Christie's-Europachef im Gespräch über die jüngste (Rekord-)Bilanz sowie neue Kundengruppen und Märkte der Zukunft
Wenn Jussi Pylkkänen seine Berufslaufbahn Revue passieren lässt, dann
hat der "Fourtysomething" Geschichten parat, die aus gegenwärtiger
Perspektive wie eigentümliche Episoden wirken. Um die Mitte der 1980er,
als er direkt nach seinem Studium in Oxford bei Christie's zu arbeiten
begann, und Post aus Kontinentaleuropa im Tagesgeschäft mehr oder
weniger als Problem eingestuft wurde, damals, als sein direkter
Vorgesetzter etwa anzweifelte, dass jemand mit einem finnischen Namen in
einem britischen Unternehmen überhaupt Karriere machen könne - von
wegen.
Die zunehmende Internationalisierung des Marktes spiegelt sich nunmehr
auch in der Nationalität der Mitarbeiter wider, mittlerweile ist nur
einer von vier im Londoner Headquarter gebürtiger Brite.
Und Jussi? Seine Aufgabenbereiche wechselten im Laufe der Jahre. Für die
Sparte Impressionist & Modern Art initiierte er beispielsweise die
Gründung des Bereichs German & Austrian Art. Nun fungiert er als
Präsident und Chairman für Europa, den Mittleren Osten, Russland und
Indien. Insofern blättert er dieser Tage zufrieden in der jüngst
veröffentlichte Bilanz. Der Jahresumsatz 2011 fiel mit 5,7 Milliarden
Dollar in Rekordhöhe aus, und Europa behauptete seine Stellung als
relevante Verkaufsregion im internationalen Match. Konkret stieg der
Umsatz um 25 Prozent auf stattliche auf 2,2 Milliarden Dollar. Der
Anteil Amerikas lag bei 1,9 Milliarden (-3 %) gefolgt von 854 Millionen
(+11%), die Asien und der Nahe Osten beisteuerten.
Zum Verkauf nach Europa
London profitiert von der Attraktivität als Zweitwohnsitz unermesslich
reicher Asiaten oder Russen, einer neuen Klientel, die das Sammeln von
Kunst für sich entdeckt hat und sich das sogar in den höchsten
Preisklassen leisten kann. Und das erklärt vielleicht auch, warum
amerikanische Sammler, die sich über eine Neuausrichtung ihrer
Kollektion von begehrenswerten Kunstwerken trennen, dies bevorzugt via
London tun, schildert Pylkkänen.
Sheldon Solow ist nur einer von vielen solcher Klienten. In seinem
Auftrag versteigerte Christie's diese und vergangene Woche drei
Kunstwerke im Gegenwert von mehr als 57 Millionen Pfund bzw. umgerechnet
68,61 Millionen Euro insgesamt. Darunter eine Skulptur von Henry Moore
und Francis Bacons Portrait Henrietta Moraes (siehe Artikel "16 Bilder
ohne Affäre"), zwei Werke, für die Jussi Pylkkänen selbst gerne ein
Vermögen verprasst hätte, so er über ein solches verfügen würde.
Eine andere Gruppe von Klienten bevorzugt hingegen zunehmend eine
diskrete Geschäftsabwicklung, konkret die abseits öffentlicher
Versteigerungen hinter den Kulissen der Auktionshäuser vermittelten
Besitzerwechsel.
Die Zuwächse in diesem Private-Sale-Segment sind beeindruckend: allein
in den letzten zwölf Monaten um stolze 50 Prozent auf 808,6 Millionen
Dollar. Gemessen am Gesamtumsatz liegt der Anteil dieses lukrativen
Spielbeins aktuell bei 14 Prozent, und Jussi Pylkkänen prognostiziert
hier eine Verdoppelung innerhalb der nächsten drei Jahre. Parallel dazu
wird die Präsenz in neueren Märkten intensiviert, demnächst etwa in
Indien, wo man seit 1994 über eine Repräsentanz in Mumbai und jetzt über
eine (noch jungfräuliche) Handelslizenz verfügt. (kron / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)