Schweigsame Menschen, sprechende Steine: Büchner-Preisträger Walter Kappacher schickt in "Land der roten Steine" einen alternden Landarzt an den Colorado River
Wenn jemand Wessely heißt und den Gutteil seines Lebens als Gemeindearzt
in Bad Gastein zugebracht hat, und wenn dieser jemand mit einer
befreundet gewesen ist, deren Gedichte Thomas Bernhard "wohlwollend
rezensiert" hat (die Rede ist von Maria Zittrauer), dann scheint in ihm
alles angelegt zu sein, was es für einen Protagonisten eines
sogenannten typisch österreichischen Romans braucht, Rundumschlä-ge
inklusive. Aber naturgemäß zeichnet sich beständige Literatur dadurch
aus, dass sie Erwartbares meidet, Erwartungen unterläuft.
Die Frage, was er vom Leben noch zu erwarten habe, ist es auch, die
Wessely an- und umtreibt. Am Anfang steht für einen gestandenen Arzt
immer die Anamnese, die nicht selten damit einhergeht, Dinge beim Namen
zu nennen, auch wenn das schmerzhaft an den Lebenslügen rührt. Da wäre
im Fall Wessely zunächst einmal die Einsicht, das es still um ihn
geworden ist: "Früher einmal hatte er sogenannte soziale Kontakte
gehabt; irgendwann war ihm klargeworden, dass diese Menschen ihn
langweilten. Ihre politischen Ansichten hatten ihn aufgeregt, sodass er
manchmal eine Runde verlassen musste. Er verstand nicht, wie es möglich
war, dass fast immer das niedrige geistige Niveau über ein höheres
dominierte."
Doch schon der Folgesatz bezeugt, dass wir es hier nicht mit einem
Geistesmenschen Bernhard'schen Zuschnitts zu tun haben: "Seine Gedanken
kreisten beim Spazierengehen manchmal um ein Domizil in Wien, Graz oder
sogar München." Wohin aber soll einer gehen, dem Stifter nicht fremd ist
und der im Grunde weiß, dass er auf der Suche nach bunten Steinen in
Wien vor allem auf Turmalin stoßen wird? Wessely geht weiter weg, viel
weiter, reist in den Südwesten der USA, nach Utah, in den
Canyonlands-Nationalpark, und hofft fündig zu werden im "Land der roten
Steine".
Und tatsächlich überwältigen ihn die Farben und Formen der bizarren
Steinformationen, die prähistorischen Felsmalereien in und um "The
Maze", dem "Labyrinth", in dem er einige Tage verbringt. Es sind
"zeitlose" Tage mit intensiven, zeitweilig metaphysischen Erfahrungen,
die er dort zubringt, wo ihn kein Ariadne-Faden herausführen kann (das
besorgt sein indianischer Tourguide). Tage, die seine "namenlose
Sehnsucht" zwar nicht vollends stillen, aber ihm eine Ahnung davon
vermitteln, was zu tun ist oder zu tun gewesen wäre: "Ein neues Leben,
wie er es sich vor seinem Rückflug in Aufbruchsstimmung erträumt hatte,
schien immer ferner zu rücken. Und wie sollte denn auch ein solches
Leben beschaffen sein? (...) Aber er hoffte, es bliebe ihm noch genügend
Zeit, um in andere Räume einzutreten."
Wie ernsthaft Wessely es nach seiner Rückkehr angehen wird, gegen das
Leben im Konjunktiv anzukommen, bleibt im Roman offen. Was bleibt, sind
schöne Sätze. Derer gibt es im Text so viele, dass man geneigt ist,
selbst jene wenigen, die sich bei näherer Betrachtung als verdächtig
erweisen, nicht weiter infrage zu stellen: "Etwas hatte sich ihm
gezeigt, das doch Materie war, Gestein, Form und gleichzeitig etwas wie
strahlende, rätselhafte Energie. (...) Es zu schauen war wohl das
höchste an Glücksgefühlen gewesen, was er je erlebt hatte, so als hätte
er für einen Moment in das seit Anbeginn verlorene Paradies blicken
dürfen."
Dass der Riss, der durch die Welt und jeden Einzelnen geht, durch
Kontemplation nicht aufzuheben, weil seine Irreversibilität
konstituierend für ihn ist, weiß auch Wessely. Es sind allen voran die
Romantiker gewesen, die sich am radikalsten an dem Überwinden dieser
Entzweitheit versucht haben, und so nimmt es nicht wunder, dass dieser
Roman zutiefst in der romantischen Nachfahrenschaft steht, explizite wie
implizite Verweise gibt es sonder Zahl. Wie schmal aber der Grat
zwischen revolutionärer und reaktionärer Literatur ist, wird anhand der
wechselvollen Romantik-Rezeption deutlich. Beides ist bei Kappacher
zweifellos nicht der Fall, aber sich weit hinauszulehnen, ohne zu
kippen, zählt wohl zur bemerkenswertesten Leistung dieses Buches, auch
wenn sich da und dort die Licet-Frage durchaus stellen ließe.
Es ist ärgerlich, dass der Verlag einem Autor dieses Ranges kein
angemessenes Lektorat zur Seite gestellt hat, dem es nicht entgehen
hätte dürfen, wenn aus Wesselys Tochter Hanne fälschlicherweise
plötzlich seine Enkelin Lisa wird. Aber trotz dieses Schönheitsfehlers
bleibt ein lebenskluger Roman, der die Bildsprachen von Natur und Kunst
geschickt zusammenführt und zur Betrachtung beider ermuntert: "Vor ein
paar Tagen war er beim Blättern in einem Kunstband auf das berühmte Werk
Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle gestoßen: Gottvater und Adam,
in luftigen Höhen schwebend, wie sie versuchen, sich die Hände zu
reichen; beinahe berührten sich ihre Finger. Aber in diesem winzigen
Abstand, so schien es Wessely, war das ganze Dilemma besser als in
Stößen von Gedrucktem für alle Zeit gesagt." Kappacher braucht für das
"ganze Dilemma" gerade einmal 160 kurze Romanseiten. Wer es noch kürzer
will, ist bei Rilke bestens aufgehoben: "Alle Angst ist nur ein
Anbeginn; / aber ohne Ende ist die Erde, / und das Bangen ist nur die
Gebärde, / und die Sehnsucht ist ihr Sinn.
(Josef Bichler / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)