Keine Angst vor Kommerz

Interview17. Februar 2012, 18:17
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An diesem Wochenende gastiert Londons Sadler's Wells Theatre im Festspielhaus St. Pölten. Leiter Alistair Spalding über Koproduktionen, Geld und Publikumsentwicklungen

Mit Alistair Spalding sprach Edith Wolf Perez.

St. Pölten - Längst ist das Festspielhaus St. Pölten fix im Tourneeplan internationaler Tanzensembles eingezeichnet. "Sadler's Wells presents", heißt es an diesem Wochenende. Auf dem Programm: Österreich-Premiere von Russel Maliphants "The Rodin Project", das Ende Jänner in Paris uraufgeführt wurde; und die Company of the Elders. 30 Laien-Performer, die ihre Leidenschaft für Tanz erst in fortgeschrittenem Alter entdeckt haben, choreografiert von Profis. Das Londoner Tanzhaus koproduziert auch das niederösterreichische Community-Tanz- und Musikprojekt alles bewegt, das jetzt startet und 2013 aufgeführt wird. Auch da tanzen Laien in Profi-Choreografien.

Standard: Welche Bedeutung hat Community Dance für Sie?

Spalding: Großbritannien hat darin eine starke Tradition. Diese Arbeit bedeutet zweifellos die Publikumsentwicklung für die Zukunft. Sehr oft steht diese Arbeit im Abseits, aber meiner Ansicht nach sollte sie gleichwertig wie die anderen Produktionen und mit denselben Qualitätsmaßstäben behandelt werden. Es ist sehr wichtig, dass dieses Modell wahrgenommen wird und in St. Pölten - und ich hoffe an anderen Orten auch - übernommen wird.

Standard: Sie haben das Sadler's Wells zur Top-Adresse für zeitgenössischen Tanz gemacht. Welche Neuerungen haben Sie eingeleitet?

Spalding: Früher hatten wir auch Oper und andere Sparten, ich wollte ein reines Tanzhaus und klarmachen, wofür dieses Haus steht. Ich verstehe das Wort Tanz dabei sehr umfassend. Bei uns gibt es nicht nur zeitgenössische, sondern auch populäre Arbeiten, alle Stile, Ballett, Hip-Hop, Flamenco, Folklore, solange die Qualität stimmt und es innovativ und nicht rein traditionell ist. Zweitens sind wir ein Produktionshaus. Anfangs waren es sechs "associated artists", jetzt sind es zwölf, mit denen wir kooperieren, seit 2005 haben wir etwa 80 Projekte realisiert und auf Tournee geschickt. Einer unserer wichtigsten Partner ist, neben Stationen in Luxemburg, Singapur oder Paris, eben das Festspielhaus St. Pölten.

Standard: Zu Ihren Stammkünstlern zählen Akram Khan, Sidi Larbi Cherkaoui, Russell Maliphant, Sylvie Guillem, Hofesh Shechter. Sind Sie ein Talent-Scout?

Spalding: Ja, aber ich bin ein Talent-Scout für ein Theater mit 1500 Plätzen! Ich suche also nicht Leute, die im Studio herumprobieren. Da muss es das Potenzial für große Arbeiten und für ein großes Publikum geben.

Standard: Warum präsentiert Sadler's Wells hierzulande ausschließlich zeitgenössische Tanzproduktionen?

Spalding: Vermutlich liegt das an Joachim Schloemers künstlerischem Konzept. Das Sadler's Wells hat eine breite Basis, weil wir in Großbritannien eine ganz andere Subventionssituation haben. Ich kenne den Subventionsanteil in St. Pölten nicht ...

Standard: ... er liegt bei circa 80 Prozent....

Spalding: ... unserer bei 14!

Standard: Und wie führt man damit ein Theater?

Spalding: Es gibt drei geldbringende Bereiche: die Weihnachtsshows, die Sommershows - das sind Musicals - und das Peacock (ein von Sadler's Wells betriebenes Theater im Londoner Westend, Anm.) Das sind lauter kommerzielle Unternehmungen, von dort kommen unsere "Subventionen". Wir müssen sie erwirtschaften! Den Rest des Jahres verlieren wir Geld. Das ist ein ungewöhnliches Modell, aber ich mag es, denn es gibt uns die Freiheit zu tun, was wir für gut und richtig halten.
(DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

 

  • Künstlerischer Leiter des "Sadler's Wells": Alistair Spalding sieht im Community Dance - Profis choreografieren Laien - eine große Zukunftschance.  Spalding, 54, geboren in Bedfordshire, war er zunächst Performner. Seit 2004 leitet er das "Sadler's Wells" und verwandelte es in ein Produktionshaus für Tanz.
    foto: h. glendinning

    Künstlerischer Leiter des "Sadler's Wells": Alistair Spalding sieht im Community Dance - Profis choreografieren Laien - eine große Zukunftschance.  Spalding, 54, geboren in Bedfordshire, war er zunächst Performner. Seit 2004 leitet er das "Sadler's Wells" und verwandelte es in ein Produktionshaus für Tanz.

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