"Mit Russisch als zweiter Amtssprache würde man Lettland liquidieren"

Interview | Andreas Stangl
17. Februar 2012, 16:56
  • Andris Berzins (67) ist Geschäftsmann und seit Juni 2011 lettischer 
Staatspräsident. Er ist nicht zu verwechseln mit seinem sieben Jahre 
jüngeren Namensvetter, dem Ex-Ministerpräsidenten Lettlands.
    foto: reuters/ints kalnins

    Andris Berzins (67) ist Geschäftsmann und seit Juni 2011 lettischer Staatspräsident. Er ist nicht zu verwechseln mit seinem sieben Jahre jüngeren Namensvetter, dem Ex-Ministerpräsidenten Lettlands.

Präsident Andris Berzins sieht das Referendum als Versuch der Spaltung der Gesellschaft

Der lettische Präsident Andris Berzins erklärt im Gespräch mit Andreas Stangl, warum er das Referendum für Russisch als zweite Amtssprache als Versuch der Spaltung der Gesellschaft sieht.

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STANDARD: Warum ist das Referendum am Samstag für Russisch als zweite Amtssprache so heikel?

Berzins: Derzeit wird versucht, die Frage der Staatssprache zur Spaltung der Gesellschaft zu instrumentalisieren. Das ist ein gefährlicher und nicht zu tolerierender Weg, der nichts mit dem täglichen Leben der Menschen zu tun hat. Andererseits muss man betonen, dass die lettische Sprache unter der sowjetischen Okkupation echt Gefahr lief zu verschwinden. Als Lettland seine Unabhängigkeit wiedererlangte, galt wieder die frühere Verfassung. Eines der Fundamente ist, dass Lettisch die einzige Staatssprache ist.

STANDARD: Wie stehen Sie persönlich zu der Frage?

Berzins: Die Verleugnung von Lettisch als einziger Staatssprache bedeutet auch eine Verleugnung Lettlands. Nur hier können Lettisch und die lettische Lebensart überleben. Hier wohnen knapp über zwei Millionen Menschen, rund 60 Prozent sehen Lettisch als ihre Muttersprache an. Weltweit sprechen etwa 1,5 Millionen Menschen Lettisch. Russisch wird von über 150 Millionen gesprochen, und etwa noch einmal so viele verwenden es als Zweitsprache. Die Russen sind hier keine gefährdete Minderheit. Gleichzeitig will ich aber hinzufügen, dass jene Nationen, die im Lauf der Geschichte hier gelebt und die Sprachenvielfalt bereichert haben, Zeugnis für Reife, Toleranz und Respekt ablegen. Die Leute haben das in der wechselhaften Geschichte Lettlands immer wieder bewiesen.

STANDARD: Was würde passieren, wenn wider Erwarten das Referendum positiv ausfallen würde?

Berzins: Diese Möglichkeit existiert für mich nicht. Russisch als zweite Amtssprache würde die Fundamente der Nation und der Verfassung erschüttern. Diese Prinzipien können nur scheinbar verändert werden, ihre Quellen liegen außerhalb des formalen Verfassungstextes. Wenn man diese Basis ändert, würde man das Land liquidieren und die Letten ohne Lettland zurückzulassen.

STANDARD: Wie weit reicht die Polarisierung der Bevölkerung?

Berzins: Es hat bisher keine offenen Bekundungen von Intoleranz gegeben, und ich bin sicher, dass es nach wie vor keine ernsthaften Konflikte in den Beziehungen der ethnischen Gruppen zueinander gibt. Versuche, das zu ändern, kommen nur von Leuten, die versuchen, aus einer Eskalation politisches Potenzial zu schlagen. Das ist unmoralisch und unverantwortlich. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen in Lettland weiser sind als die Urheber solcher politischer Initiativen.

STANDARD: Wie erklären Sie sich, dass es trotz der Gegensätze nie zu Gewaltausbrüchen kam?

Berzins: Die Erklärung ist sehr einfach: Lettland war immer schon ein multiethnisches Land, und wir sind stolz auf diese Tradition. Die Fähigkeit, mehr als nur eine Sprache zu sprechen, verschafft uns Vorteile, zum Beispiel in den Wirtschaftsbeziehungen sowohl mit der Europäischen Union als auch mit der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

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Spache als Kulturgut ist SEHR ambivalent...

Spache entzweit Kulkturen, entzweit Menschen und stellt eine der größten Barrieren unserer globalisierten Welt überhaupt dar.

Wozu mit einer bestimmten Sprache identifizieren? Haben wir uns seit der Regelung der Sprache zu kulturlosen Wilden entwickelt? Oder trauert irgendwer den Sprachen nach, die sich entwickeln hätten KÖNNEN hätte man deutsch nicht begonnen zu reglementieren? dann hätten wir ein kärtnerisch, ein steirisch, ein tirolerisch - alles eigenständige Sprachen (und Kulturgüter). das wäre toll? Ja, Sprachen sind Kulturschatz, aber zeiten ändern sich und man sollte auch loslassen könnne und den vorteil sehen, den eine einheitssprache bringt.

Es würde mich schon sehr interessieren, ob einer der vielen Poster die jetzt hier nach "Minderheitenrechten" schreien, die Situation in Lettland tatsächlich aus eigener Erfahrung kennen. Was würden Sie sagen, wenn Österreich nach dem Krieg von der Sowjetunion besetzt worden wäre, in großem Stil Russen zum Zwecke der Russifizierung angesiedelt worden wären und jetzt die gleiche Frage zur Abstimmung käme?
Ich (Österreicher) kenne das Baltikum sehr gut und kann die Einstellung der (ethnischen) Letten sehr gut nachvollziehen. Das hat nichts mit Nationalchauvinismus zu tun, sondern mit dem Gefühl, seine Identität bewahren zu wollen. Und dafür habe ich aus psychologischer Sicht vollstes Verständnis.

@froilein froilein

Ich kenne die Geschichte meines Landes, ich kenne die gegeben Tatsachen und damit verbundenen Probleme. Meine Erwartungen muss niemand erfüllen....bevor Sie über mich, oder über meine Heimat urteilen sollten Sie die Gesamte Geschichte anschauen.

Russisch als zweite Amtssprache

stellt niemals ein Problem für die Letten dar, es würde Dinge nur vereinfachen. Zusätzlich könnten sich die Letten loben doch etwas "anders", "besser" zu sein - und nicht voller Hass und ständig in der Vergangenheit lebend!
Die Schweiz hat vier Amtssprachen und eine davon, Rätoromanisch, ist gedacht für eine Minderheit von gerade einmal 0,5%.
Die Probleme nach diesem Referendum werden sich im Laufe der Zeit auswachsen, gleich wie in der Ukraine in der ja nahezu 75% der Bevölkerung ukrainisch sprechen. Auch wenn die ofiziellen Zahlen falsch sind und in Wirklichkeit mehr als 2/3 russisch sprechen. Es führt zu Hass und zu Analphabeten: fast niemand dieser 2/3 spricht und schreibt ukrainisch fehlerfrei. Und eine Spaltung des Landes rückt näher!

Super na dann wäre in Österreich auch türkisch als zweite Amtssprache

Ideal dann auch gleich noch Slowakisch als Amtssprache und Farsi, Ägypter gibts auch genug und Urdu a und Chinesich dann wärn wir bei sieben Amtssprachen mit drei Schriftsystemen.

Was glauben sie wieso Amtssprache, Amtssprache heißt und wieso es Vorteilhaft ist nur eine zu haben.

Es wäre die vierte nach deusch, slowenisch und kroatisch.

Die lettischen

Nationalchauvinisten verfolgen ja auch keine integrativen Ziele, sondern eine Strategie der Vertreibung der Russen mit administrativen Mitteln und Maßnahmen ...!

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Das Baltikum als faschistoid zu bezeichnen ist eine ungehörte frechheit, nutzen Sie bitte Ihre Fähigkeit zu lesen und informieren Sie sich. Unfassbar...Sie sollten sich schämen.

Informieren Sie sich, aber wahrscheinlich sind Sie desselben Geistes Kind!

Die Lettische Kultur wird niemandem aufgezwungen....keiner ist gezwungen die zu leben und zwar keiner. Ich spreche unter anderem Lettisch, Russisch und Deutsch. Ich habe also kein Probelem damit auch andere Sprachen zu lernen. Warum kann ich nicht erwarten, dass jemand, der in Lettland geboren und aufgewachsen ist, die Landessprache erlernt. Das ganze Thema wird übertrieben politisiert, der Alltag schaut ganz anders aus. Über ein Thema, wo ich mich nicht auskenne, würde ich mich niemals äußern, was ich hier zu lesen bekomme ist teilweise unglaublich. Die meisten haben einfach keine Ahnung, aber auch das ist zulässig....

Offenbar

gibt es in Lettland mehrere Landessprachen.

Und genau darum geht es ja: ob die Lettischsprecher ihre Sprache als Staats- und Amtssprache absolut setzen können, oder ob nicht der Sprache der größten Minderheit des Landes die gleichen Rechte einzuräumen sind.

Wenn man sich euren Präsidenten dazu anhört, dann zwingt sich einem der Eindruck auf, es mit einem nationalchauvinistischen Paranoiker zu tun zu haben.

Stellen Sie sich vor, die Schweiz hat vier Amtssprachen, Südafrika elf und Bolivien gar sechsunddreißig und trotzdem ist in diesen Ländern die Welt noch nicht untergegangen.

Bei euch muss es dabei wohl noch um was anderes gehen...!

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österreich hat jahrelang wegen einiger zweisprachiger ortstafeln gestritten, und das, obwohl die slowenen in kärnten die eigentliche urbevölkerung bilden. die russen sind zum überwiegenden teil erst nach dem 2.wk eingewandert, und lettland war ein besetztes land. ratschläge aus österreich, und seien sie auch gut gemeint, sind abzulehnen.

Tja, die Deutschkärntner wollten den Slowenen halt diese Rechte aus demselben Grund verweigern, weshalb die Letten sie den Russen verweigern. Kärnten wurde zweimal von Jugoslawien mit der Absicht des Landraubs angegriffen. Im Gegensatz zu den Russen sind die Jugoslawen aber gescheitert. Die ethnischen Russen in Lettland sollten trotzdem ungeachtet der geschichtlichen Ereignisse ebenso wie die kärntner Slowenen als vollwertige Bürger anerkannt werden.

Russisch ist dort eine Landessprache

nachdem 1/3 der Bevölkerung russischsprachig ist.
Das haben sie als lettin zur Kenntnis zu nehmen.
Dh, die russischsprachige Bevölkerung beherrscht die Landessprache und somit sind ihre "erwartungen" erfüllt.:-)
Offenbar kennen sie sich mit Minderheitenrechten nicht aus- wieso äußern sie sich also dazu?

Paldies

In den baltischen Staaten hatten Hitlers Schlächter leichtes Spiel

und das wirkt bis heute nach!

aus welchen ländern wurden die nazimörder rekrutiert? wenn ich mich richtig erinnere,war österreich ein teil dieser nazibande. oh, dasland hat ja gar nicht mehr existiert, deshalb: unschuldig!

bitte, sei nicht selbstgerecht.

Diese Aussage stimmt, was den Part mit der Vergangenheit betrifft, sogar zum Teil, da die Deutschen zuerst als Befreier von den Russen gesehen worden sind.

Es stimmt aber im Bezug zu heute nicht mehr, da z.B. die Heldenmärsche auch unter massiven Protesten stattfinden. Aber dieser Aspekt wird ja hier leider auch (so scheint es mir zumindest) zu gerne verschwiegen.

PS: Österreich sollte was die politische Richtung angeht übrigens ein bißchen vorsichtig sein, und nicht unbedingt mit dem Finger auch andere zeigen, solange man noch (zumindest in bestimmten Landesteilen) einen so widersprüchlichen Politiker wie Jörg Haider verehrt.

http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3... 6rg_Haider

In den 1930ern war in Lettland ein gewisser Herr Päts an der Macht.

Lettland war ab Mitte der 30er Jahre ein Naziland.
Die drei baltischen "Staaten" galten als Kornkammer Deutschlands (Estland: Ulmanis, Litauen: Smetona).
Die waren quasi ins Deutsche Reich integriert. Der Herr Alfred Rosenberg(s) war halber Lette, halber Este und wurde zum Chefideologen der Nazis.
Da gab es engste ideologische und wirtschaftliche Verflechtungen- die durch die "Heim ins Reich"-Aktion der Deutschen unterstrichen wurden.

Das Baltikum war in den 30erJahren Naziland- lange bevor es 1941 in die SU ingegliedert wurde. Insofern ist das Märchen von der "Befreiung" absurd. Die waren ja schon vorher Nazis und wurden es nicht erst, als sie "befreit" wurden. Das Baltikum ist das erste besiegte Nazigebiet.

Übrigens... nur mal so... wollte ich eigentlich gar nicht ansprechen, aber OK...

Ahnung haben Sie echt keine. Konstantin Päts war in Estland.

Der in Lettland war Ulmanis.

Aber schön, daß Sie hier mit... wasauchimmer.

Päts war kein Nazi. Und die Okkupation fand 1940 statt.

Lernens Geschichte...

Das Baltikum ist und bleit trotz der für die österreichischen Medien vorgespielten Toleranz höchst faschistoid.

Nicht nur, dass die russische Minderheit über keinerlei Rechte verfügt (geschweige denn 2- sprachige Ortstafeln), nein es werden auch noch ganz offen die "Heldentaten" des Zweiten Weltkriegs gewürdigt.

Alle drei baltischen Staaten haben im Weltkrieg die schwersten Verbrechen begangen, so meldete Lettland schon vor Ankunft der Wehrmacht, dass es "Judenrein" sei. Baltische Einheiten haben im Rahmen der SS und der "Sonderkommandos" am schlimmsten gewütet und sind für den Tod von Millionen verantwortlich.

Das sollte man bedenken bevor man sich die Frage stellt warum Stalin mit ihnen nicht ganz so nett umgegangen ist.

Komisch an dieser Aussage ist nur, dass bevor die Deutschen kamen, Lettland schon von den Russen besetzt war. Somit fielen diese Säuberungen auch schon unter russische verantwortung.

Wobei... diese Stalin-Apologie ist schon bemerkenswert...

Weil es in Lettland während des Zweiten Weltkriegs zur Kollaboration mit Nazideutschland gekommen war, die das Land zu diesem Zeitpunkt besetzt hatten, nachdem es zuvor bereits von der Sowjetunion besetzt war, ist "Stalin nicht ganz so nett" mit den Letten dort umgegangen?

Also, jetzt wird es aber ganz verquer.

Auf der einen Seite soll sich Lettland schon VOR Ankunft der Wehrmacht 'judenrein' erklärt haben, während es auf der anderen Seite WÄHREND der deutschen Besatzung zu breiter Kollaboration bei der Vernnichtung von ca. 70.000 Juden gekommen ist.

Also ... bitte... was denn nun?

Natürlich ist der zweite Teil korrekt. Wobei allerdings die Sowjets schon vorher, 1940/41, einen guten Teil der Juden über die Klinge springen ließen...

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