Strahlende Fabulierlust trifft auf solides Polit-Engagement

17. Februar 2012, 19:24

Samstagabend werden die 62. Berlinale-Bären verteilt

Ein Problem hat die Berlinale-Jury in diesem Jahr nicht: den Mangel an Alternativen. Man darf somit durchaus gespannt sein, für welchen Film sich die vom britischen Regisseur Mike Leigh angeführte Achterrunde am Samstagabend entscheiden wird. Ein Gewinner ist auf jeden Fall das Festival selbst, das für seinen im Vergleich zu Cannes und Venedig oft durchschnittlicheren Wettbewerb gerügt worden war.

Mit Miguel Gomes' Tabu gab es heuer einen Film, der mit seiner Lust am Fabulieren und an stilistischen Experimenten alle anderen überstrahlte; zu den Favoriten der internationalen Filmkritik gehören auch Christian Petzolds Barbara, L'enfant d'en haut von der Schweizer Regisseurin Ursula Meier und Cesare Deve Morire der italienischen Brüder Paolo und Vittorio Taviani, eine semidokumentarische (und ein wenig altbackene) Arbeit über eine Inszenierung von Shakespeares Julius Cäsar mit Gefängnisinsassen in Rom.

Roma-Drama aus Ungarn

Gerne hält man auf der Berlinale allerdings auch dem engagierten politischen Film die Treue. Dies könnte Just the Wind (Csak a szél) zum Vorteil gereichen, zu dem sich der ungarische Regisseur Bence Fliegauf von einer Mordserie an Roma in seiner Heimat inspirieren ließ. Mit einer nahe an Körpern verharrenden, mobilen Kamera folgt er den Wegen eines Geschwisterpaares und dessen Mutter, die auf die Nachricht der Erschießung einer Roma-Familie unterschiedlich, aber alle mit Angst reagieren. Nur der Bub zieht daraus eine Konsequenz und richtet sich einen Unterschlupf im Wald ein.

Was Just the Wind interessant macht, ist die Weigerung, mit eindeutigen Oppositionen zu operieren. Fliegauf vermag auf durchaus provokante Weise zu differenzieren: Er zeigt beispielsweise auch Roma, deren Lebensverhältnisse jenen von Tieren gleichen. Oder er streicht die moralische Korrumpiertheit eines Polizisten hervor, der mit den Gewaltakten sympathisiert. Dennoch fehlt dem Film eine Dimension: eine Form von tiefer schürfender Reflexion, die über das Interesse an äußeren Erscheinungen hinauszielt.

In Matthias Glasners Schulddrama Gnade, dem dritten deutschen Wettbewerbsfilm, hatte schließlich auch noch Birgit Minichmayr ihren Berlinale-Auftritt. Sie hat darin jedoch zu viele Hindernisse auf einmal zu bewältigen: ein Drehbuch voller falscher Töne, eine bedeutungsschwere Inszenierung und in Jürgen Vogel einen Partner, mit dem sich keine rechte Chemie einstellen will. Der Film um ein deutsches Paar in Norwegen, das einen tödlichen Unfall verursacht, entspricht leider jener Sorte von unpersönlichem Arthouse-Kino, das die diesjährige Berlinale eigentlich überwunden hat. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin  / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

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