Faszination Hacker-Kollektiv

Die romantischen Anonymen

Gastkommentar | 17. Februar 2012, 11:50

Keiner von uns weiß, wie Anonymous funktioniert und welche Ziele es verfolgt. Bewundern tun wir die Hacker trotzdem - Von Lars Mensel

Der Plan muss erprobt gewesen sein: Ein Kabel ausgraben, durchtrennen und beim örtlichen Schrotthändler als Altmetall verkaufen - eine armenische Rentnerin sorgte vergangenes Jahr für Schlagzeilen, als sie mit dieser Aktion zur Aufbesserung ihrer Rente versehentlich ganze Teile Armeniens und Georgiens stundenlang vom Internet abschnitt und offenbarte, wie wackelig die Internetinfrastruktur eigentlich sein kann.

Deutlich komplizierter sind da schon die Pläne, die das Hackerkollektiv Anonymous angeblich im Schilde führt: In einer koordinierten Aktion am 31. März, so eine Nachricht auf der Seite pastebin, soll durch einen gezielten Angriff auf 13 Server das komplette Internet lahmgelegt werden - aus Protest gegen restriktive Internetgesetzgebung und vermutlich auch einer Prise Größenwahn. Denn obgleich bereits Zweifel an der Aktion aufkommen, klingt die Ankündigung sowohl im Umfang als auch in ihrer Tonalität genau nach einem Projekt der Gruppe.

Zwischen Nerdfantasie und V for Vendetta

Über Anonymous ist in den letzten Monaten viel geschrieben worden, und doch bleibt das Kollektiv so nebulös wie sein Name. Irgendwo zwischen Nerdfantasie und V for Vendetta angesiedelt, sorgt die lose Gruppe mit immer neuen Ideen für Diskussion. Die Geschichte von Anonymous und seinen Taten ist dadurch mittlerweile filmreif, zumal sie mühelos zahllose Widersprüche vereint. Das Kollektiv operiert still und leise, jedoch stets mit der Zielsetzung, die größtmögliche Welle der Aufmerksamkeit loszutreten. Dabei bietet es aber weder Bewunderung noch Verachtung eine Projektionsfläche: Anonymous mag unter dem Banner einer bemerkenswert wasserdichten Corporate Identity auftreten und bleibt dennoch klandestin. Seine Symbolik aus kopflosen Anzugträgern, Guy-Fawkes-Masken, einer montonen Computerstimme und dem Slogan "Erwartet uns" ist so verheißungsvoll, dass man sie ungewollt romantisieren muss - und Hacking, ein eigentlich angestaubtes Thema, zurück in den Mainstream rückt. Es ist, als würde urplötzlich wieder mit Graffiti gegen das Establishment gekämpft werden, die Tags auf S-Bahn-Brücken wieder etwas bedeuten und der Großstädter gebannt und regungslos auf die nächste farbige Botschaft warten.

Somit ist das Bemerkenswerte an Anonymous die Tatsache, dass man der Gruppe mittlerweile viel mehr zutraut, als sie vermutlich wirklich vermag. Das Internet ist kein Kabel in Armenien, und allen Medienberichten zufolge sind die Hacker entweder engagierte Teenager oder einzelne Scherzkekse aus Internetforen, die sich langsam immer besser organisiert haben. Die Taten mögen bereits beeindrucken, doch ist es noch zu früh, tatsächlich an eine anonyme Masse zu denken, die des Nachts vor der Kommandozeile sitzt und unser Internet ausschaltet. In der Berichterstattung über die Gruppe steht zwischen den Zeilen dennoch eine vage Bewunderung oder Furcht vor der Unberechenbarkeit des Kollektivs.

Das mag auch daran liegen, dass Anonymous nicht in die grundsätzlichen Kategorien von Gut und Böse passt - die Aktivisten sind beileibe keine Ritter in strahlender Rüstung und kämpfen auch weniger für ein idealistisches Ziel als gegen schlechte Gesetze, unfaire Praktiken und mexikanische Drogenbanden. Für die Zuweisung normaler Attribute fehlen somit schlichtweg einige wichtige Puzzleteile.

Robin Hood mit Kommandozeile

Genau das macht Anonymous aber zu einem leicht chaotischen und dennoch wesentlich effizienteren Robin Hood des 21. Jahrhunderts. Einzelne Hacker mögen in Unterwäsche vorm Laptop sitzen, in unserer Wahrnehmung stehen sie ihm und seiner Bande aus Sherwood Forest wenig nach. Ihre Methoden sind allerdings so undurchsichtig, dass letztlich auch die Analogie zum Graffiti hinkt: Im Gegensatz zur Spraydose hat noch kein Normalverbraucher je eine Kommandozeile bedient, und wir können zweifellos nicht verstehen, wie amerikanische Sicherheitsserver geknackt werden.

Stattdessen denke ich manchmal an die armenische Rentnerin, die mit klammen Fingern das Weltkabel aus dem Boden zieht und mit einer Gartenschere durchtrennt. In der angrenzenden Hauptstadt Jerewan unterbrechen in diesem Moment Telefongespräche und Videokonferenzen, F5-Tasten werden malträtiert und Router aus- und eingeschaltet. Auch dort mag man ans Hackerkollektiv denken: Doch als wenige Tage später eine Metallsammlerin festgenommen wird, versteht man zumindest die technischen Hintergründe. (Lars Mensel, derStandard.at, 17.2.2012)

Autor

Lars Mensel, The European, ist Leitender Redakteur bei The European.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
_oHo_
00
19.2.2012, 12:17
Leider hat der Schreiberling 0-Ahnung.

Dr.Eisenbart
00
19.2.2012, 09:52
Wanderer zwischen den Welten

die Hi-Tech Subkultur hat zudem noch die Eigenschaft selber Teil der Industrie zu sein. Das macht diesen Stil der gelebten Überzeugung für Behörden so schwer zu fassen - so man das überhaupt will....

hmmm8x
10
18.2.2012, 21:48
The European

nope.avi

Orakel von Lissabon
 
31
18.2.2012, 19:17
Typischer Fall von kontrollierter Opposition,

wenn jemand in den Medien permanent viel Aufmerksamkeit erhält, von dem eigentlich gar nichts bekannt ist.

Wers nicht glaubt, der möge einen Test machen: z.B. könnte man ja versuchen, beizutreten.
Ich wette (ohne es selber versucht zu haben), dass das nicht gelingen wird: es wird sich rausstellen, dass diese Gruppe eine abgeschlossene Einheit ist, zu der ein Normalbürger keinen Zutritt hat. Es wird gar keine Möglichkeit geben, beizutreten.

Das scheue Reh
00
19.2.2012, 11:50

Natürlich kann man Anonymous nicht beitreten.

Allerdings ist diese Gruppe keine abgeschlossene Einheit sonder so offen, dass einfach jeder Anonymous sein kann.

Wenn Sie den Typ mit den anonAustria Twitteraccount kennenlernen wollen, dann müssen Sie im Nacktfotos schicken.

Reich sein muss sich lohnen!
00
19.2.2012, 11:43
Sie haben Anonymous nicht verstanden

Anonymous ist kein Verein, bei dem man ein Beitrittsformular ausfüllt und dann vielleicht einen Mitgliedsausweis bekommt und offizielles Mitglied wird.

Anonymous ist eine lose Gruppierung.
Machen Sie bei einer Aktion mit, sind sind sie ein Teil von Anonymous.
Starten Sie selbst eine Aktion, sind sie ein Teil von Anonymous (falls sich genügend andere "Anonymous" anschließen).

Von daher kann man natürlich nicht beitreten, muss man auch nicht. Man macht einfach mit.

mistvieh666
 
03
18.2.2012, 23:09

sie koennen auch nicht dem verein der schachgrossmeister beitreten, sie koennen hoechstens ein schachgrossmeister sein.
kontrollierte und tolerierte opposition ist nicht dasselbe.
anders gesagt:
den eliten ist es selbstverstaendlich recht, dass jede opposition zu ihnen sofort von der palaestina muss befreit werden und auslaender und frauen und tierschuetzergruppe vereinnahmt wird, das jede opposition sofort mit dieser idiotenparty identifiziert wird ist ein stabilitaetsgarant. aber diese einbahn haben nicht die eliten kreiert. manche sachen passieren einfach.

Orakel von Lissabon
 
00
20.2.2012, 14:55
Naja, so elitär sind die Aktionen auch wieder nicht,

dass diese nur von auserwählten durchgeführt werden können.
Habe mir die Homepage von ANON-Austria angesehen und muss sagen, ich bin nicht überzeugt. Man kann mitmachen, aber nur vorgegebene Aktionen.
Die eigentliche Gruppe, die bestimmt, gegen wen welche Aktion durchgeführt wird, bleibt im Dunkeln, hier kann man nicht mitmachen.
Ist ein nettes Instrument, um Massen zu steuern.

Max Arnstein III.
 
00
18.2.2012, 20:32

Den wenigsten Vereinen können Sie einfach so beitreten nur um zu sehen, was dort so vorgeht.

Orakel von Lissabon
 
31
18.2.2012, 22:38
Ja, aber es gibt eine Kontaktadresse oder Telefonnummer,

wo man prinzipiell in Verbindung treten kann.
Bin mir ziemlich sicher, dass es das dort nicht gibt ==> daraus folgt, dass dort keine Normalbürger Mitglied sein können.

Hari Ka
01
18.2.2012, 23:30

Natürlich gibt es Kontaktadresse für Anonymus und es ist sehr leicht bei Anonymus mitzumachen oder sogar eine Aktion als Anonymus zu starten.

Orakel von Lissabon
 
01
20.2.2012, 14:57
Eine Aktion mitmachen

ist nicht dasselbe wie zu planen und zu bestimmen, welche Aktionen überhaupt durchgeführt werden.

Das ist der große Unterschied: man kann mitmachen, um sich steuern zu lassen, man kann aber nicht mitmachen, um zu steuern.

Erwin Wolfram
00
18.2.2012, 15:02
uebersetzung

da existenz und kommunikation ausschliesslich computerdeterminiert sind lese ich in der computersicherheitsfachliteratur die schemen ab nach denen meine artikel gestaltet sind. ich schreibe artikel als denial of service attacke (enthalten garbage ohne realitaet), privilege escalation (nenne ich demokratie wenn ich opfer der justiz generiere), fragmentierungs und buffer overflows (wenn ich ueber die boersen berichte ist es an einem tag nichts wert und an zweiten ohne aenderung mehr)...
ich bin halt korrupt und unfaehig und blind als journalist...

Plaats van Samenkomst
03
18.2.2012, 13:57
"Bewundern tun wir"?

Vor 40 Jahren wurde so etwas in der Volksschule noch rot durchgestrichen!

Pierre d´Aubusson
00
18.2.2012, 13:40

Bewundern tun wir?
Herr Direktor bitte Klassenbuch?

Wenn das das Ergebnis des Internets ist, dann isses besser, man legte es bereits gestern komplett lahm...

= 8-b......
03
18.2.2012, 10:18

wer jemals das Foucaultsches Pendel von Eco gelesen hat, kann sich vorstellen, wie Anonymous in etwa funktioniert. ;-)

Pierre d´Aubusson
01
18.2.2012, 13:37

Ohne richtiges Paßwort?

Harry Meier
 
20
18.2.2012, 03:49
Das ganze Internet lahmlegen halte ich fuer ...

.. ueberzogen, aber wenn man die bekanntesten URLs lahmlegt, kann man schon einiges anrichten.

LCD
00
19.2.2012, 10:43
Man kann das Internet lahmlegen!

man muss nur alle DNS DDoSen oder hacken so dass sie alle Anfragen zu Anonymous-Seite umleiten. Diese sind die Schwachstelle des Internets. Und die Registrare besitzen die Master-Passwörter um alle DNS gleichzeitig mit Daten zu füttern. Das lässt sich automatisieren um alle Einträge nacheinander zu ändern.

hosenwurm
03
18.2.2012, 02:04
Keiner von uns weiß, warum der Autor einen Kommentar zu einem Thema schreibt das er nicht versteht, anstatt sich hinzusetzen um zu recherchieren und lernen.

Lesen tun wirs leider trotzdem.

oft zensiert - nie erreicht
00
19.2.2012, 02:05

stimmt nicht. bei gewissen themen auf derstandard.at habe ich es mir zur angewohnheit gemacht zuerst die erste kommentarseite zu überfliegen und erst danach zu entscheiden, ob der artikel gelesen werden sollte.
hier einmal mehr: next..

mistvieh666
 
00
18.2.2012, 23:14

stimmt.
aber um etwas zu verstehen sind oft die fragen wichtiger als die antworten.
im uebrigen ist es auch schon was, wenn man die leute versteht, die etwas nicht verstehen.

Die SauBär Partei
17
17.2.2012, 20:11
@derstandard.at

Warum veröffentlicht ihr so einen Schmarrn?

Das hat mich jetzt mehrere Minuten Lebenszeit gekostet!

Harry Meier
 
12
18.2.2012, 03:43
Die holen sie locker wieder ein, wenns ein paar

Minuten an der frischen Luft spazieren.

nichtkaefer
00
17.2.2012, 19:54
Robin Hood mit Kommandozeile?

Eher '"lulz" friendly graphical interface' und 'Real Basic' - "echte" Hacker eben ...

http://arstechnica.com/business/... -tools.ars

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