Via Emails und SMS sollen Banken und Händler den für Kreditgeschäfte wichtigen Libor-Zinssatz manipuliert haben
New York - Bei den internationalen Ermittlungen gegen mehrere Großbanken
verdichten sich nun Hinweise auf die Manipulation von einigen der wichtigsten
Zinssätze der Weltwirtschaft. Händler verschiedener Institute sollen sich
zusammengeschlossen haben, um den Libor-Zins für das Interbanken-Geschäft zu
beeinflussen, schreibt das Wall Street Journal. Die Gruppe habe demnach
Emails und Kurzmitteilungsdienste zur Abstimmung genutzt.
Auch Händler der Deutschen Bank seien daran beteiligt gewesen. Dies habe
eines der von den internationalen Untersuchungen betroffenen Institute der
kanadischen Finanzaufsicht gesagt. Bei dem Geldhaus handle es sich um die
Schweizer Großbank UBS, berichtete das Blatt aus dem Umfeld der Ermittlungen.
Die Institute wollten sich dazu nicht äußern.
Auch Händler der US-Institute Citigroup und JPMorgan sowie der britischen
Geldhäuser HSBC und Royal Bank of Scotland sollen sich dem Bericht zufolge an
den Absprachen beteiligt haben. Sie wollten so ihre Handelspositionen
verbessern. Allerdings hätten sich nicht alle Verabredungen auf den Zinssatz
ausgewirkt.
Noch keine Anklagen
Anklagen seien noch nicht erhoben worden. Die kanadische Finanzaufsicht geht
dem Verdacht nach, dass sich Händler von Banken mit Brokerfirmen zu
Zinsabsprachen zusammengetan haben. Die UBS hatte unlängst erklärt, die
Schweizer Wettbewerbsaufsicht und die Antitrust-Division des
US-Justizministeriums hätten ihr für ihre Kooperation bedingte Immunität
zugesichert.
Der Libor (London Interbank Offered Rate) ist ein täglich festgelegter
Referenzzinssatz im Interbanken-Geschäft und die Grundlage für viele andere
Finanzmarktgeschäfte, Kredite sowie Hypotheken weltweit.
Auch in Europa sind Zinsgeschäfte von Banken ins Visier der Wettbewerbshüter
geraten. So prüft die EU-Kommission, ob es im Zusammenhang mit dem sogenannten
Euribor-Zins zu einem Marktkartell gekommen ist.
Der Euribor ist der Zinssatz, den europäische Banken untereinander beim
Handel von Einlagen mit einer festgelegten Laufzeit von einer Woche bis zwölf
Monate verlangen. Die Euribor-Werte werden täglich festgesetzt und auch als
Berechnungsgrundlage für andere Zinsprodukte wie etwa Swaps oder Futures
genutzt. (Reuters, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)