Vom Kriege verwehtes Prachtpferd

  • Geschundene Kreatur zwischen den wüsten Weltkriegs-Fronten an der Somme: Steven Spielbergs "War Horse" Joey.
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    Geschundene Kreatur zwischen den wüsten Weltkriegs-Fronten an der Somme: Steven Spielbergs "War Horse" Joey.

Steven Spielbergs sechsfach Oscar-nominiertes menschelndes Tierdrama "Gefährten" läuft nun auch in den heimischen Kinos

Wien - Zuerst hört man zartes Vogelgezwitscher, dann kommt der Einsatz fürs Orchester. Schon in den ersten Minuten denkt man sich Gefährten (im Original nüchterner: War Horse) als ein symphonisches Spätwerk. Altmeister John Williams hat die entsprechende Vertonung besorgt und hält damit eine von sechs Oscar-Nominierungen des Films. Alles beginnt mit der Geburt des Pferdchens. Der erste Konflikt, in den es gerät, ist jener zwischen Landbesitzern und Pächtern im Großbritannien des frühen 20. Jahrhunderts.

Das große Schlachten

Dem Farmersohn Albert (Jeremy Irive) gelingt es dort, den jungen Hengst auszubilden, mit dessen Kauf sich sein Vater finanziell übernommen hat. Mit Eintritt in den Ersten Weltkrieg geht sein "Joey" jedoch in den Besitz eines britischen Offiziers (Tom Hiddleston) über. Damit beginnt die Odyssee des Pferdes zu den Kriegsschauplätzen am Kontinent. Zwischen Schützengraben, Senfgasattacke und Stacheldrahtverhau auf dem wüsten Schlachtfeld an der Somme 1918 findet diese ihren wahrhaft dunklen Höhepunkt.

Interessant ist, dass Spielberg mit Gefährten just zum selben Zeitpunkt herauskommt wie sein Kollege Martin Scorsese mit Hugo Cabret: Beide Filme wirken nicht nur im jeweiligen Werkzusammenhang ein wenig schräg. Beide verfolgen eine Form von pädagogischem Interesse - über die Web-Inserate zu Gefährten gelangt man beispielsweise direkt zu (Werbe-) Materialien für den Schulunterricht (Altersfreigabe: ab 12).

Und beide beziehen sich deutlich auf die Filmgeschichte: Scorsese erinnert an den Kinozauberer Georges Méliès. Gefährten lässt an klassische Hollywood-Studioproduktionen der 40er-Jahre denken, von National Velvet und Lassie bis zum emblematischen Schlussbild von David O. Selznicks Prestigeprojekt Vom Winde verweht (1939).

Leider erweckt Spielbergs - mit rund 65 Millionen US-Dollar vergleichsweise moderat budgetierter - Pferdefilm für Buben auch den Eindruck, sich die vereinfachende Weltsicht dieser frühen Blockbuster bewahrt zu haben: Egal bei welcher Kriegspartei, überall findet sich ein Tierfreund, der in dem einen Pferd sofort das zu rettende besondere Pferd erkennt, mögen dessen Artgenossen auch vorn, hinten, links und rechts verenden. Die Empathie für die geschundene Kreatur macht kurzfristig sogar frontübergreifende Allianzen möglich.

Vermenschlichende Projektionen lassen zwischen Joey und einem schwarzen Hengst ein tiefes freundschaftliches Einverständnis entstehen, das mit entsprechend wissenden Blickwechseln von Pferd zu Pferd belegt wird. So etwas ist eigentlich nur packbar, wenn man es als inzwischen überwunden versteht. (Isabella Reicher  / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

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