Nachlese

Deutschlands Bundespräsident Wulff tritt zurück

17. Februar 2012, 14:21
  • Artikelbild
    foto: apa/gambarini

    Christian Wulff vor der Presse.

  • Die Rücktrittserklärung zum Nachschauen.

  • Artikelbild
    vergrößern 600x379

    Wordle der Rede.

Seehofer übernimmt interimistisch als Präsident - Bundeskanzlerin Merkel sucht parteiübergreifend nach Nachfolger

Berlin - Zum zweiten Mal binnen knapp zwei Jahren hat ein deutscher Bundespräsident sein Amt vorzeitig aufgegeben. Mit seinem Rücktritt reagierte Bundespräsident Christian Wulff am Freitag in Berlin auf die Entscheidung der Staatsanwaltschaft Hannover, die Aufhebung seiner Immunität wegen des Verdachts auf Vorteilsnahme zu beantragen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bot SPD und Grünen an, gemeinsam über einen Nachfolgekandidaten zu beraten.

Deutschland benötige einen Präsidenten, "der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird", sagte Wulff in seiner Rücktrittserklärung in Schloss Bellevue. "Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses Vertrauen und damit meine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt sind." Deshalb könne er das Amt nicht mehr so wahrnehmen, "wie es notwendig ist".

Merkel sucht "gemeinsamen Kandidaten"

Union und FDP wollten auf SPD und Grüne zugehen und "Gespräche führen mit dem Ziel, in dieser Situation einen gemeinsamen Kandidaten für die Wahl des nächsten Bundespräsidenten" vorzuschlagen, sagte Merkel im Anschluss an Wulffs Rücktritt gegenüber den Medien. FDP-Chef Philipp Rösler kündigte an, die Koalition werde sich zunächst auf einen Kandidaten verständigen "und danach auf die anderen Parteien zugehen". Nach Angaben aus Koalitionskreisen war zunächst ein Treffen der Parteispitzen von CDU, CSU und FDP für Samstag geplant.

Bei der Suche nach einem Nachfolger will die Kanzlerin damit offenbar von ihrem früheren Vorgehen in solchen Fällen abweichen. Hatte sie Wulff und dessen ebenfalls vorzeitig zurückgetretenen Vorgänger Horst Köhler noch gegen die Opposition durchgesetzt, strebt sie nun eine Konsenslösung mit der SPD und den Grünen an.

SPD "bereit für Neuanfang"

Die beiden Oppositionsparteien begrüßten Merkels Angebot. "Die SPD steht bereit für einen Neuanfang", sagte Parteichef Sigmar Gabriel zu bild.de. SPD und Grüne warnten allerdings die Regierungskoalition vor einer "Vorfestlegung auf einen Kandidaten", wie der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, sagte. Die Linke, die Merkel in ihrer Ankündigung einer parteiübergreifenden Kandidatensuche nicht genannt hatte, forderte ein Mitspracherecht. Laut Regierungssprecher Steffen Seibert sieht die Kanzlerin allerdings keine ausreichende Basis dafür. Die Koalition wolle auf jene Oppositionsparteien zugehen, "mit denen es die größten Übereinstimmungen in den politischen Grundüberzeugungen gibt", hieß es am Freitag in Berlin.

Wulff zeigte sich in seiner Rücktrittserklärung überzeugt, dass die bevorstehende rechtliche Klärung der Vorwürfe "zu einer vollständigen Entlastung führen wird". Er habe sich in seinen Ämtern "stets rechtlich korrekt verhalten", versicherte er. "Ich habe Fehler gemacht, aber ich war aufrichtig." Kritik übte Wulff an den Medien: "Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt."

Kein Schutz vor Strafverfolgung

Mit seinem Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten genießt Wulff auch keinen besonderen Schutz vor Strafverfolgung mehr. "Mit dem Ende der Amtszeit ist die Immunität aufgehoben", sagte ein Sprecher des Justizministeriums am Freitag in Berlin. Das gelte unabhängig vom Grund für das Ende der Amtszeit. Damit habe sich auch der Antrag auf Aufhebung der Immunität erledigt, fügte der Ministeriumssprecher hinzu.

Nach Wulffs Rücktritt übernahm Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in seiner Eigenschaft als Präsident des Bundesrats automatisch kommissarisch die Amtsbefugnisse des Bundespräsidenten. Die im Grundgesetz vorgesehene Vertretungsregelung gilt so lange, bis ein neuer Präsident sein Amt angetreten hat. Um diesen zu wählen, muss binnen 30 Tagen die Bundesversammlung zusammentreten.

Die Nachfolge-Kandidaten

Als aussichtsreiche Nachfolger für das Amt des Bundespräsidenten werden gehandelt: Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Finanzminister Wolfgang Schäuble, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (alle CDU) und der 2010 gegen Wulff unterlegene frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck. Auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, wurde genannt.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte am Vorabend beim Bundestag die Aufhebung der Immunität Wulffs beantragt, um ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher Vorteilsannahme einleiten zu können. Es geht dabei um Wulffs Beziehungen zu dem Filmproduzenten David Groenewold. Dieser soll Berichten zufolge unter anderem 2007 dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten einen Sylt-Urlaub bezahlt haben. Es war das erste Mal, dass die Immunität eines deutschen Staatsoberhaupts aufgehoben werden sollte.

Unterdessen berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Voraus, die deutsche Finanzaufsicht BaFin prüfe auch die Rolle Wulffs beim Übernahmekampf der Autobauer Volkswagen und Porsche. Es geht dabei um einen möglichen Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz, da Wulff sein Wissen um die Pläne Porsches bezüglich VW nicht in einer Ad-hoc-Meldung - einer Börsen-Pflichtmitteilung - öffentlich gemacht hatte. (APA/Reuters)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 475
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
was ist real?
00
18.2.2012, 17:37
Most wantet! Germany`s next Top-Unterschriftensetzer

"Die Furchen im Gesicht von unserer Kanzlerin waren tief. Zu vermuten wäre, sie wusste, dass Christian Wulf jeden Vertrag unterschrieben hätte, um im Amt bleiben zu können – auch die wirr zusammen gezimmerten ESM-Verträge und weitere Freischeine zur Plünderung der deutschen Staatskassen zum Wohle der EU"

http://info.kopp-verlag.de/hintergru... usste.html

Wolfgang Pimminger
 
10
18.2.2012, 08:53
Na bravo, die Liste der möglichen Nachfolger ist ja lustig

Die Hälfte von denen schafft's dann wohl auch maximal 2 Jahre im Amt zu bleiben *rofl*

es lebe die revolution23
01
18.2.2012, 07:38

der ist einfach abgesägt worden der gute

http://www.godmode-trader.de/nachricht... 62070.html

hatte halt zu gewissen dingen eine andere meinung

Nick Tameer
13
18.2.2012, 08:45

*munkel*,*munkel*,*andeut*,*andeut*,*raun*,*raun*==> bullshit! bullshit!

planck
03
17.2.2012, 22:11
in Österreich gibt es vergleichsweise wenig Korruption

man muß sich nur die Definition von Korruption des Herrn Hochegger zueigen machen.

Mortimer
02
17.2.2012, 22:04

... und hiezulande sehen sogar Verurteilte keinen Grund zum Rücktritt (Westi, Uwe) ...

FalscherProphet
01
18.2.2012, 04:55
...und die FPÖ-Verhetzerin

Susanne Winter.

topsy_kretts
00
17.2.2012, 20:13
BILD dir deine Meinung.....

tom timless
 
00
17.2.2012, 20:06
wie auch immer, der wesentliche Unterschied zwischen den Deutschen Nachbarn und uns ist ... Preisfrage

Schwanz der Vampire
20
17.2.2012, 23:00
...vielleicht die Arroganz der Piefkes???

FalscherProphet
01
17.2.2012, 21:01
...trotzdem noch die

Rück-tritts-kultur.

hm tata
02
17.2.2012, 18:46
möchte nicht in der haut von der merkel stecken

was die in ihrer amtszeit für einen präsidentenverschleiß hat, sehr verdächtig.

Nick Tameer
00
18.2.2012, 08:48

Wenn sich Kanzlerinnen-Standzeiten durch Präsi-Verschleiß optimieren lassen, ist es doch auch ok.

hm tata
01
17.2.2012, 18:43
ein würdevoller schritt

der mann wusste was zu tun war.
als erster mann im staat darf man sich einfach keine halbwahrheiten erlauben.
bei uns lassen sich nicht einmal verurteilte politiker aus ihrem amt verscheuchen.

don't follow me
02
17.2.2012, 18:27
In Österreich wär so etwas nicht passiert.

Ein Rücktritt wegen solch einer Lappalie..

Maria Johanna
03
17.2.2012, 18:23
Österreich unbestechlich

Herr Wulff hat, nach dem was ihm vorwirft, so wenig genommen, dass er bei uns in Österreich als unbestechlich gelten würde!

glenfiddich
131
17.2.2012, 18:00

Kann mir jemand erklären warum der "Wulff Rücktritt" bei uns in Österreich Hauptmeldung ist?
Haben wir nicht selbst wichtigere Themen? Glaubt jemand die Medien in Deutschland würden sich bei uns, umgekehrt so interresieren? Müssen wir immer zu den Anderen schauen, die angeblich immmer besser sind und in Wirklichkeit genau so sind wie wir? (Schweiz, Deutschland...).

edson arantes do nascimento1
03
17.2.2012, 21:55
glenfiddich
00
18.2.2012, 10:31

War das die Hauptmeldung?!

edson arantes do nascimento1
00
19.2.2012, 22:59
nein, sollte nur zeigen, dass gewisse ereignisse bei

uns durchaus auch schlagzeilen in wichtigen deutschen medien verursachen!

Kowosch
 
01
17.2.2012, 21:09
Ich finde auch, Meldungen über ausländische Politikerrücktritte verderben nur die bewährte österreichische Politkultur!

Nachher kommen die Leute dadurch noch auf dumme Gedanken. Wo kämen wir denn da hin?

"...die angeblich immmer besser sind und in Wirklichkeit genau so sind wie wir?"

Sehr patriotisch (im Sinne bekannter "staatstragender Parteien" ausgelegt), daß Sie diese Berichte aus dem Ausland konsequent ignorieren!

glenfiddich
00
18.2.2012, 10:28

Ich habe nicht gesagt, dass ich keine Meldungen aus dem Ausland möchte!!! Ich habe gesagt dass, es meiner Meinung nicht an erster Stelle stehen muss!

Kowosch
 
00
18.2.2012, 10:34

Ja, vielleicht hätte man lieber mal "das Neuste aus dem Berufungsverfahren gegen Uwe Scheuch" o.ä. an die erste Stelle setzen können. Oder zumindest als einleitenden Bezug verwenden sollen...

Kurzum: Der Neuigkeitswert ergibt sich ja auch aus dem Kontrast zur heimischen Politik, oder?

Außerdem: Was für Nichtigkeiten aus der Welt und Österreich stehen sonst manchmal an erster Stelle?

JackBodegar
00
17.2.2012, 18:12
nicht nur in österreich die top meldung

dann schauen sie mal in italien, frankreich, spanien, schweiz und sogar in der ny times
aber bei einem muss ich ihnen recht geben..wärs in österreich würds keinen interessiern...an was das wohl liegt????????

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 475
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.