Neue Therapie bei Bewegungsstörungen nach Schlaganfall

17. Februar 2012, 13:32
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Neurophysiologen haben eine Therapie entwickelt, mit der Betroffene alltägliche Fähigkeiten wieder schneller lernen

Köln - Zwei Drittel der Schlaganfall-Patienten leiden auch nach einem Jahr noch an Folgen wie Bewegungsstörungen oder gar Lähmungen. Motorische Fähigkeiten müssen sie erst wieder neu erlernen. Neurophysiologen haben jetzt eine Therapie entwickelt, die den Lernprozess unterstützt und mit der Betroffene alltägliche Fähigkeiten wieder schneller lernen. Mit der sogenannten transkraniellen Gleichstromapplikation senken sie dabei die Aktivität eines Botenstoffs im Gehirn, der den Lernprozess beeinflusst,.

Wie neurophysiologische Methoden und mentales Training Bewegungsstörungen verbessern, diskutieren Experten auf der 56. Jahrestagung von 15. bis 17. März der Deutschen Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) in Köln. Bewegungsstörungen, die ein Schlaganfall häufig verursacht, müssen nicht von Dauer sein. Vielen Patienten gelingt es unter großen Mühen, verlorene Fähigkeiten wieder zu erwerben.

Botenstoffe als Schlüssel zum Lernerfolg

Bewegungen lernt das Gehirn ähnlich wie Vokabeln: "Je länger und intensiver das Lernen stattfindet, desto erfolgreicher ist das Ergebnis", erklärt  Michael Nitsche, Oberarzt der Abteilung Klinische Neurophysiologie an der Universitätsmedizin Göttingen im Vorfeld der DGKN-Jahrestagung in Köln in einer Aussendung. Eine zentrale Rolle im Gehirn spielen dabei die Botenstoffe GABA und Glutamat. Diese beeinflussen das motorische Lernen über die Übertragung an den Synapsen im Gehirn. "Experimente zeigen, dass die Freisetzung von GABA vermindert und glutamaterge Aktivität erhöht werden muss, damit Schlaganfall-Patienten neue Fähigkeiten erlernen können."

Transkranielle Gleichstromapplikation

Um die GABA-Aktivität im Gehirn zu senken und glutamaterge Aktivität zu stärken, eignet sich die transkranielle Gleichstromapplikation. Dabei bringen Neurophysiologen Elektroden an bestimmten Stellen des Schädels an. Optimal ist eine Position nahe dem motorischen und prämotorischen Kortex. Denn hier findet das motorische Lernen im Gehirn statt. Die zweite Elektrode befindet sich im Bereich der Stirn. Zwischen beiden fließt während der Behandlung für 10 bis 20 Minuten ein schwacher Strom. "Dadurch steigt die Bereitschaft des Gehirns, neue Inhalte aufzunehmen", so Peter H. Weiss-Blankenhorn vom Forschungszentrum Jülich. Die Behandlung sei schmerzlos und würde von den meisten Patienten gut vertragen. Wichtig für den Erfolg sei der Zeitpunkt: "Die transkranielle Gleichstromapplikation sollte zeitgleich zu den Übungen des Physiotherapeuten stattfinden. Erfolgt sie vor den Lernaufgaben, bleibt die Wirkung aus", erklärt Nitsche.

Viele Schlaganfall-Patienten lernen zwar neue Bewegungen, könnten sie später aber nicht willentlich abrufen. Mit neurophysiologischen Therapien wie der transkraniellen Gleichstromapplikation hofft die DGKN, die Rehabilitation von Menschen mit Bewegungsstörungen und Lähmungen zu verbessern. Schlaganfall-Patienten hilft dabei auch ein mentales Training, bei dem sie in Gedanken gezielt Bewegungsabläufe abrufen. "Denn die Vorstellung einer Bewegung aktiviert das Gehirn in ähnlicher Weise wie dessen Ausführung", erläutert Gereon R. Fink, Kongresspräsident der Jahrestagung. So verbessert das mentale Training das motorische Lernen während der Physiotherapie. Auf dem Kongress der DGKN vom 15. bis 17. März 2012 in Köln berichten Experten über erste Therapieerfolge, sowie über den Erfolg neurophysiologischer Methoden in der Behandlung von Schlaganfallpatienten. (red)

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