"Wollen wir das wirklich?"

Leserkommentar17. Februar 2012, 10:48
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Nicht der Bau des Stupa steht hier zur Diskussion, sondern die Gegenpropaganda, die mehr einer Hetzkampagne gleicht

Die Errichtung eines im niederösterreichischen Gföhl geplanten buddhistischen Tempels wurde bei einer verbindlichen Bürgerbefragung mit 67 Prozent der Stimmen abgelehnt. ÖVP-Bürgermeister Karl Simlinger, dem die Errichtung des größten Sakralbaus dieser Art in Europa ein wichtiges Anliegen war, akzeptierte die Entscheidung der Bevölkerung. Dass sich die Gföhler schlussendlich gegen den Stupa entschieden haben, liege an einer Hetzkampagne politischer Gegner, sagte Bop Jon Sunim, buddhistischer Mönch und Mitinitiator des geplanten Baus, im Interview mit derStandard.at.

Widerliche Pamphlete

Kurz nachdem ich die "Gesammelten Aussendungen gegen den Stupa-Bau in Gföhl" zu Gesicht bekommen hatte, begann ich die vorliegenden Worte niederzuschreiben. Primär nicht, um diese zu veröffentlichen, sondern einzig, um meiner eigenen Bestürzung über diese widerlichen Pamphlete Herr zu werden, und das, obwohl mir die Worte im ersten Augenblick sogar fehlten. Gegen solche Töne ist sogar H.-C. Strache samt seiner Hetzpropaganda ein harmloser Waisenknabe. Ich habe bis jetzt der katholischen Kirche trotz aller ihrer Entgleisungen die Stange gehalten und standhaft darauf verwiesen, dass es ja immer wieder auch katholische Priester gibt, die schwer in Ordnung sind. Nach der Lektüre der zitierten Aussendungen änderte ich jedoch abrupt meine Perspektive; es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich werde selbst darauf keine Rücksicht mehr nehmen können, sondern mich vielmehr zu einem entschiedenen Gegner dieser katholischen Kirche wandeln müssen, wenn ich mir keinen Realitätsverlust vorwerfen lassen will.

Solche elenden und giftsprühenden Ritualmordgeschichten gab es seit dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger - Hitlers großem Vorbild! - nicht mehr in Österreich. Dagegen gehörte eigentlich eine saftige Anzeige erstattet wegen übelster Nachrede und gröbster Verhetzung der Öffentlichkeit.

Aus sittlichen Gründen abzulehnen

Die Gegenpropaganda steht unter dem Titel "Wollen wir das wirklich?" und erläutert in der Folge, dass ein Stupa-Bau abzulehnen sei, weil "er aus sittlichen Gründen nicht dem Gemeinwohl entspricht".

Unzählige Gründe werden hier angeführt, die zu dieser Schlussfolgerung führen und den Buddhismus in Frage stellen, anschwärzen und mit Vorwürfen bombardieren, zum Beispiel jenem der Pädophilie. Unter dem Punkt "Fragen der Sexualität" wird vermerkt, dass der Pädophilie Tür und Tor geöffnet werde. Das sagt ausgerechnet ein Vertreter der katholischen Kirche, die selbst bis zum Hals in der pädophilen Sch... steckt. Diese Leute werfen den Buddhisten doch tatsächlich vor, dass sie lehrten, "Tiere solle man möglichst nicht töten, weil auch sie einen Verstand und Gefühle hätten", also genau das, was den Verfassern dieses Pamphlets offensichtlich komplett fehlt.

Achtung vor Gottesstaat

An anderer Stelle heißt es: "Der Dalai Lama ist nach dieser Ideologie Kaiser und Gott in einer Person, Herrscher des Universums." Danach wird vor einem "gnadenlosen Religionskrieg" und einem "Aufruf zur kriegerischen Welteroberung" seitens der Buddhisten gewarnt. War es nicht vielmehr die katholische Kirche, welche für Kaiser, Gott und Vaterland die Waffen segnete? Auch wird dem Buddhismus zur Last gelegt, einen "Gottesstaat" errichten zu wollen, aber genau so ein Gottesstaat wurde von der katholischen Kirche bereits oftmals verwirklicht, denken wir nur an Philipp II. von Spanien und die Heilige Inquisition, wo man Regimekritiker als Hexen und Häretiker in Massen folterte und bei lebendigem Leib verbrannte, und dies sind historische Tatsachen, und richtig, auch die Indios in Südamerika kamen nicht besser davon - dies war vielleicht der Welt größter Völkermord im Namen des Gekreuzigten.

Rückfall in religiösen Fundamentalismus

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass der jüdische Schriftsteller Abraham B. Jehoschua vor wenigen Tagen in der "Neuen Zürcher" schrieb: "Hatte Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts noch vorausgesagt, die Religion in ihren extremen Erscheinungsformen sei nur eine Zwangsneurose, die von Rationalismus und Wissenschaft überwunden werden würde, so sehen wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts verwundert, dass weder die enormen Fortschritte der Wissenschaft noch der wachsende Liberalismus dem religiösen Fanatismus den Garaus gemacht haben - im Gegenteil: Vielerorts und bei vielen Menschen wirkt er wieder identitätsstiftend. Das gilt natürlich besonders für die muslimischen Völker, bei denen der Islam sich zum starken politischen Machtfaktor entwickelt. Aber auch bei den katholischen und orthodoxen Völkern Osteuropas oder Lateinamerikas, ja selbst in politischen Kreisen der USA erleben wir einen besorgniserregenden Rückfall in religiösen Fundamentalismus." (Und natürlich auch in Israel, wie Jehoschua anschließend ausführt).

Neuerdings kann wohl auch die Gemeinde Gföhl zu diesen fundamentalistischen Trutzburgen dazugezählt werden. Mitten in der Gföhler Aussendung gegen den Bau eines Stupa prangt in poppigem Orange eine Abbildung des Buddha mit einer Swastika (Hakenkreuz) auf der Brust, und den Buddhisten wird die Kollaboration mit Nazis und SS-Leuten vorgeworfen, aber keine Angst, es ist nur ein Missverständnis: Die Swastika des Buddha hat nach links gerichtete Enden und ist an sich ein Glückssymbol voll positiver Energie. Dass Hitler zu seiner Zeit ein rechtsgerichtetes Hakenkreuz übernahm und mit dessen negativer Energie zu operieren glaubte, ist gewiss nicht die Schuld des Buddhismus. (Manche Schmierer an den Hauswänden sind bei der Richtung ihrer Hakenkreuze auch nicht immer ganz sattelfest.)

Haarsträubende Ritualmordgeschichten

Was aber die Verfasser dieser Verhetzung am meisten zu nerven und nervös zu machen scheint, ist die Eigenverantwortung für seine Handlungen, die der Buddhismus dem einzelnen Menschen zugesteht. Und dann gibt es auch noch wirklich haarsträubende Ritualmordgeschichten wie aus dem dunkelsten Mittelalter: "Auch zum Verzehr von Ausscheidungen und von Fleisch toter Menschen wird angeregt. Der Ritualmord wird beispielsweise praktiziert, um Menschen unschädlich zu machen, deren kommende Schandtaten man vorausgesehen haben will." So etwas ist schlicht Rufmord, der vor das Strafgericht gehört, und Herr Stadler kann froh sein, dass man die Schandtat seines Pamphletes nicht auch vorausgesehen hat. Weil der heimtückische Buddhist neben der Welteroberung aber auch an das Vergnügen denkt, kennt er auch "sexualmagische Praktiken", bei denen "aus Gründen der Zahlenmystik 12- oder 16-jährige Mädchen bevorzugt" würden.

Auch seien die Zeitgenossen davor gewarnt, sich jemals von so einem Buddhisten in "einen Zustand vollkommener Gewissenlosigkeit" versetzen zu lassen, weil man dann die Sau herauslässt. Herr Stadler kann aber auch mit "Unterstützenden Organisationen" rechnen wie zum Beispiel dem "Netzwerk Karl Martell" - das war jener Frankenkönig, welcher den Vormarsch der Mauren im Jahre 732 bei Tours und Poitiers mit eiserner Faust zum Stehen brachte, nicht zu verwechseln mit dem "Netzwerker Pepi", einer Heurigenbekanntschaft des berühmten "Herrn Karl".

Schutz von Tradition

Als weiterer Unterstützer zeichnet "PRO VITA" - klingt zwar wie eine Mineralwassermarke, ist jedoch eine "Bewegung für Menschenrecht und Leben" - aber deshalb noch keine "Ehestandsbewegung"! Vor allem wird der "Schutz von Tradition" gefordert, obwohl bereits Gustav Mahler festgestellt hatte, dass Tradition eine Schlamperei sei. Im "schönen Waldviertel" darf es eben keine sexualmagischen Praktiken geben, man geht hier noch "Fensterln" oder sperrt seine Kinder zwecks Blutschande traditionellerweise in den Keller seines Hauses, das Gewissen hingegen wird nach alter Tradition im Weinkeller betäubt. Nur so viel, weil man diesen buddhistischen Schuften auch einen sehr lockeren Umgang mit Drogen nachsagt.

Am Schluss des Machwerks steht der Hinweis: "... die zwei buddhistischen Mönche des Stupa in Ungarn haben keinerlei Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung und der Gemeinde." Dabei ist ja gerade das so angenehm beim Buddhismus, dass er es nicht darauf anlegt, Andersgläubige mit aller Gewalt missionieren zu wollen. An dieser Stelle wird auch noch gefragt: "Was passiert, wenn der Privatstiftung Lotos-Lindmayer ganz einfach das Geld beim Bau der Stupa ausgeht? Wer stellt dann die Bauwerke fertig?" Ein echter Buddhist würde darauf antworten: "Das Universum." Darum, liebe Glaubensbrüder in Gföhl, einmal tief durchatmen und entspannen, damit in euren verhetzten Herzen der Friede Gottes seinen Einzug halten kann und der Öffentlichkeit künftig solche Pamphlete und so viel Lärm um nichts erspart bleiben. (Leserkommentar, Roman Müller-Balač, derStandard.at, 17.2.2012)

Autor

Roman Müller-Balač, Jahrgang 1967, ist freischaffender Autor und dilettierender Historiker. Er lebt seit 1997 in Chile.

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