Langzeitstudie

Kaiserschnitt erhöht das Risiko für Typ-1-Diabetes

17. Februar 2012, 10:19

Münchner Studie: Entbindung per Kaiserschnitt wirkt auf Beschaffenheit der kindlichen Darmflora und damit auf das Immunsystem ein

München  - Per Kaiserschnitt entbundene Kinder haben laut einer Studie ein mehr als doppelt so hohes Diabetes-Risiko wie Kinder, die auf natürliche Art zur Welt gekommen sind. Zu diesem Schluss kommen deutsche Forscher in einer im Fachmagazin "Diabetes" publizierten Langzeitstudie.

Die Wissenschafter der Technischen Universität München hatten den Einfluss von Umweltfaktoren auf die Entwicklung der Erkrankung bei 1.650 Kindern aus Risikofamilien untersucht. Die Studienteilnehmer wurden von Geburt an durchschnittlich elf Jahre lang beobachtet.

Laut der Studie haben Kinder, deren Mutter oder Vater an Typ 1 Diabetes erkrankt ist und die per Kaiserschnitt geboren wurden, ein Risiko von 4,8 Prozent, bis zum zwölften Lebensjahr an Diabetes zu erkranken. Dagegen liegt das Risiko von Kindern mit familiärer Vorbelastung, die vaginal entbunden wurden, bei 2,2 Prozent.

Das erhöhte Diabetes-Risiko bei Kaiserschnitt trat unabhängig davon auf, ob es sich um eine Mehrlingsschwangerschaft, Frühgeburt oder um das Erstgeborene handelte. Auch der Geburtsmonat und Rauchen während der Schwangerschaft hatten keinen Einfluss.

Kaiserschnitt beeinflusst Darmflora und Immunsystem

"Eine Erklärung für diese Ergebnisse ist die Tatsache, dass die Entbindung per Kaiserschnitt auf die Beschaffenheit der kindlichen Darmflora und damit auf das Immunsystem einwirkt", sagte Studienleiterin Anette-Gabriele Ziegler. Das könne dazu führen, dass sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richte.

Unter den Mikroorganismen, die den Darm besiedelten, ließen sich bei Kindern, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen seien, zum Beispiel weniger Bifidobakterien - nützliche Darmbakterien - nachweisen. Somit sei die Darmflora dieser Kinder bereits der gestörten Darmflora von Diabetikern ähnlich, sagte Ziegler. (APA)

tigerlilly
00
18.2.2012, 23:04
Werden bei Müttern mit Typ1 Diabetes Schwangerschaften nicht fast ausschließlich als risikoreich eingestuft...

... und daher Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht?

War zumindestens bei einer Bekannten der Fall, würde also bedeuten, dass zu dem erblichen Risiko fast automatisch die Verdoppelung laut Studie dazu kommt.

Kathi1609
 
14
19.2.2012, 09:06
ja, auch bei typ II oder gestationsdiabetes. ausgehend von der annahme, dass diese kinder generell zu groß für eine normale geburt werden würden.

man hat das in usa als empfehlung festgetzt, ohne valide daten zu haben. viele andere staaten, auch ö oder d, haben es dann nachgemacht.
mittlerweile weiß man, dass auch bei diabetes-müttern nur eine kleine zahl der kinder echt groß und schwer wird. die praxis ändert sich aber nur wenig, weil die sectio-empfehlung forensisch sicherer ist und diabetes-mütter kaum angemessen beurteilt, sondern als risiko pauschaliert werden.

man geht jetzt reihenweise dazu über, diese kinder am erratenen geburtstermin einzuleiten, wenn sie nicht schon vorher kommen, ohne individuelle (un)reifezeichen zu beachten. die häufig daraus resultierenden komplizierten geburten werden dann als beweis für die gefährlichkeit dieser frauen gewertet.

Kathi1609
 
11
17.2.2012, 16:26
Das sind ja keine Neuigkeiten.

Studien zu dem Thema gibt es schon seit Jahren. Das ist ein hilfreicher weiterer Puzzlestein.

keywords
00
17.2.2012, 13:45

die studienergebnisse schön und gut, der schluss mit der darmflora scheint mir aber doch völlig unlogisch.

Kathi1609
 
10
17.2.2012, 16:25
Wieso unlogisch?

Bei der Vaginalgeburt kommt das Kind in der Scheide mit der mütterlichen Keimbesiedlung in Kontakt. Vorher ist es ja quasi keimfrei. Irgendwoher braucht es den ersten Kontakt mit Keimen, und die der Mutter dienen dem ersten Reiz des Immunsystems und besiedeln seinen Darm mit der "richtigen" Mischung.
Beim Kaiserschnitt kommt es direkt aus der Keimfreiheit in Kontakt mit der nicht grad ausgewogenen Keimbesiedlung eines OPs. Und dass die Darmflora und das Imunsystem zusammenwirken, weiß man ja schon lang.

Dagmar Rehak Wien
 
00
23.2.2012, 08:46

Ich stimme deinem Vorredner zu, dass das mit der Darmflora ein bissl zu wenig ist, denn diese verändert sich je nach Nahrungsangebot. Es ist nicht so, dass die Erstbesiedelung eines bis dahin keimfreien Darms für immer bleibt. Mit der Nahrung stellt sich das ziemlich schnell um.

nina yankow
00
17.2.2012, 12:46

hat man auch den effekt des gewichts (bzw. der ernährung) der mütter rausgerechnet? bei übergewicht kommt es eher zu komplikationen, die einen kaiserschnitt erforderlich machen und mitunter führt die ernährung von übergewichtigen auch zu einer gestörten darmflora.
die ernährung der mutter (bzw. der eltern) wird auch an das kind weitergegeben.

Bonair
00
17.2.2012, 13:45

Schöne Theorie, nur leider hat die Übergewicht mit dem Ausbruch von Typ 1-Diabetes keinen begründeten Zusammenhang, insbesondere da die meisten Typ 1-Diabetiker normal- bis untergewichtig sind.

nina yankow
00
20.2.2012, 01:22

das ist schon klar, aber das übergewicht der mütter hat möglicherweise sehr wohl eine auswirkung, zumindest indirekt über die darmflora.
ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die geburt sich langfristig stärker auf die darmflora auswirken soll als die ernährung.

ein blutzuckerspiegel der mutter über 7% erhöht zB das risiko, dass das kind an typ1-diabetes erkrankt.

schwangerschaftsdiabetikerinnen (übergewicht erhöht das risiko dafür) stillen weniger lang, was die im artikel angesprochene darmflora beeinflusst.
übergewichtige mütter bekommen eher brustentzündungen, was vielleicht auch dazu führt, dass übergewichtige insgesamt weniger stillen.

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