"Eine Minderheit hat sich radikalisiert"

Interview | Gudrun Springer, 18. Februar 2012, 12:23
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    foto: heribert corn

    Ex-FDPler Mehmet Daimagüler meint, die Integration Jugendlicher der Länder der ehemaligen DDR sei "in großen Teilen gescheitert".

Opfer-Anwalt Mehmet Daimagüler meint, der Untersuchungsauftrag des U-Ausschusses gehöre ausgeweitet

Opfer-Anwalt Mehmet Daimagüler sagt, nach den Attentaten der Zwickauer Zelle stelle die Politik die Frage, wie verbreitet Rassismus bei Sicherheitskräften sei, bisher nicht. Gudrun Springer fragte nach.

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Standard: Sie vertreten beim Verfahren gegen die Zwickauer Neonazis, die zehn Morde sowie zwei Bombenanschläge verübt haben sollen, die Familien zweier Opfer. Nach jüngsten Informationen könnte der Prozess noch 2012 beginnen. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Daimagüler: Ja, aber nicht vor dem Herbst. Es ist wichtig, dass der Prozess sauber vorbereitet wird, gerade weil es bei der Aufklärung eklatante Fehler gab. Momentan sind sechs Verdächtige in U-Haft. Ich könnte mir vorstellen, dass es noch mehr werden.

Standard: Wie steht es um die Aufarbeitung der politischen Fragen?

Daimagüler: Ich glaube, dass der Strafprozess auch in dieser Hinsicht Aufklärungsarbeit leisten kann. Dann haben wir aber auch noch einen Bundestags-Untersuchungsausschuss, eine Bund-Länder-Kommission und eine Kommission des Landes Thüringen. Bisher war von der politischen Führung zu hören: Wir wollen Aufklärung, und hier sind Fehler gemacht worden. Was ich bislang vermisse, ist die Frage, ob es so etwas wie institutionellen Rassismus innerhalb der Sicherheitskräfte in den neuen Ländern gibt.

Standard: Sie fürchten, die Frage danach wird ausgespart?

Daimagüler: Ich glaube, der Untersuchungsauftrag muss weiter gefasst werden. Aber so ein Untersuchungsausschuss entwickelt eine eigene Dynamik, und der Vorsitzende Sebastian Edathy von den Sozialdemokraten ist ein Mann, der die richtigen Fragen stellen wird. Wir als Opfervertreter werden entsprechend Druck machen.

Standard: Die Morde der Zwickauer Zelle wurden oft als "Döner-Morde" bezeichnet, was Unwort des Jahres 2011 wurde, nachdem Sie es der Jury vorgeschlagen hatten. Was veranlasste Sie dazu?

Daimagüler: Es wurden nicht Döner ermordet, man hat Menschen ins Gesicht geschossen. "Döner" suggeriert auch: Das ist etwas Türkisches, die gehören nicht zu uns.

Standard: Haben die Taten und die Ermittlungsfehler eine Debatte über die neuen Rechtsextremen in Gang gebracht, wie Sie hofften?

Daimagüler: Mehr und mehr. Da kommen auch die Morde von Oslo dazu und das Attentat auf die Abgeordnete Giffords in Arizona. Wir haben in Deutschland ja diese Debatte um Thilo Sarazzin. In meinem Freundeskreis heißt es immer wieder: Neonazis - geht ja gar nicht. Aber bei der Frage, was mit Sarrazin ist, fängt das ,Ja, aber' an. Da sage ich: Ihr müsst vorsichtig sein. Wenn ein Rassist mit Doktortitel vom Juden- und vom Moslem-Gen spricht und von Hunderttausenden bejubelt wird, ist klar, dass eine Clique Jugendlicher sagt: Das ist der Auftrag. Dabei hat sich Deutschland in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht positiv verändert. Zugleich hat sich aber eine Minderheit abgekoppelt und radikalisiert. Ich denke, dass die Integration der Jugendlichen der neuen Länder in großen Teilen gescheitert ist. Die Frage, wie wir damit umgehen, wird nicht aufgeworfen. Bei Vorträgen in neuen Ländern kommen manchmal Jugendliche verschämt zu mir und sagen, sie seien die einzigen Nicht-Nazis ihrer Schule.

Standard: Genauso gibt es Schulen, in denen kaum Kinder mit deutscher Muttersprache sind. Auch ein Beispiel für gescheiterte Integration?

Daimagüler: Das sind Probleme in den Ballungszentren aufgrund einer verfehlten Städtepolitik. Laut einer Umfrage wollen Türken am liebsten Deutsche als Nachbarn, umgekehrt kommen Türken als Nachbarn bei Deutschen ganz unten auf der Liste. Hinzu kommt, dass Türken, die bürgerlich geworden sind, auch wegziehen. Da muss man in den Bildungssektor investieren. Aber missverstehen Sie mich nicht: Es gibt Probleme in der Integrationspolitik: Sprachdefizite, Gewalt - auch in Familien, das Patriarchat.

Standard: Und: Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland - und in Österreich - sind ohne Ausbildung oder Job.

Daimagüler: Ein echtes Problem ist, dass wir kein erstklassig ausgebautes Kindertagesstättennetz haben. In Deutschland zeigen Umfragen, dass die Eltern von Einwanderungsfamilien bildungsorientierter sind als deutsche Familien, nur: Der Wunsch allein reicht nicht. Wenn die Eltern Kindern bei Hausaufgaben nicht helfen können, ist das ein Problem. Daher ist frühkindliche Bildung ab zwei Jahren umso wichtiger. Das zweite Problem ist die frühe Aufteilung der Kinder in Hauptschulen und Gymnasien.

Standard: Sie schreiben in Ihrem Buch "Kein schönes Land in dieser Zeit", Ihnen hätten als Schüler Vorbilder türkischer Herkunft gefehlt. Besuchen Sie heute Schulen?

Daimagüler: Wenn ich dazu eingeladen werde, mache ich das, auch wenn ich mich nicht als Vorbild sehe. Mein Buch leistet ja auch ein Stückweit diese Arbeit. Ich bekomme viele Leserbriefe, häufig steht darin, dass die von mir beschriebenen Gefühle - Ausgrenzung, Einsamkeit, Ablehnung - den Schreibern bekannt sind; nicht nur Migranten, etwa auch einem schwulen 16-Jährigen aus einem Kaff im Saarland.

Standard: In Buchkritiken hieß es, Sie rechnen mit dem Staat ab.

Daimagüler: Ich finde, das Buch liest sich in weiten Teilen wie eine Liebeserklärung an meine Heimat Deutschland.

Standard: Was kommt als Nächstes? Drängen Sie weiter an die Öffentlichkeit?

Daimagüler: Ich habe die Politik nach einigen Jahren ja wieder verlassen, und das Buch habe ich in erster Linie für meine Mutter geschrieben, denn nächstes Jahr werden es 50 Jahre, dass meine Eltern nach Deutschland kamen. Ob ich in die Öffentlichkeit dränge? Vielleicht bei Zwickau, da macht es Sinn, über Dinge zu reden. Aber so toll ist es in der Öffentlichkeit ja auch nicht. (DER STANDARD-Printausgabe, 18./19.02.2012)


Zur Person:

Mehmet Daimagüler (43) kam in Niederschelden bei Siegen (Nordrhein-Westfalen) als Sohn türkischer Gastarbeiter zur Welt, musste trotz guter Noten zunächst in die Hauptschule, wechselte dann aber ans Gymnasium. Jus-Studium in Bonn, später VWL und Philosophie in Harvard und Yale. 1997 bis 2005 im Bundesvorstand der FDP, zog sich dann aus der Politik zurück und ist heute Anwalt in Berlin. 2011 veröffentlichte er "Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration".

Kommentar posten
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john pell
00
20.2.2012, 11:31

die Grau wolfe und die nazi machen oft gemeisamer sachen, sprichst antisemitismus
meine beileid an die opfer

Vorteilsclub
00
19.2.2012, 18:08

Die sind ja tausend Mal mehr als wir, diese Ausländer!

Zumal es auf der Welt nur 8 Millionen Inländer gibt (und sogar von denen ist eine Million eigentlich aus Ausländer) und 8,000.000.000 Ausländer, sollten wir uns es mit denen gut stellen.

Die Eule
90
19.2.2012, 16:45
Die Zensu r ist das Ende der Freiheit

Lieber Zenso r jetzt ist mein Kommentar schon dreimal nicht erschienen. Ob es Ihnen passt oder nicht: In Deutschland wird alle 4 Stunden ein Mensch von auslä ndischen Mitbürgern ermor det.
Schämen sie sich das den Lesern verheimlichen zu wollen.

Nicolas Castillo
02
20.2.2012, 18:05
389 vollendete Morde ...

sind irgendwie ein Mord pro Tag, grob gerundet.

Wie Sie da auf Ihre Zahlen kommen (wären dann ja mindestens mehr als 2.000 + die der Michtmigranten, das bleibt wohl allein Ihr aritmetisches Geheimnis.

Sie sind mir eine wahre Eule.

Die Eule
10
20.2.2012, 23:23
2 Morde oder Totschläge pro Tag

Das ergibt mind. 2 Morde oder Totschläge pro Tag = 665 /365 da die Eingebürgerten als Inländer zählen.

lightyear2000.tumblr.com
01
19.2.2012, 18:19

quelle? irgendwas behaupten kann jede_r!

hansi b.
02
19.2.2012, 17:59
Nichts als Hetze !

Ihr posting ist nicht nur eine widerliche Verunglimpfung aller ausländischen MITBÜRGER sondern auch noch eine unverschämte Lüge.
So gabe es nach offiziellen Statistiken im Jahre 2010 insgesamt 814 Mordfälle in Deutschland und nicht wie sie behaupten alleine 2900 von Nicht-Deutschen an Deutschen verursachte.
Der Anteil von Nicht-Deutschen bei den Tätern liegt seit Jahren bei etwa 30 Prozent, wobei die bertroffenen
Mordopfer zu durchschnittlich 60Prozent selbst Auslander sind.
Also sind ihre Zahlenangaben nicht nur unwahr , sondern die widerlichste Verunglimpfung, die mir je untergekommen ist

Die Eule
10
19.2.2012, 19:56
Ihre Zahlen sind unehrlich

Laut BKA Statistik gab es in 2010 in Deutschland 2218 mal Mord und Totschlag.
Nur die Morde zaehlen und die Totschläge weglassen ist nicht korrekt. Bei einem 30 Prozent Anteil auslaend ischer Taeter sind das 665 und somit alle 13 Stunden. Da habe ich mich geirrt.

FalscherProphet
00
22.2.2012, 16:44
1.) Ein Totschlag ist bei weitem kein Mord -

also sind diese beide Zahlen nicht zu addieren sondern extra anzuführen.

2.) Unter die 30% nicht "deutschland-stämmige" Mörder sind auch die in Deutschland eingebürgerten aus dem EU-Ausland Stammenden einberechnet - nicht wahr?
Das heißt: Hier sind auch potentiell Österreich-Stämmige darunter.

Na Sie äußern sich aber nett über mögliche eingeborene Österreicher...

Karl Kater
10
19.2.2012, 12:53
Protest!

ich verwehre mich gegen die Aussage, dass sich die türkische community radikalisiert haben solle.

Typisch FPD-ler.

1116er
87
19.2.2012, 09:04
eine minderheit...

...weigert sich, die regeln und sitten zu akzeptieren und zu übernehmen, die für die große mehrheit wichtig sind.

ist das nicht die definition von integrationsverweigerung?

wo sind jene, zb aus der depperlpartei, die aufstehen und brüllen: wenn die sich nicht integrieren wollen, dann....!

man kann doch nicht eine minderheit zur integration 'auffordern' und eine andere minderheit nicht.
oder doch? ja, wenn man ein nicht gesellschaftsfähiges element ist....

SuperRatte!
65
18.2.2012, 23:45

Respekt an Herrn Daimagüler! Obwohl er als Sohn von Einwanderern ausgeschlossen, abgelehnt und benachteiligt wurde hat er trotzdem noch Kraft und Mut um gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen. Stellen wir uns nun einen weniger intelligente Person mit Migrationshintergrund vor die ebenfalls in D oder Ö aufwächst. Dieser Mensch hat nicht die Möglichkeit sein Selbstwertgefühl durch gesellschaftlichen Erfolg zu verbessern. Er wird verbittert und wünscht sich nur noch ein Land ohne Inländer -> die Inländer wählen braun und benehmen sich auch dementsprechend. Ein Teufelskreis den die Politik nicht aufbrechen wird können. Dafür ist intollerantes Gedankengut zu tief in der Gesellschaft verwurzelt.

Karl Kater
00
19.2.2012, 20:52

Deutschkurse kosten deutlich weniger als viele denken.

SuperRatte!
10
20.2.2012, 00:13

Die Ausgrenzung von Kindern mit Migrationshintergrund hat ihren Ursprung nicht nur im Mangel an Sprachkenntnissen sondern leider öfter aufgrund von Hautfarbe, ausländisch klingendem Namen oder alleine aufgrund der Herkunft der Eltern.
Im Punkt der mangelnden Sprachkenntnisse sind die Migranten leider teilweise selber Schuld - für alles Andere können sie NICHTS.

hardob
37
18.2.2012, 23:37
Danke für dieses Interview

Die Frage nach dem "institutionellen Rassismus innerhalb der Sicherheitskräfte" ist schon mehr als berechtigt. Da fallen immer wieder so Kleinigkeiten auf wie gerade in Fürth/Bay.

http://www.nordbayern.de/region/fu... -1.1860375

http://www.nordbayern.de/region/fu... -1.1861847

wo man sich schon fragen kann, ob das irgendwie Methode hat.

Waran
09
18.2.2012, 22:41
Diese Minderheit hat sich nie "entradikalisiert",

sondern bis dato nur gut verborgen.
Wie uns die Geschichte leidvoll lehrte, sind Wirtschaftskrisen, soziale Verelendung und Verarmung immer das Lebenselixier dieser Minderheiten gewesen!

Karl Kater
88
18.2.2012, 20:38
Frage

Wie verbreitet ist Rassismus bei Sicherheitskräften in der Türkei?

barbarutta
10
19.2.2012, 11:16

und? wozu diese frage?

senfspender
34
19.2.2012, 10:58
Türkei und Menschenrechte ?

...passt nicht zusammen; sogar der Massenmord an den Armeniern wird empört abgestritten, die haben sich wohl alle selbst entleibt....

supermike
43
19.2.2012, 10:29
Rassismus bei Sicherheitskräften in der Türkei

fahr hin und frag die mal, wie die zu den Kurden stehen.
Wenn der Staat Türkei alle paar Wochen angeblicher PKK Lager bombardiert, Menschen festnimmt, foltert und tötet werden natürlich auch die Sicherheitskräfte die paar Mio Kurden dort nicht ganz so lieb haben.

SuperRatte!
19
19.2.2012, 03:09

Am besten Sie fahren in die Türkei und finden es selbst heraus. Vergessen Sie aber auf keinen Fall die Bomberjacke.

bloody-nine
 
211
19.2.2012, 01:56
gegenfrage: was hat das mit der situation in deutschland

oder österreich zu tun?

pipi pipifax
06
19.2.2012, 00:34

frage, warum lenken sie von neonazis ab? hegen sie sympathien?

Karl Kater
41
19.2.2012, 12:54

Ich hege Sympathien mit der Wahrheit.

jcMaxwell
14
19.2.2012, 18:08

die wahrheit ist, dass sie mit ihrer gegenfrage eine typische opfer/täter-umkehr betreiben.

somit hegen sie sympathien für ideologien, die anscheinend parallelen mit denjenigen der attentäter haben

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