"Förderkürzungen sind Risiko für den Wohnbau"

Interview17. Februar 2012, 18:12
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Die Länder haben die Zusagen für Wohnbauförderungen seit 2010 drastisch gekürzt, das erhöhe den Preisdruck auf Mieten

STANDARD: Die Aufregung wegen der Prämienkürzung beim Bausparen ist groß, dabei unterscheiden sich die Konditionen kaum von ungeförderten Angeboten. Wie beurteilen Sie die Effekte der Sparmaßnahme.

Wolfgang Amann: Die Bausparprämie war in der Vergangenheit schon nicht besonders hoch. Es ist völlig richtig, dass sich die Konditionen nicht wesentlich von jenen anderer Finanzierungsanbieter unterscheiden. Die wirtschaftliche Attraktivität des Bausparens war vor allem in der Aufbauphase des Systems wichtig. Am Anfang muss der Staat kräftige Anschubhilfe leisten, wenn das System einmal etabliert ist, kann es auch ohne größere Vorteile überleben.

STANDARD: Kann man daraus schließen, dass Änderungen beim Bausparen den Wohnbau kaum treffen, weil es genug andere Finanzierungsmöglichkeiten gibt?

Amann: Es geht nicht nur um Renditeüberlegungen, sondern um ein langfristiges Ansparen: für sich selber, oder für die Kinder. Diese Perspektive - zuerst sparen, dann investieren - ist für den Wohnbau essenziell. Die Halbierung der Prämie ist für den Sektor eine große Herausforderung, aber verkraftbar. Ich rechne nicht mit wesentlichen Einschnitten bei den Einlagen.

STANDARD: Die große Bedrohung für den Sektor ist ja, dass Sparer aussteigen und damit die Bedeckung der Darlehen kippen.

Amann: Das ist sicher ein Problem, weil hier eine Balance gehalten werden muss.

STANDARD: Kann die Prämienkürzung den gesamten Wohnbau beeinträchtigen?

Amann: Wenn das Bausparsystem in Schwierigkeiten käme, sind negative Auswirkungen vor allem auf den Wohnbau im ländlichen Bereich und dort bei einkommensschwachen Schichten möglich. Allerdings muss man die Kirche im Dorf lassen: Die finanziellen Möglichkeiten haben sich auch bei Wenigverdienern gebessert, zudem gibt es auch alternative Finanzierungsangebote durch die Banken, wenngleich ab einer gewissen Fristigkeit nur zu variablen Zinsen.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei die Wohnbauförderung?

Amann: 2008 und 2009 wurde die Wohnbauförderung noch stark genutzt, um die Konjunktur am Laufen zu halten. 2010 waren die Ausgaben mit knapp zwei Milliarden Euro noch stabil, aber die Förderzusicherungen sind um 17 Prozent auf 28.000 Fälle zurückgegangen. Man kann davon ausgehen, dass der Abwärtstrend im Vorjahr angehalten hat, offizielle Daten dazu gibt es aber noch nicht. Dieser Rückgang stellt insgesamt ein Risiko für den Wohnbau dar.

STANDARD: Bedeuten weniger Förderungen automatisch auch weniger Neubau?

Amann: Die Baubewilligungen insgesamt sind gestiegen, was durchaus überraschend ist. Es sieht so aus, dass die Entwicklungen am Wohnungsmarkt starke Anreize für Private gebracht haben und die Rückgänge bei geförderten Wohnungen kompensiert wurden. Allerdings gibt es zwei Einschränkungen: Frei finanzierter Wohnbau ist viel volatiler als geförderter, wie die Krise gezeigt hat. Der geförderte Neubau ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Der frei finanzierte Wohnbau reagiert sehr rasch auf schlechtere Finanzierungsbedingungen. Die zweite Einschränkung betrifft die Leistbarkeit: Frei finanzierte Wohnungen stellen für die Versorgung mittlerer und unterer Einkommensschichten ein Problem dar.

STANDARD: Wie sieht die weitere Entwicklung angesichts der von den Ländern zugesagten Einsparungen aus?

Amann: Die Gefahr von Kürzungen besteht natürlich immer. Es ist ein großer Posten, bei dem man rasch Liquidität generieren kann, was aber schwerwiegende langfristige Folgen hätte. Die sind massiv und sehr schwer umkehrbar. Betroffen sind vor allem die Ballungsgebiete. Wenn es eng wird, erhöht sich der Druck auf die Preise.

STANDARD: Laut Arbeiterkammer gibt es den ohnehin schon seit langem, steigen vor allem private Mieten deutlich schneller als die allgemeine Preisentwicklung.

Amann: Das sind Daten, die einem Reality-Check nicht standhalten. Die Mietpreisentwicklung war in den letzten zehn Jahren - insbesondere bei den Bestandsmieten - relativ moderat. Sie liegt nur einen halben Prozentpunkt über der Inflationsrate. Selbst bei Neuvergaben halten sich die Preissteigerungen in Grenzen. Was sich wirklich verteuert hat, sind Eigentumswohnungen, insbesondere bei Erstbezügen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

Wolfgang Amann lehrt an der Fachhochschule Wien und der Donau-Uni Krems; leitet das Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW).

  • foto: robert newald


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