Experte Wolfgang Amann

"Förderkürzungen sind Risiko für den Wohnbau"

Interview | Andreas Schnauder, 17. Februar 2012, 18:12
  • Artikelbild
    foto: robert newald


Die Länder haben die Zusagen für Wohnbauförderungen seit 2010 drastisch gekürzt, das erhöhe den Preisdruck auf Mieten

STANDARD: Die Aufregung wegen der Prämienkürzung beim Bausparen ist groß, dabei unterscheiden sich die Konditionen kaum von ungeförderten Angeboten. Wie beurteilen Sie die Effekte der Sparmaßnahme.

Wolfgang Amann: Die Bausparprämie war in der Vergangenheit schon nicht besonders hoch. Es ist völlig richtig, dass sich die Konditionen nicht wesentlich von jenen anderer Finanzierungsanbieter unterscheiden. Die wirtschaftliche Attraktivität des Bausparens war vor allem in der Aufbauphase des Systems wichtig. Am Anfang muss der Staat kräftige Anschubhilfe leisten, wenn das System einmal etabliert ist, kann es auch ohne größere Vorteile überleben.

STANDARD: Kann man daraus schließen, dass Änderungen beim Bausparen den Wohnbau kaum treffen, weil es genug andere Finanzierungsmöglichkeiten gibt?

Amann: Es geht nicht nur um Renditeüberlegungen, sondern um ein langfristiges Ansparen: für sich selber, oder für die Kinder. Diese Perspektive - zuerst sparen, dann investieren - ist für den Wohnbau essenziell. Die Halbierung der Prämie ist für den Sektor eine große Herausforderung, aber verkraftbar. Ich rechne nicht mit wesentlichen Einschnitten bei den Einlagen.

STANDARD: Die große Bedrohung für den Sektor ist ja, dass Sparer aussteigen und damit die Bedeckung der Darlehen kippen.

Amann: Das ist sicher ein Problem, weil hier eine Balance gehalten werden muss.

STANDARD: Kann die Prämienkürzung den gesamten Wohnbau beeinträchtigen?

Amann: Wenn das Bausparsystem in Schwierigkeiten käme, sind negative Auswirkungen vor allem auf den Wohnbau im ländlichen Bereich und dort bei einkommensschwachen Schichten möglich. Allerdings muss man die Kirche im Dorf lassen: Die finanziellen Möglichkeiten haben sich auch bei Wenigverdienern gebessert, zudem gibt es auch alternative Finanzierungsangebote durch die Banken, wenngleich ab einer gewissen Fristigkeit nur zu variablen Zinsen.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei die Wohnbauförderung?

Amann: 2008 und 2009 wurde die Wohnbauförderung noch stark genutzt, um die Konjunktur am Laufen zu halten. 2010 waren die Ausgaben mit knapp zwei Milliarden Euro noch stabil, aber die Förderzusicherungen sind um 17 Prozent auf 28.000 Fälle zurückgegangen. Man kann davon ausgehen, dass der Abwärtstrend im Vorjahr angehalten hat, offizielle Daten dazu gibt es aber noch nicht. Dieser Rückgang stellt insgesamt ein Risiko für den Wohnbau dar.

STANDARD: Bedeuten weniger Förderungen automatisch auch weniger Neubau?

Amann: Die Baubewilligungen insgesamt sind gestiegen, was durchaus überraschend ist. Es sieht so aus, dass die Entwicklungen am Wohnungsmarkt starke Anreize für Private gebracht haben und die Rückgänge bei geförderten Wohnungen kompensiert wurden. Allerdings gibt es zwei Einschränkungen: Frei finanzierter Wohnbau ist viel volatiler als geförderter, wie die Krise gezeigt hat. Der geförderte Neubau ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Der frei finanzierte Wohnbau reagiert sehr rasch auf schlechtere Finanzierungsbedingungen. Die zweite Einschränkung betrifft die Leistbarkeit: Frei finanzierte Wohnungen stellen für die Versorgung mittlerer und unterer Einkommensschichten ein Problem dar.

STANDARD: Wie sieht die weitere Entwicklung angesichts der von den Ländern zugesagten Einsparungen aus?

Amann: Die Gefahr von Kürzungen besteht natürlich immer. Es ist ein großer Posten, bei dem man rasch Liquidität generieren kann, was aber schwerwiegende langfristige Folgen hätte. Die sind massiv und sehr schwer umkehrbar. Betroffen sind vor allem die Ballungsgebiete. Wenn es eng wird, erhöht sich der Druck auf die Preise.

STANDARD: Laut Arbeiterkammer gibt es den ohnehin schon seit langem, steigen vor allem private Mieten deutlich schneller als die allgemeine Preisentwicklung.

Amann: Das sind Daten, die einem Reality-Check nicht standhalten. Die Mietpreisentwicklung war in den letzten zehn Jahren - insbesondere bei den Bestandsmieten - relativ moderat. Sie liegt nur einen halben Prozentpunkt über der Inflationsrate. Selbst bei Neuvergaben halten sich die Preissteigerungen in Grenzen. Was sich wirklich verteuert hat, sind Eigentumswohnungen, insbesondere bei Erstbezügen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

Wolfgang Amann lehrt an der Fachhochschule Wien und der Donau-Uni Krems; leitet das Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW).

Kommentar posten
11 Postings
Erwin Schwarzmüller
00
19.2.2012, 19:00
Sg Hr.Amann lieber Wolfgang

Könnte Ihr an Deinem Institut einmal untersuchen, ob die Aufhebung der Zweckbinung der Wohnbauförderungsbeiträge überhaupt rechtens ist, es fließen Abgaben aller Arbeitnehmer seit dem Weideraufbau in den Topf. Gruß Erwin Schwarzmüller

Dazu noch Ausschnitt aus AK Studie zu Mietpreisentwicklung Im Jahr 2010 haben in Summe alle Mieterhaushalte 7,38 Milliarden Euro für ihre Wohnungen bezahlt.

Eine Detail-Analyse der Mieten von 2005 bis 2010 zeigt sogar: Die privaten Mieten sind mehr als doppelt so stark in die Höhe gegangen (plus 22 Prozent) wie die Inflation (plus neun Prozent) und die Löhne (plus zehn Prozent). Mieten in Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen sind hingegen nur im Ausmaß der Inflation hinaufgeklettert.

RS69
 
00
19.2.2012, 23:51

Wenn#s ein Gesetz dazu gibt, ist es wohl rechtens. Leider.

Es war ja sogar rechtens, in Überschussjahren bei den Sozialversicherungsträgern die Überschüsse abzuschöpfen (jetzt wo die Fehlen, redet keiner mehr über die Durchlässigkeit des Systems.).

Eisenbieger
00
19.2.2012, 10:38
Das Ganze ist sowieso eine Augenauswischerei! Was wird denn heute gefördert? Wenn jemand seine Wohnung luftdicht, mit Styropr, mechanischer Zwanglüftung und hybrider Technisierung zupappt.

Wenn er also ein Höchstmaß an ungesundem Wohnen inszeniert.
Für die Baugerbe und Haustechnikausstatter - also auch für die Politiker - ein gefundenes Fressen.
Für den Menschen in Wirklichkeit ein Scha.s.

pirat was sonst
00
19.2.2012, 11:51

pssst! Das ist gruen und somit Öko und gegen den Klimawandel, also doppelplusgut!

noldman
01
18.2.2012, 22:15
Baustandards

Dazu kommt der interessante Nebeneffekt, dass die privat finanzierten seit ein paar Monaten bei den Politikern lobbyieren, doch die Qualitätsstandards im geförderten Wohnbau massiv zu senken.

Der Hintergrund: Geförderte Wohnungen sind billiger und haben mittlerweile eine viel höhere Qualität als die privat gebauten. Qualität und Rendite widersprechen sich einfach.

bausparer1
00
18.2.2012, 21:59
Selber schuld

Wenn man die Leute mit dem variablen Zinssatz verarscht -- und 1% Zinsen bietet.

Jederzeit verfügbar bringt mehr Zinsen.
2,05% p.a beim kostenlosen Konto der DKB.

Auch für Österreicher komplett kostenlos.

http://www.dkb.de/int/priva... /cash/aut/

Hrabal
02
18.2.2012, 14:29

das kommt davon, wenn man den Ländern jährlich Milliarden gibt, die Zweckbindung aufhebt, durch Aufhebung des Zweckzuschussgesetzes die Kontrolle der Mittelverwendung streicht und zuschauen muss, wie die Wohnbaumilliarden zum Budgetlochstopfen bzw. Spekulieren (NÖ) verwendet werden. Und so kommt es auch, dass nicht nur teure Mieten hieraus folgen, sondern wegen des Rückgangs der Althaussanierung auch keine wesentlichen Klimaschutzbeiträge zusammenkommen...Den Ländern gehören daher die Wohnbau- und Wohnbausanierungskompetenzen inkl. Geld einfach weggenommen ...aber selbst die SPÖ ist hierfür auf Bundes- und Landesebene zu feig und sie ÖVP macht auf föderale Besitzstandswahrung ..

Saurer Zivi
10
18.2.2012, 14:08
Die entscheidende Frage wurde ausgespart: kann ich nun als Bausparer kosten- u verlustfrei vom Bausparvertrag ab Wirksamkeit der Prämienreduktion, also 1.1.2013, zurücktreten?

Hager vom VKI rät gegen eine Auflösung. Das kann sich wohl nur auf eine ad hoc Auflösung beziehen, weil keinerlei zivilrechtliche Erläuterung stattfindet.

Immerhin hätte ich ja den Bausparer nicht abgeschlossen, wären diese Bedingungen von Anfang an Vertragsinhalt gewesen, sondern hätte das Geld auf ein Sparbuch gelegt, mit variabler Bindung.

Diese Frage ist die einzig entscheidende.

Die Regierung hätte nämlich auch festlegen können, dass die reduzierten Prämien erst für alle NEUabschlüsse gelten.

Da man das nichtgetan hat, geht es wohl darum, Gelder aus dem Immobereich abzuziehen.

Die Frage allerdings bleibt offen, ob ich den Bausparer verlustfrei aufkündigen kann.

Wer weiß mehr??

bausparer1
00
18.2.2012, 22:07
Die Chancen stehen gut

wenn man das ganze aus judiziert.
Doch wer geht schon das finanzielle Risiko, wegen der paar Euro ein. (Zeit und Nerven)

Jedes Urteil kann Überraschungen bringen.

Aus Protest auflösen, die paar € sind verschmerzbar -- bzw. einfach nicht mehr weiter besparen.

TX35
11
18.2.2012, 13:48
Geh bitte, das stimmt doch so nicht!

Vor allem gestiegen sind die Mieten nicht bei Bestandsmieten (no na ned) sondern:
1. Bei NEUVERMIETUNGEN
2. Wegen MAKLERGEBÜHREN (wofür verlangen die eigentlich Geld?)
3. Gesetzeswidrige nicht Einhaltung des RICHTWERTMIETZINSES

Bitte AK Studie lesen
http://wien.arbeiterkammer.at/online/pr... 65518.html

Kampfposter
00
18.2.2012, 09:23
Interessant, Facts vom fachmann, nicht Blabla von Lobbyisten!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.