Die Länder haben die Zusagen für Wohnbauförderungen seit 2010 drastisch gekürzt, das erhöhe den Preisdruck auf Mieten
STANDARD: Die Aufregung wegen der Prämienkürzung beim Bausparen ist groß,
dabei unterscheiden sich die Konditionen kaum von ungeförderten Angeboten. Wie
beurteilen Sie die Effekte der Sparmaßnahme.
Wolfgang Amann: Die Bausparprämie war in der Vergangenheit schon nicht besonders hoch.
Es ist völlig richtig, dass sich die Konditionen nicht wesentlich von jenen
anderer Finanzierungsanbieter unterscheiden. Die wirtschaftliche Attraktivität
des Bausparens war vor allem in der Aufbauphase des Systems wichtig. Am Anfang
muss der Staat kräftige Anschubhilfe leisten, wenn das System einmal etabliert
ist, kann es auch ohne größere Vorteile überleben.
STANDARD: Kann man daraus schließen, dass Änderungen beim Bausparen den
Wohnbau kaum treffen, weil es genug andere Finanzierungsmöglichkeiten gibt?
Amann: Es geht nicht nur um Renditeüberlegungen, sondern um ein langfristiges
Ansparen: für sich selber, oder für die Kinder. Diese Perspektive - zuerst
sparen, dann investieren - ist für den Wohnbau essenziell. Die Halbierung der
Prämie ist für den Sektor eine große Herausforderung, aber verkraftbar. Ich
rechne nicht mit wesentlichen Einschnitten bei den Einlagen.
STANDARD: Die große Bedrohung für den Sektor ist ja, dass Sparer
aussteigen und damit die Bedeckung der Darlehen kippen.
Amann: Das ist sicher ein Problem, weil hier eine Balance gehalten werden
muss.
STANDARD: Kann die Prämienkürzung den gesamten Wohnbau beeinträchtigen?
Amann: Wenn das Bausparsystem in Schwierigkeiten käme, sind negative
Auswirkungen vor allem auf den Wohnbau im ländlichen Bereich und dort bei
einkommensschwachen Schichten möglich. Allerdings muss man die Kirche im Dorf
lassen: Die finanziellen Möglichkeiten haben sich auch bei Wenigverdienern
gebessert, zudem gibt es auch alternative Finanzierungsangebote durch die
Banken, wenngleich ab einer gewissen Fristigkeit nur zu variablen Zinsen.
STANDARD: Welche Rolle spielt dabei die Wohnbauförderung?
Amann: 2008 und 2009 wurde die Wohnbauförderung noch stark genutzt, um die
Konjunktur am Laufen zu halten. 2010 waren die Ausgaben mit knapp zwei
Milliarden Euro noch stabil, aber die Förderzusicherungen sind um 17 Prozent auf
28.000 Fälle zurückgegangen. Man kann davon ausgehen, dass der Abwärtstrend im
Vorjahr angehalten hat, offizielle Daten dazu gibt es aber noch nicht. Dieser
Rückgang stellt insgesamt ein Risiko für den Wohnbau dar.
STANDARD: Bedeuten weniger Förderungen automatisch auch weniger Neubau?
Amann: Die Baubewilligungen insgesamt sind gestiegen, was durchaus
überraschend ist. Es sieht so aus, dass die Entwicklungen am Wohnungsmarkt
starke Anreize für Private gebracht haben und die Rückgänge bei geförderten
Wohnungen kompensiert wurden. Allerdings gibt es zwei Einschränkungen: Frei
finanzierter Wohnbau ist viel volatiler als geförderter, wie die Krise gezeigt
hat. Der geförderte Neubau ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Der frei
finanzierte Wohnbau reagiert sehr rasch auf schlechtere
Finanzierungsbedingungen. Die zweite Einschränkung betrifft die Leistbarkeit:
Frei finanzierte Wohnungen stellen für die Versorgung mittlerer und unterer
Einkommensschichten ein Problem dar.
STANDARD: Wie sieht die weitere Entwicklung angesichts der von den Ländern
zugesagten Einsparungen aus?
Amann: Die Gefahr von Kürzungen besteht natürlich immer. Es ist ein großer
Posten, bei dem man rasch Liquidität generieren kann, was aber schwerwiegende
langfristige Folgen hätte. Die sind massiv und sehr schwer umkehrbar. Betroffen
sind vor allem die Ballungsgebiete. Wenn es eng wird, erhöht sich der Druck auf
die Preise.
STANDARD: Laut Arbeiterkammer gibt es den ohnehin schon seit langem,
steigen vor allem private Mieten deutlich schneller als die allgemeine
Preisentwicklung.
Amann: Das sind Daten, die einem Reality-Check nicht standhalten. Die
Mietpreisentwicklung war in den letzten zehn Jahren - insbesondere bei den
Bestandsmieten - relativ moderat. Sie liegt nur einen halben Prozentpunkt über
der Inflationsrate. Selbst bei Neuvergaben halten sich die Preissteigerungen in
Grenzen. Was sich wirklich verteuert hat, sind Eigentumswohnungen, insbesondere
bei Erstbezügen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)
Wolfgang Amann lehrt an der Fachhochschule Wien und der Donau-Uni Krems;
leitet das Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW).