Ein Knopfdruck für die neue Verfassung

Reportage | Markus Bernath aus Edirne , 17. Februar 2012, 16:57
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    foto: markus bernath

    Verfassungsdebatte in Edirne: Kopftuch, Präsidentschaftssystem, Autonomie auf dem Menü.

In "townhall meetings" sollen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, wie wie ihr Staat künftig aussehen soll

In der Türkei werden Bürger in "townhall meetings" erstmals selbst befragt, wie ihr Staat künftig aussehen soll. Eine völlig neue Erfahrung für die Türken, die jetzt noch mit der Verfassung der Putschgeneräle von 1982 leben.

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Der Nachmittag in der alten Karawanserei von Edirne ist schon fortgeschritten, als zum ersten Mal Applaus aufbrandet. 181 Türken haben wieder auf den Knopf gedrückt und über eine dieser Fragen abgestimmt, die das Land so spalten: "Hätte es einen negativen Effekt auf die Unparteilichkeit, wenn im öffentlichen Dienst Personen mit unterschiedlicher Kleidung und unterschiedlichem Aussehen arbeiteten?" Es hätte, so entscheidet die Mehrheit in der Steinhalle und jubelt über das Ergebnis auf den Bildschirmen. Ein Ende des Kopftuchverbots, die Zurschaustellung von Religiosität in Parlament und Behörden will sie nicht in der neuen Verfassung stehen haben. Denn das hier ist Edirne, hartgesottenes Kemalistenland und das europäische Eck der Türkei an der Grenze zu Griechenland und Bulgarien.

"Die Türkei spricht" heißt die Veranstaltungsreihe von NGOs und Verbänden, die in diesen Wochen durch das Land rollt und aufschreibt, was die Leute sich für die neue Verfassung wünschen. Es ist ein einmaliges, noch nie da gewesenes Ereignis. "Wir leben in einem Land, das Angst hat vor seinen Bürgern", sagt Ilhan, ein junger Geschäftsmann, der sich für die Debatte in Edirne angemeldet hat. "Die Türkei ist ein totalitärer Staat, ein Land mit einem Sicherheitswahn."

Und dennoch werden die Bürger nun gefragt, länger als für die Zeit eines Kreuzchens in der Wahlkabine. Die neue Verfassung gilt als das derzeit wichtigste politische Projekt. Mit dem Versprechen, die Verfassung der Putschgeneräle von 1982 abzulösen, hat Premier Tayyip Erdogan zum dritten Mal die Wahlen gewonnen.

Nun sind es Mitarbeiter von Tepav, einer Denkfabrik in Ankara, die "townhall meetings" nach amerikanischem Vorbild organisieren. Güven Sak, ein Ökonom und früherer Zentralbanker, setzt einander fremde Menschen an einen Tisch, lässt sie einen Sonntag lang über Politik diskutieren und ihre Meinung abgeben. In Ankara war die sogenannte "Verfassungsplattform" mit ihrer Reihe "Die Türkei spricht" im Jänner gestartet, zog dann nach Konya, einer Hochburg des konservativ-muslimischen Establishments, das jetzt die Türkei prägt. Diyarbakir, die Hauptstadt der Kurden im Südosten des Landes, wird nach Edirne die nächste Station sein.

Die Politik schätzt den Werbeeffekt. Parlamentspräsident Cemil Çiçek, Vertreter der vier Parteien in der Verfassungskommission, und Rifat Hisarciklioglu, der Präsident der Handelskammern und einer der Antreiber der "Verfassungsplattform", sprechen jedes Mal zu Beginn der Bürgerdebatten. Güven Sak gibt ihnen nicht einmal eine Stunde zum Reden und schickt sie dann aus dem Saal. Seine Bürger sollen sich unbeobachtet fühlen. In Edirne kündigt Çiçek einen Verfassungsentwurf schon für April an; "freier, moderner, auf dem Recht gegründet" soll der sein. "Wir brauchen Ihre Ideen", sagt er. Es ist ein völlig neuer Ton für die Türken.

An 30 Tischen sitzen in der Halle verteilt die Diskutanten, Moderatoren in orangefarbenen Pullis erklären die Fragen und halten das Gespräch am Laufen. 70.000 Menschen hatten in der Provinz Edirne nach dem Zufallsprinzip ein SMS mit einer Einladung zur Verfassungsdebatte erhalten. Rund 180 kamen letztlich. Sak hat Fragen für sechs Stunden mitgebracht: Staat und Religion, positive Diskriminierung von Frauen, ein Präsidentschaftssystem, Rechte für Schwule - alles vorsichtig formuliert. Fünf bis zehn Minuten wird am Tisch diskutiert, dann stimmt jeder per Knopfdruck ab. Das Ergebnis erscheint sofort auf den Großbildschirmen im Saal.

"Jeder ist Türke"

Ein neuer Staatsbürgerbegriff gilt als dringendste Neuerung. "Jeder ist Türke", steht jetzt noch in der Verfassung, auch wenn er in Wahrheit der 20-Prozent-Minderheit der Kurden angehört, als Armenier oder Lase in seiner Familie geboren wurde. "Wenn wir solche Unterschiede machen, würden wir dann den Separatismus nicht noch anheizen?", heißt es an einem Tisch. Das Ideal des Osmanischen Reichs wird beschworen: "Wir hatten verschiedene Regionen und Völker, aber es hat sie nicht gehindert, zusammen zu leben." Am Ende sind doch zwei Drittel im Saal für einen Passus im Text, der die Vielzahl von ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei widerspiegelt.

Das Ergebnis der Bürgerbefragungen ist ein Druckmittel auf die Politik, glauben die Organisatoren. Am Verfassungstext werde sich ja ablesen lassen, ob die Bürger ernst genommen wurden. "Wir brauchen ein neues Kleid", hatte Unternehmervertreter Hisarciklioglu, der Erdogans Ohr hat, über die Verfassung gesagt. "Unser jetziges passt nicht mehr, es ist zu eng. Das Volk muss ein neues schneidern."(DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

Kommentar posten
25 Postings
OberInnenBürgerInnenMeisterInnenKandidatIn
10
21.2.2012, 08:44

Hoffentlich fällt das fagere Michelgart nicht der Unschöne anheim.

Andreas Prischl
00
18.2.2012, 20:46

Sehr interessant, ein guter Anfang, dem noch viel mehr folgen sollte!

Und was hätten die Leute gemacht, wenn ihnen plötzlich 20.000 Leute vor der Tür gestanden wären? :-)

multivitamin saft
 
00
18.2.2012, 15:55

sehr interessantes projekt, wäre auch für österreich wünschenswert.
es ist halt nur die frage, ob und wie die ergebnisse dann in gesetzesform ausschauen.

Arbeiter
00
19.2.2012, 13:15
Ich glaube nicht, dass die moralisch und intellektuell überlegene Klasse in Österreich

so etwas zuließe. Dann würde die Frage auftauchen, was denn das Gebilde Österreich in der EU noch für eine Selbstbestimmung hat oder wieviele und welche MigrantInnen das Volk will. Nicht auszudenken, was da herauskommen könnte.

dr. kokos
 
00
27.2.2012, 21:21

das würde sicher nicht so schlimm werden. der nationalsozialistische bodensatz in diesem land war nie größer als 33%.

dumm gelaufen
35
18.2.2012, 13:31
Ratlos

Machen da auch Frauen mit? Wäre schoen gewesen, wenn das in der Geschichte erklärt würde. Oder ist es Zufall, dass auf dem bild keine Frau drauf ist?
Was ist positive diskriminerung von Frauen, die da angeblich diskutiert wird - von Männern?
Etwas meh Präzesion hatte der Reportage gutgetan

Interrupt
02
19.2.2012, 00:21
keine frauen auf dem bild?

die zwei personen ganz unten am dem bild (linker unterer rand) sind 2 frauen.
am tisch vor diesem steht eine frau (bild mitte, mit blaue bänder)
am tisch neben der frau mit blauen bändern sitzt eine frau mit dem rücken zur kamera. jacke über den stuhl geworfen.

genügt das?

SeZ54
23
19.2.2012, 00:04
sie schließen von einem Bild aus...

das keine Frauen da mitmachen durften ?
Sind Sie ein wahnsinniger ? :))

ogoekdas
01
18.2.2012, 23:50

"70.000 Menschen hatten in der Provinz Edirne nach dem Zufallsprinzip ein SMS mit einer Einladung zur Verfassungsdebatte erhalten" - da haben Sie Ihre Antwort ;)
wer etwas genauer schaut, entdeckt sehr wohl auch Frauen.
positive Diskriminierung ist ein Überbegriff für Maßnahmen wir Quoten udgl., wenn man aufgrund seiner Charakteristika anders behandelt wird - aber halt besser, sollte an und für sich auch klar sein.
ganz abgesehen davon wird ja nicht bezweckt jede einzelne Meinungsäußerung wiederzugeben, sondern einen Einblick in die Funktionsweise dieser Veranstaltungen zu gewähren.

individuelle semantische Wissenslücken auf den Text zu schieben ist schon nicht ganz ok ;)

Alp Arslan
011
18.2.2012, 00:16
Verfassung der Putschgeneräle von 1982

Die Verfassung von 1982 besteht aus 177 Artikeln, davon wurden in den letzten 30 Jahren 113 geändert.

Die letzte große Verfassungsänderung war am 12. September 2010 am Jahrestag des Militärputsches von 1981! Das war die 17. Änderung!

Daher stelle ich mal die Frage, wie korrekt es noch ist von der Verfassung der Putschgeneräle zu sprechen, wenn bereits 63% dieser Verfassung geändert wurde!

Der Standard sollte einwenig konkreter das Thema behandeln!

taipan53
13
18.2.2012, 12:35
Loesung

ich kenne die Zeit vor "80, waehrend des Militaerputsches (was war das fuer Aufaten in der Masse der Bevoelkerung) und heute. Besonders die Zeit der letztjaehrigen Wahlen war bezeichnend. AKP angefuehrt von Erdogan setzt auf allgemeine Volksverdummung (Program 2023), dass die Masse die Thesen nicht hinterfragt, das Aussetzen von Gesetz betreibt, Andersdenkende wegsperrt (in Silivri tagtaeglich gueltiges Gesetz bricht!) und dann ,wie im Artikel dargestellt, Shows analog den taeglichen soapoperas, als Volksbefragung initiiert!
Was ist die Loesung? Erdogan wird wieder Sultan und Khalif eines osmanischen reiches, wie von Davatoglu (Aussenminister) bereits beschrieben! dann gibt es keine Probleme, er ist das Gesetz! und wird so verschwinden!

Meric Ekinci
00
18.2.2012, 10:40

Viel. geht es es de standard darum was diese 63% beinhalten. soweit ich weiss sind die 37% aucu gesetzte von damals und das nicht wenig. erst wenn die weg sind wird anders vom standard geschrieben.

so denke ich

timurinamanu
112
17.2.2012, 23:04
geht das Türkei bashing schon wieder los?

Kaum hat das I-Land Probleme mit der Türkei, erscheinen schon 2 böse Artikel:
http://dastandard.at/132850806... -Totenhemd

sc1
 
23
18.2.2012, 11:51
Die Betonung liegt wohl auf:

"Besonders unter der kurdischen Bevölkerung, hier vor allem auf dem Land, ist es immer noch Usus, dass der Bräutigam der Familie der Braut Geld- und/oder Sachgeschenke erbringt nach dem Motto "Ohne Brautgeld keine Hochzeit".

Gerald Nessmann
05
17.2.2012, 22:29
Erdogan und Verfassungsreform

Die zwei Begriffe zusammen kuendigen nichts Gutes an. Town Hall Meetings hin oder her.

G-Man
03
17.2.2012, 22:20

noch mit der Putschverfassung vom Militär>???? hääääääää???? was war das dann für eine Abstimmung letztes Jahr?

Meric Ekinci
00
18.2.2012, 10:41

Sorry aber da wurde nicht alles von der verfassung verandert oder geloscht. vieles steht noch.

Lg

NONE
33
17.2.2012, 21:11

Die Türkei macht gute Fortschritte.

Bald kann sie den USA beitreten.

serenad00
02
17.2.2012, 20:49

also wenn ich auf Güven Sak klicke (sie haben den Namen verlinkt) erscheint bei mir die Website des slowenischen Athletikclub ;)

Christoph Karl Steininger
11
17.2.2012, 18:07
Das ist das erste mal daß ich von Lasen lese!

Man lernt nie aus. Es gibt sogar ein Lasistan.
Siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lasen

artemis70
10
17.2.2012, 20:39
ostfriesen der tr

außerdem gibt es ungezählte lasenwitze.

artemis70
10
17.2.2012, 20:49

äääh - zahllose!

Interrupt
10
17.2.2012, 22:22

oder auch nur "unzählige"

paulchen77
01
17.2.2012, 22:00

naja wenns niemand gezählt hat, dann sind auch ungezählte.

artemis70
10
18.2.2012, 13:45

tja, deutsch für inländer - alles nicht so einfach!

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