine Sponsoringaffäre am Hals hatte und schließlich zurücktreten musste. Ähnlich laut kritisierte Wulff später auch Johannes Rau, seinen Vorvorgänger im Amt des Bundespräsidenten, als der wegen einer Flugaffäre ins Gerede kam."
wenn man so mit seinen gegnern umgeht, darf man sich nicht wundern wenn sich das eines tages rächt.

suboptimal
 
12
19.2.2012, 11:12
Der RAU war aber im Nehmen noch ein ganz anderes Kaliber als der Wulff.

Bei dem ging es nicht um Kikikram wie Spielzeugautos oder Kochbücher. Der hat schon echt ordentlich zugelangt.
In seiner Zeit als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war Rau in Affären der WestLB involviert. … dass die WestLB zu einer geheimen Nebenkasse des Landes gemacht wurde. Weiterhin war Rau in die Düsseldorfer Flugaffäre verstrickt. Dabei zahlte die WestLB führenden Politikern von der SPD – aber auch von der CDU – deren private Flugkosten … bei einigen Flügen als Stewardessen getarnte Prostituierte mitgenommen … Die WestLB übernahm die Kosten in Höhe von 150.000 DM für ein Fest, das Johannes Rau anlässlich seines 65. Geburtstages mit 1.500 Gästen feierte.
http://de.wikipedia.org/wiki/Joha... f.C3.A4ren

edson arantes do nascimento1
00
19.2.2012, 22:57
das mag schon sein, aber

was wollen Sie mir damit sagen, das es schon o.k. ist wenn ich einen baupolizisten auf ein wellnesswochenende in der steiermark einlade?

Erzpiefke
 
07
18.2.2012, 14:16
Scheinheiliges Gerede

Staatsanwälte und das gesamte deutsche Justizsystem machen vor mächtigen Politikern andauernd in die Hosen. Auch die Ermittlungen gegen Wulff hätten sich diese Leute niemals aus eigenen Stücken getraut. Der "Anstoß" dazu kam offenbar aus der niedersächsischen CDU, für die Wulff eine immer größere Belastung wurde. Da er nicht freiwillig zurücktrat, verpasste man ihm diesen Todesstoß. Das Verfahren wird mit 100%iger Sicherheit eingestellt. Spitzenpolitiker stehen über dem Recht. Ich erinnere nur an den Fall Landowsky. Dreiste Falschaussagen vor Untersuchungsausschüßen wie z.b. von Engholm werden grundsätzlich nicht verfolgt.

Schlehdorn
00
19.2.2012, 10:57
So siehts im Ösiland aus!!

Die deutsche Justiz ist sicherlich nicht frei von politischer Beeinflussung. Wie traurig es jedoch in Österreich aussieht zeigen HypoAlpeAdria, Telekom (ich erinnere an den offenen Brief der Sektionschef`s I bis IV des BM.I vom 7.10.2011, dessen Inhalt in letzten Tagen durch den U-Ausschuß gründlich widerlegt wurde), BUWOG, Strasser und und und ...
Interessant auch nachfolgender Artikel, welcher einen tiefen Einblick in die bis "oben" offenkundig bestens bekannte Korrupionsszene gibt! :
http://www.falter.at/web/print... hp?id=1573

Kuldip K.
 
01
19.2.2012, 10:27
sogar im "Fall" des bärtigen "Hamburger Türken" (Kurnaz?)

hat der BND zur Entlastung vom erzroten FW Steinmaier (gab Weg-Weisungen nach Guantano) seine gaaanzen Festplatten "getürkt".

Liebe Österreicher und Österreicher
22
18.2.2012, 11:32
Lesart

"Der Rechtsstaat schreckt vor niemandem zurück"

Das ist zu befürchten.

Achte auf die Wortwahl:"... schreckt vor niemandem zurück."

Das gebraucht man gemeinhin, um etwas zu beschreiben, wovor man Angst haben muss, was als abstoßend empfunden wird.

Ich geb das mal zu bedenken.
Bei Juristen muss man aufpassen, die denken ja, der Mensch müsse dem Recht dienen und nicht umgekehrt.

europa.eu
00
18.2.2012, 18:21

Es ist ganz eindeutig, was und wie es gemeint ist. Was verstehen Sie daran nicht, und woher die Angst vor dem Juristenstand?

Spare in der Not, dann hast du im Beutel
00
18.2.2012, 13:51
Schwache Beobachtung

und das noch nicht mal verstanden.

Marcus Maccabaeus
01
18.2.2012, 11:49
Wahrscheinlich meint er: "Der Rechtsstaat schreckt vor nichts zurück"

Fakt ist, dass es wahrscheinlich keinen einzigen Politiker in der EU oder in Amerika oder sonst wo auf der ganzen Welt gibt, der seine Macht nicht für persönliche Vorteilsnahme nutzt. Der eine ist dabei frecher, andere sind etwas vorsichtiger. Wulff gehörte eher zu den Vorsichtigen und das ausgerechnet er jetzt demontiert wird, hat ganz ander Gründe. Unser Unrechtsstaat lässt sich da offensichtlich nur missbrauchen!

Muffel
 
00
19.2.2012, 04:13
"...dass es wahrscheinlich keinen einzigen Politiker in der EU oder in Amerika oder sonst wo auf der ganzen Welt gibt, der seine Macht nicht für persönliche Vorteilsnahme nutzt..."

Immer dieses "die anderen tun's ja auch"-Argument.

Liebe Österreicher und Österreicher
00
18.2.2012, 11:24
Immunität

" man wollte damals Abgeordnete vor der Willkür der Ermittler schützen. Das ist heute nicht mehr nötig,"

Was meint er damit?

Sind die Ermittler besser geworden, moralisch besser? Bin ich besser, bloß weil ich ermittle? Das darf bezweifelt werden.

Also, was bedeutet diese Aussage?

europa.eu
00
18.2.2012, 18:19

Sie werden heute als Abgeordneter auf dem Weg ins Parlament zur Abstimmung nicht mehr mit fadenscheinigen Gründen von der Polizei geschnappt und festgehalten, bis die Sitzung vorüber ist, oder mit strafrechtlichen Anklagen und zivilrechtlichen Ansprüchen eingedeckt - politisch gesteuert. Unter Sissis Franzl keine unübliche Praxis, daher auch die große historische Bedeutung der Immunität.

Ob man das heute in dieser Form (Zustimmung des Parlaments zur "Verfolgung" durch Votum des Immunitätsausschusses) noch braucht, müssen Sie sich selbst beantworten.

saratoga
04
18.2.2012, 10:46
Christian Pestalozza

Ein solchen Unfug hat man ja selten gelesen. Fakt ist das der GRECO Europarat Report Deutschland schwer kritisiert, weil die Justiz keine Verfahren gegen Politiker eröffnet, rund um Korruptions Vefahren und Parteien Finanzierung. Daran hat sich trotz der Kritik, mit der Weisungs gebundenen Justiz Nichts geändert. Ein einmaliger Fall in der EU, diese Weisungs gebundene Justiz in Deutschland. Ein Staatsanwalt, wollte u.a. gegen Joschka Fischer ein Verfahren eröffnen rund um den Visa Skandal und die Versorung mit Geschäfts Visas durch korrupte Diplomaten! Er wurde daran gehindert und 3.000 dieser Visas wurden für ungültig erklärt.

stefan esema
01
18.2.2012, 21:26

Ich will ja Ihre Illusionen nicht zerstören, aber die Staatsanwaltschaft ist auch in Österreich weisungsgebunden..

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.