"Der Exotik-Bonus ist für mich ein Privileg"

Interview21. Februar 2012, 06:15
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Der frisch gekürte Chamisso-Preisträger Michael Stavarič über das Aufwachsen in zwei Sprachwelten, Austriazismen und Doppelstaatsbürgerschaften

"Autoren, die aus anderen Ländern kommen, vermögen die deutsche Sprache zu bereichern", sagt Michael Stavarič, der am 11. März in München den Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen bekommt. Der Preis richtet sich an Autoren nichtdeutscher Muttersprache, 2008 hat Stavarič bereits den Chamisso-Förderpreis erhalten. Warum er sich wünscht, dass jeder Österreicher eine Doppelstaatsbürgerschaft hat, er auf Tschechisch flucht und er sich nicht als "Shootingstar" der Literaturszene versteht, erzählte er Marie-Theres Egyed.

derStandard.at: Der Chamisso-Preis wird Autoren verliehen, die nicht deutscher Muttersprache sind, aber auf Deutsch publizieren. In der "Frankfurter Rundschau" wurde der Preis als "einstiger Gastarbeiterpreis" bezeichnet. Wie würden Sie den Preis umschreiben?

Stavarič: Für mich ist das überhaupt kein "Gastarbeiterpreis". Natürlich ist die Ehrung damit verbunden, dass sie nichtdeutschen Muttersprachlern zuteilwird. Allerdings, diese bringen Innovationen in die deutsche Sprache ein, die von heimischen Autoren gar nicht erbracht werden können – weil diese eben nicht in zwei Sprachwelten aufgewachsen und sozialisiert worden sind.Das ist aber etwas unglaublich Wichtiges für die gesamtdeutsche Literatur: Autoren, die aus anderen Ländern kommen, vermögen die deutsche Sprache zu erneuern und zu bereichern. Es geht hier um Intonationen, die Art und Weise, wie Grammatik angewandt wird, oder einfach auch nur um Satzstellungen, den Duktus etc. Es sind vielleicht jeweils nur Kleinigkeiten, doch summa summarum nehmen sie Einfluss auf die gesamtdeutsche Literatur.

derStandard.at: In einem Interview sprechen Sie von einem Exotik-Bonus von Schriftstellern mit nichtdeutscher Muttersprache. Wie sehr beeinflusst das Ihre schriftstellerische Identität?

Stavarič: Den Exotik-Bonus verstehe ich als eine Art Privileg: Ich fand es immer schon unglaublich bereichernd, mit zwei Muttersprachen aufzuwachsen. Allerdings, die wenigsten Autoren mit nichtdeutscher Muttersprache haben ihre Heimat aus freien Stücken verlassen. So gesehen verbergen sich immer sehr spannende Biografien dahinter von Menschen, die vielleicht den einen oder anderen Tick mehr zu erzählen haben.

derStandard.at: Wie stark spielt Ihre eigene Geschichte in Ihren Werken mit?

Stavarič: Das betrifft vermutlich andere Biografien mehr als meine eigene. Ich würde das Verlassen der damaligen Tschechoslowakei in meinem Fall nicht als Trauma bezeichnen, vielmehr als Zäsur. Es war allerdings dennoch eine sehr aufregende Zeit, von einem Tag auf den anderen galt es, die Muttersprache abzulegen und sich in einer neuen Sprache zu akklimatisieren. Ich habe sehr schnell einen passiven Wortschatz erlernt, aber ich habe Jahre gebraucht, bis ich genauso gesprochen habe wie die anderen Kinder und Jugendlichen.

derStandard.at: War es auch schwierig, mit zwei Sprachen aufzuwachsen?

Stavarič: Ja. Vor allem dann, wenn man mit seinen Eltern die Muttersprache weiterhin pflegt, hat man jeden Tag eine neue Auseinandersetzung mit den Sprachsystemen an sich zu führen. Ich glaube schon, dass dies manchmal das Erlernen der neuen Sprache nicht gerade erleichtert. Aber in mir hat es etwas bewegt, eine Sensibilisierung für Sprache mit sich gebracht, und wahrscheinlich habe ich dank dieser Ereignisse relativ schnell das Gefühl gehabt, eine Geschichte erzählen zu wollen. Wenn ich nur Deutsch als Muttersprache gehabt hätte, würde ich meine Bücher wohl ganz anders konzipieren.

derStandard.at: Sie sind mit sieben Jahren nach Österreich gekommen. Wie gut können Sie sich daran erinnern?

Stavarič: Es war alles in allem eine Reise, von der Tschechoslowakei über Ungarn nach Jugoslawien. Meine Eltern haben sich spontan entschieden, die Flucht zu wagen. Wir waren quasi im Badeurlaub, meine Eltern wussten selber nicht genau, ob wir tatsächlich bis Österreich kommen. Uns Kindern wurde nichts gesagt. Für mich war es wie zu Hause einzuschlafen – und in einer völlig neuen Welt aufzuwachen. Es war wohl wie ein riskantes Umtopfen einer Pflanze. Für mich war es schon schwer, all meine Freunde von einem Tag auf den anderen zu verlieren. Das mit sieben Jahren zu verdauen und gleichzeitig einen Neustart hinlegen zu müssen, das ist schon nicht einfach. Ich war natürlich am Anfang in Österreich sehr isoliert.

derStandard.at: Wie funktioniert für Sie als Übersetzer der Wechsel zwischen den Sprachen?

Stavarič: Als Kind habe ich eine Art Zwischenstufe gebildet, wenn ich mit meiner Schwester sprach. Wir haben tschechische Endungen an deutsche Wörter angehängt. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, doch ist es etwas, was viele in der Fremde pflegen, dass sie eine Art Zwischensprache für sich erfinden. In meinem Fall: nicht mehr Tschechisch, aber noch nicht Deutsch! Das Entscheidende, um Deutsch zu erlernen, ist, seine eigene Muttersprache halbwegs zu beherrschen. Insofern würde ich jedem Jugendlichen mit Migrationshintergrund empfehlen, Kurse in seiner Muttersprache zu belegen und später lieber die Muttersprache zu studieren. Das bringt automatisch ausgezeichnete Deutschkenntnisse mit sich.

derStandard.at: Und wie ist es heute, wenn Sie zwischen den Sprachen wechseln: Denken Sie auf Deutsch, träumen Sie auf Tschechisch?

Stavarič: Das kommt auf die Umstände an, Tschechisch ist für mich nach wie vor eine sehr emotionale Sprache. Ich fluche gerne auf Tschechisch, und wenn ich Selbstgespräche führe, dann sind die natürlich auch in Tschechisch. Wenn ich aber lange Zeit nur Deutsch gesprochen habe und irgendwann wieder in Tschechien bin, merke ich schon, dass ich mich umgewöhnen und dass sich meine Zunge irgendwie erst akklimatisieren muss. Auch beim Übersetzen merke ich oft, wie schwer es fallen kann, Entsprechungen zu finden. Es ist schon auch alles eine Frage der Übung – und der intensiven Konfrontation mit einer Sprache. Beim Träumen ist es nicht einheitlich, da kommt es auf die Außenreize an. Wenn ich in Tschechien bin oder einen tschechischen Film sehe, dann träume ich eher auf Tschechisch.

derStandard.at: Von Ihrem Mentor Jiří Gruša stammt das Zitat: "Meine Befreiung kam durch das Schreiben außerhalb der eigenen Sprache. Ich bin ein Beweis dafür, dass die Herkunft nicht die Zukunft bestimmt." Trifft das auch auf Ihren eigenen Weg zu?

Stavarič: Dass die Herkunft nicht die Zukunft bestimmt, ist etwas Maßgebliches. Egal, woher man kommt, letztendlich ist alles offen. Ich frage mich oft selbst, was passiert wäre, wenn ich in der Tschechoslowakei geblieben wäre, ob ich dann überhaupt zu schreiben begonnen, ob ich ein ganz anderes Leben geführt hätte. Aber es ist gar nicht so wichtig, sich ständig Gedanken über seine Herkunft zu machen, vielmehr ist es entscheidend, wie und wo man lebt. Man kann überall zu Hause sein, Heimat ist nicht unbedingt an einen einzigen Ort gebunden. Gruša hat das immer sehr pointiert zustande gebracht, eines seiner Bücher heißt bezeichnenderweise "Glücklich heimatlos". Ich glaube sehr wohl daran, dass man auch ohne "Heimat" glücklich sein kann.

derStandard.at: In Österreich werden Sie dennoch als heimischer Schriftsteller wahrgenommen. Wie stehen Sie zu der Zuordnung?

Stavarič: Seit ich vermehrt mit deutschen Verlagen zusammenarbeite, merke ich, dass ich absolut ein österreichischer Schriftsteller bin. Ich spreche und schreibe kein "Bundesdeutsch". Nicht zuletzt fällt mir das immer dann auf, wenn die deutschen Lektoren meine vielen Austriazismen korrigieren wollen. Ich mag diese kleinen österreichischen Eigenheiten sehr gerne und versuche diese zu bewahren – in diesen österreichischen Eigenheiten erkenne ich auch viele Slawische. Mich amüsieren allerdings meine Wikipedia-Einträge: Im Deutschen werde ich als österreichisch-tschechischer Schriftsteller geführt, im Tschechischen als tschechisch-österreichischer Autor bezeichnet.

derStandard.at: Sie haben selbst einmal gesagt, dass Sie gerne die Doppelstaatsbürgerschaft hätten. Wieso?

Stavarič: Ich finde, die Doppelstaatsbürgerschaft ist ein Bekenntnis, dass man sich eben zwei oder mehreren Ländern verbunden fühlt. Ich würde mir wünschen, dass jeder Österreicher eine Doppelstaatsbürgerschaft bekommt und sich hierzu eines seiner Nachbarländer aussuchen muss. Ich glaube fest daran, dass man mit der Zeit eine andere Perspektive gewinnen würde, eine andere Haltung hätte. Vielleicht auch eine ganz neue Form der Verbundenheit. Ganz im Sinne einer mitteleuropäischen Identitätsstiftung. Doppelstaatsbürgerschaften könnten der Überwindung von Nationalismen dienen. Wiewohl ich natürlich verstehe, dass es technisch gesehen viele Probleme mit sich brächte – wo etwa zahlt man seine Steuern?

derStandard.at: In jedem Artikel werden Sie als Shootingstar der österreichischen Literaturszene bezeichnet. Wie finden Sie diesen Titel?

Stavarič: Mittlerweile furchtbar. Natürlich war es toll, bei meinem ersten Roman als solcher bezeichnet zu werden, doch glaube ich, mittlerweile woanders angekommen zu sein. Ich bin kein Shootingstar, genauso wenig, wie ich mich als Jungautor fühle. Ich bin, was ich bin. (derStandard.at, 21.2.2012)

Michael Stavarič, geb. 1972 in Brno, ist Schriftsteller und Übersetzer. Er kam 1979 nach Österreich und lebt heute in Wien. Zuletzt erschien sein Roman "Brenntage" (C. H. Beck, 2011). Stavarič wurde soeben mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, den er am 11. März überreicht bekommt.

  • "Mich amüsieren allerdings meine Wikipedia-Einträge: Im Deutschen werde 
ich als österreichisch-tschechischer Schriftsteller geführt, im 
Tschechischen als tschechisch-österreichischer Autor bezeichnet."
    foto: robert bosch stiftung/ives noir

    "Mich amüsieren allerdings meine Wikipedia-Einträge: Im Deutschen werde ich als österreichisch-tschechischer Schriftsteller geführt, im Tschechischen als tschechisch-österreichischer Autor bezeichnet."

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