Fürst der zweiten Zeit

17. Februar 2012, 20:14
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Dorotheum & Kinsky: Keine Kooperation zweier Auktionshäuser, sondern die Versteigerung des fürstlichen Hausrats

Das an der Freyung Nummer vier in der Wiener Innenstadt gelegene Palais wurde zwischen 1713 und 1719 von Johann Lucas von Hildebrandt für einen Grafen Daun erbaut. Hinter den Kulissen wechselten die Eigentümer des barocken Blickfangs mehrfach. 1784 war es in den Besitz der gräflichen Familie Kinsky gekommen, deren elfter Fürst es in den 1980er- Jahren verkaufte. Zwischendurch nannten Anton Sitter und Ernst Ploil das Bauwerk ihr Eigen, bis sie es ihrerseits im Februar 1997 für 150 Millionen Schilling an Karl Wlaschek veräußerten.

Franz Ulrich (11. Fürst) behielt - wiewohl der seinen Hauptwohnsitz in Argentinien hatte - im zweiten Stock auf 300 Quadratmetern ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Im Herbst 1999 bekam er Gesellschaft, bezog das Auktionshaus "Wiener Kunst Auktionen" die Bel Etage des Palais. Der spielerischen Einverleibung des klingenden Adelsnamens, u. a. über die Domain www.palais-kinsky.com, folgte 2003 die Umbenennung des Unternehmens in "im Kinsky".

Damit sollten künftig Verwechslungen mit dem Dorotheum, als dem anderen Wiener Auktionshaus, ausgeschlossen werden. Insofern mag es auf den ersten Blick verwirren, wenn nun Dorotheum und Kinsky am 28. Februar zu einer Auktion bitten.

Es lebe die "Modifikation"

Des Rätsels Lösung ist denkbar einfach und hat mit dem Nachlass des im April 2009 verstorbenen Franz Ulrich zu tun, konkret mit dem in seiner Palaiswohnung verbliebenen Mobiliar und anderen Dekorationsgegenständen. Natürlich habe man der Familie angeboten, vor Ort eine Versteigerung in der Art eines "House Sales" abzuhalten, bestätigt Ernst Ploil, einer der beiden Kinsky-Geschäftsführer. Der eine Erbe habe das goutiert, der andere halt nicht. Dem Vernehmen nach sollen internationale Auktionshäuser abgewinkt haben, und so kam schließlich das Dorotheum zum Zug.

Dort gelangen nun rund 330 Positionen zur Versteigerung, die um die 500.000 Euro einspielen sollen. Abgesehen von Highlights wie einer Boulle-Konsolenuhr (40.000-50.000) oder der teilweise vergoldeten Vermeil-Teegarnitur von Klinkosch (40.000-60.000), umfasst das Angebot laut Dorotheums-Experte Alexander Doczy hauptsächlich Objekte der "zweiten Zeit", wie historische Nachahmungen vorangegangener Stile genannt werden. Frei nach dem Motto - es lebe die Modifikation - stößt man hier auch auf "Raritäten": etwa den Ende des 19. Jahrhunderts datierten Couchtisch (800-1.000), einer Säge sei Dank und lange vor der Erfindung dieses Typus in den 1950ern. Ja, und auch der Historismus-Prunkluster von 1860/70 (8.000-12.000) ist bereits elektrifiziert, wiewohl Wiens Privathaushalte überhaupt erst ab September 1902 mit Strom versorgt wurden. (kron  / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

 

  • Für diesen Prunktisch ("Boulle"), Wiener Produktion und um 1840 
zugeschrieben, sind 20.000 bis 30.000 Euro veranschlagt.
    foto: dorotheum

    Für diesen Prunktisch ("Boulle"), Wiener Produktion und um 1840 zugeschrieben, sind 20.000 bis 30.000 Euro veranschlagt.

  • Vergoldetes Erbe: Aus dem Nachlass des Kinsky-Fürstenhauses stammt auch diese 25 Teile umfassende und in der Werkstatt des Wiener Hofgold- und Silberschmieds J.C. Klinkosch ausgeführte Teegarnitur (40.000-60.000 Euro).
    foto: dorotheum

    Vergoldetes Erbe: Aus dem Nachlass des Kinsky-Fürstenhauses stammt auch diese 25 Teile umfassende und in der Werkstatt des Wiener Hofgold- und Silberschmieds J.C. Klinkosch ausgeführte Teegarnitur (40.000-60.000 Euro).

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