Dorotheum & Kinsky: Keine Kooperation zweier Auktionshäuser, sondern die Versteigerung des fürstlichen Hausrats
Das an der Freyung Nummer vier in der Wiener Innenstadt gelegene Palais wurde zwischen 1713 und
1719 von Johann Lucas von Hildebrandt für einen Grafen Daun erbaut.
Hinter den Kulissen wechselten die Eigentümer des barocken Blickfangs
mehrfach. 1784 war es in den Besitz der gräflichen Familie Kinsky
gekommen, deren elfter Fürst es in den 1980er- Jahren verkaufte.
Zwischendurch nannten Anton Sitter und Ernst Ploil das Bauwerk ihr
Eigen, bis sie es ihrerseits im Februar 1997 für 150 Millionen Schilling
an Karl Wlaschek veräußerten.
Franz Ulrich (11. Fürst) behielt - wiewohl der seinen Hauptwohnsitz in
Argentinien hatte - im zweiten Stock auf 300 Quadratmetern ein Wohnrecht
auf Lebenszeit. Im Herbst 1999 bekam er Gesellschaft, bezog das
Auktionshaus "Wiener Kunst Auktionen" die Bel Etage des Palais. Der
spielerischen Einverleibung des klingenden Adelsnamens, u. a. über die
Domain www.palais-kinsky.com, folgte 2003 die Umbenennung des
Unternehmens in "im Kinsky".
Damit sollten künftig Verwechslungen mit dem Dorotheum, als dem anderen
Wiener Auktionshaus, ausgeschlossen werden. Insofern mag es auf den
ersten Blick verwirren, wenn nun Dorotheum und Kinsky am 28. Februar zu
einer Auktion bitten.
Es lebe die "Modifikation"
Des Rätsels Lösung ist denkbar einfach und hat mit dem Nachlass des im
April 2009 verstorbenen Franz Ulrich zu tun, konkret mit dem in seiner
Palaiswohnung verbliebenen Mobiliar und anderen Dekorationsgegenständen.
Natürlich habe man der Familie angeboten, vor Ort eine Versteigerung in
der Art eines "House Sales" abzuhalten, bestätigt Ernst Ploil, einer der
beiden Kinsky-Geschäftsführer. Der eine Erbe habe das goutiert, der
andere halt nicht. Dem Vernehmen nach sollen internationale
Auktionshäuser abgewinkt haben, und so kam schließlich das Dorotheum zum
Zug.
Dort gelangen nun rund 330 Positionen zur Versteigerung, die um die 500.000 Euro einspielen sollen. Abgesehen von Highlights wie einer
Boulle-Konsolenuhr (40.000-50.000) oder der teilweise vergoldeten
Vermeil-Teegarnitur von Klinkosch (40.000-60.000), umfasst das Angebot
laut Dorotheums-Experte Alexander Doczy hauptsächlich Objekte der
"zweiten Zeit", wie historische Nachahmungen vorangegangener Stile
genannt werden. Frei nach dem Motto - es lebe die Modifikation - stößt
man hier auch auf "Raritäten": etwa den Ende des 19. Jahrhunderts
datierten Couchtisch (800-1.000), einer Säge sei Dank und lange vor der
Erfindung dieses Typus in den 1950ern. Ja, und auch der
Historismus-Prunkluster von 1860/70 (8.000-12.000) ist bereits
elektrifiziert, wiewohl Wiens Privathaushalte überhaupt erst ab
September 1902 mit Strom versorgt wurden. (kron / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)