Bundespräsidenten-Affäre

Staatsanwaltschaft beantragt Aufhebung von Wulffs Immunität

17. Februar 2012, 09:57

Rücktritt nach Angaben gut informierter Kreise sehr wahrscheinlich - Bundeskanzlerin Merkel kündigt ebenfalls kurzfristige Erklärung an und sagt Italien-Reise ab

Der unter neuem Druck stehende deutsche Bundespräsident Christian Wulff hat für Freitag eine Erklärung angekündigt. Wulff werde sich um 11.00 Uhr im Schloss Bellevue äußern, teilte das Bundespräsidialamt mit. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ebenfalls eine Erklärung angekündigt. Ein Thema wurde nicht genannt, es besteht aber offenbar ein Zusammenhang mit der Entwicklung im Fall von Bundespräsident Christian Wulff. Gleichzeitig sagte Merkel ihre für den heutigen Freitag geplante Italien-Reise zu Premier Monti ab. Sie kündigte für 11.30 Uhr das Statement im Bundeskanzleramt in Berlin an. Nach Angaben gut informierter Kreise gegenüber der Nachrichtenagentur dpa will Wulff noch am Freitag seinen Rücktritt erklären. 

Koalition will rasch über Nachfolge entscheiden

Nach dem erwarteten Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff wollen die Parteichefs der Regierungskoalition - Angela Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Philipp Rösler (FDP) - offenbar rasch über eine Nachfolge entscheiden. Wie es aus Koalitionskreisen in Berlin am Freitag hieß, ist ein Treffen der schwarz-gelben Spitze für Samstag vorgesehen. Wichtig sei, dass die Koalition hier einen ersten Aufschlag mache, hieß es in den Kreisen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Es bestehe aber auch Bereitschaft, einen gemeinsamen Kandidaten mit der Opposition zu suchen.

Als aussichtsreiche Nachfolger für das Amt des Bundespräsidenten werden gehandelt: Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Finanzminister Wolfgang Schäuble, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (alle CDU) und der 2010 gegen Wulff unterlegene frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck. Auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, wurde genannt.

***

Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte nach umfassender Überprüfung die Aufhebung der Immunität des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff beantragt. Es bestehe der Verdacht der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung, berichtet die deutsche Tageszeitung Welt. Es ist dies das erste Mal in der Geschichte Deutschlands, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen Präsidenten vorgehen will. Ob gegen Wulff nun tatsächlich strafrechtlich ermittelt wird, muss der Bundestag entscheiden. Während die Opposition Wulff als untragbar bezeichnete, stellten sich auch Koalitionspolitiker auf einen Rücktritt Wulffs ein.

Rücktritt nicht ausgeschlossen

In Deutschland stehen die Zeichen auf einen Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff. Aus Koalitionskreisen verlautete am Donnerstagabend in Berlin, dass eine Erklärung Wulffs für den heutigen Freitag erwartet werde. Ein Rücktritt des Präsidenten zur Schadensbegrenzung werde nicht ausgeschlossen, sagten Koalitionsabgeordnete. Man sei besorgt und aufgeregt über die Entwicklung, hieß es mit Blick auf die von der Staatsanwaltschaft Hannover beantragte Aufhebung der Immunität Wulffs.

Ermittelt wird in diesem Zusammenhang auch gegen den Filmfondsmanager David Groenewold, der mit Wulff unter anderem auf Sylt Urlaub machte. Das Land Niedersachsen hatte für dessen Firma eine Bürgschaft bereitgestellt, die aber nicht in Anspruch genommen wurde.

Der Präsident steht seit Wochen in der Kritik, vor allem wegen seiner Beziehungen zu reichen Unternehmern. Er sieht sich zahlreichen Vorwürfen ausgesetzt, Vergünstigungen angenommen zu haben. Angelastet wird ihm unter anderem die Inanspruchnahme eines günstigen Privatkredits für sein Haus, billiges Autoleasing und kostenlose Urlaube bei Unternehmern, mit denen er auch geschäftlich in seiner Zeit als Regierungschef in Niedersachsen (2003-2010) zu hatte.

SPD für Aufhebung der Immunität

Die SPD verlangt, dem Antrag der Staatsanwaltschaft Hannover stattzugeben und die Immunität des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff aufzuheben. Dies müsse umgehend erfolgen, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, der Tageszeitung "Die Welt" (Freitag). Die SPD werde den Antrag befürworten. "Ich rechne damit, dass auch die Koalition dem zustimmen wird. Der Bundestag muss schließlich sicherstellen, dass alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind."

Der Grünen-Politiker Christian Ströbele forderte Wulff zum sofortigen Rücktritt auf. Die Staatsanwaltschaft Hannover habe ihren Antrag auf Aufhebung der Immunität "nicht leichtfertig" gestellt, sagte Ströbele dem Berliner "Tagesspiegel" (Freitag). Es sei unvorstellbar, dass demnächst Staatsanwälte das Schloss Bellevue durchsuchten. "Christian Wulff sollte die Konsequenzen ziehen", sagte Ströbele. "Jetzt reichts."

Weiterer möglicher Zeitplan

Der Immunitätsausschuss des Bundestags wird sich womöglich noch in diesem Monat mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft Hannover befassen, die Immunität von Wulff aufzuheben. Der Vorsitzende des Ausschusses, Thomas Strobl (CDU), sagte der Tageszeitung "Die Welt": "Wenn ein solcher Antrag bei uns einginge, würden wir diesen im Ausschuss beraten und dem Plenum des Bundestages eine Beschlussempfehlung geben, ob die Immunität des Bundespräsidenten aufzuheben wäre." Die nächste Sitzungswoche im Bundestag beginnt am 27. Februar. Der Immunitätsausschuss tagt dem Bericht zufolge normalerweise immer am Donnerstag. Er kann aber auch auf den Montag vorgezogen werden. Vom Bundestag war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen. (APA/red)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 274
1 2 3 4 5 6
pretty1
10
17.2.2012, 12:12
Das war die Revanche der Roten für die Merkel-Wahl !

Die Sozen waren immer schon schlechte Verlierer und agieren - so wie in Österreich - mit gekonntem Intrigenspiel, obwohl sie bekanntlich auch nicht besser sind und ausreichend Butter am Kopf haben.
Abgesehen von den schrecklichen "Verfehlungen" Wulff's - die in Österreich höchstens ein Schulterzucken auslösen würden - erinnert die Medienkampagne der letzten 3 Monate sehr deutlich an die Waldheim-Krise, die es ohne SP nicht gegeben hätte.

Maria Leitner1
01
17.2.2012, 18:17
geschichtsverleugnung und geschenkannahme

gehts der ÖVP gut, bleibt für uns nichts mehr

peter in der katzenstadt
00
17.2.2012, 11:53
Österreich, wie bist du anders

In unserem Schrebergarten ticken die Uhren halt anders. Ein HEFI ist viel zu durchtrieben um derartig dumme Fehler zu machen. Derartiges passiert diskreter, passiert aber genau so.
Da sind Feigmann und KHK schon andere Kaliber. Deutlich dreister und von ihrer scheinbaren Machtfülle so geblendet, wie auch der böse Wulff, dass sie alle Vorsicht über Bord geworfen haben. Macht aber nichts, unsere Justiz hilft. In Deutschland leider nicht.

Kokoskalif
00
17.2.2012, 23:03

Wie hilft unsere Justiz, wie hilft sie in Deutschland nicht?

Harald Ecke1
 
00
17.2.2012, 11:53
Dem Beispiel folgen!!!

Nach diesem Rücktritt des bislang "1.Mann im Staat" unserer nördlichen EU-Nachbarn hoffe ich, dass das Beispiel Runde macht und auch hierzulande, in der Ballrepublik, öfter mal die Immunität einzelner HDamen und Herren aufgehoben wird, ja gar dass diese selbst zurücktreten, wenn so schwerwiegende Verdachtsmomente vorliegen (ich muss wohl keine Beispiele nennen)!
Mögen sich Politik und Justiz ein Beispiel nehmen.
Ich weiß, reichlich naiv, als langfristiger Beobachter des politischen Tagesgeschehens in Österreich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, zumal ein Herr Hochegger etwa -warum auch immer- nun "auspackt".

Maria Leitner1
00
17.2.2012, 11:53
kreditaffäre???

herr hochegger sieht nichtmal korruption darin, wenn privat- und staatsnahe firmen geld über ihn an politiker, deren firmen oder angehörige überweisen.

MichaelMoore
00
17.2.2012, 11:51
Keine Schmiergeldzahlungen, keine Geldwäsche...

und trotzdem zurückgetreten.

Tu felix Austria hast da andere Normen bis einer den Hut nimmt.
Hut ab vor der deutschen Mentalität in politischer Verantwortung. Man wehrt sich zwar, aber letztendlich wird gehandelt.

Marquis de Sade
 
01
17.2.2012, 11:45

Der hat sich meines Erachtens weit weniger erlaubt als heimische Politiker und zieht schlussendlich trotzdem die Konsequenzen. Der öffentliche Druck ist auch nicht zu verachten.

Und bei uns? Da gibt's ein Schulterklopfen und ein "gut gmacht... das sitz ma scho aus, wirst sehen" und es passiert nichts. Selbst eine Verurteilung ist bei uns kein Grund zurückzutreten.

Österreichs politische Moral KOTZT mich an!

Lebensabschnittsgefährte
00
17.2.2012, 11:49

Die politische Elite ist einfach zu klein, zu viele Schulterklopfer, zu wenige Ellenbogen.

curieux
01
17.2.2012, 11:36
Herr Bundespräsident Fischer!

Nur ja schön Kroneheuteösterreich nach dem Mund reden, sonst geht es auch Ihnen an den Kragen!

Es glaubt doch niemand im Ernst, dass die paar Euro günstigerer Kredit oder das Auto für 3 Monate der Gruind waren!
Der Anlass vielleicht, aber nie der Grund.

Solche Sachen, das behaupte ich, lassen sich auch bei den Deutschen, angeblich soooo korrekten Politikern zu Hauf finden.

ganz normaler Tag
00
17.2.2012, 11:40

Der Scharping ist damals auch wg. einem Privatflug nach Mallorca zurückgetreten. Oder diverse Dienstwagen-Affären. Im Grunde alles Banalitäten, aber eben inakzeptabel für Volksvertreter.

curieux
00
17.2.2012, 11:51
Nicht wegen des Fluges.

Wegen der Medienkampagne.

Übrigens, an die Poster weiter unten, der Scharping war von der SPD. Damals hat sich die SPD über die "bürgerliche" Presse geärgert. Aber das waren eher die Grünen, weil der Scharping Verteidigungsminister war.

Brat_Pit
00
17.2.2012, 11:28
Vom Schloss..

ins 1-Familienhaus! Time to say Goodbye!

ganz normaler Tag
01
17.2.2012, 11:27

Der war nie ganz sauber.

holy genstadt
03
17.2.2012, 11:25
das ist einmal ein umgang mit korruption!

gefällt mir, warum ist das in .AT nicht möglich?

hier laufen grassers, strassers,gorbachs, meischis und wie sie alle heissen frei herum, grinsen bei jedem interview noch schamloser in die kampera als im vorigen...zum K***EN ist das bei uns - und ein paar hundert KM weiter nördlich / westlich läuft's ganz anders...

ganz normaler Tag
02
17.2.2012, 11:28

In der Tat, in Deutschland gibt es eine regelrechte Rücktritts-Kultur.

iPinguin
01
17.2.2012, 11:08
kurz und knapp

Dass ging ja jetzt recht schnell mit dem Rücktritt. Alles politisch begründet, wie erwartet!

Prof. Bienlein
00
17.2.2012, 10:55

Wenn du dir so etwas in Österreich erlaubst, bekommst du das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande an die Brust gesteckt.

Harl-Geinz Krassers Friseur
00
17.2.2012, 10:54
Parzelle
01
17.2.2012, 10:47
Was mir immer wieder auffällt.....

..Menschen die hohe Posten haben und viel Geld bekommen (Ministerpräsident) bekommen nie genug.

Werner Faygmann
00
17.2.2012, 10:56
Leicht zu erklären...

...die Services für diese sauteuren Autos machen einen arm... echt! Man sollte sich einmal mit den Problemen solcher Menschen ernsthaft auseinandersetzen... so wie sie es umgekehrt mit den kleinen Leutchen so gut und brav machen!

alexanderletten
 
20
17.2.2012, 10:44

Ein Bobby-Car!
Dass da die BLÖD zum Richter wird,
ist klar.

Ich denke mal, sollte Wulff das Handtuch schmeissen, ist es ein Phyrrus-Sieg der Medien.
Die Bild hat lt. Archiv 50 Artikel zu Wulff innerhalb von 8 Tagen platziert, u.a. solches hier:
http://www.bild.de/news/stan... .bild.html
oder :
http://www.bild.de/unterhalt... .bild.html

Marlon62
01
17.2.2012, 10:44
Warum gibt es das nicht in Österreich?

Da bräuchten die Politiker im Zuge des Sparpakets gar keine symbolische Verkleinerung der Abgeordnetenzahl beschließen, weil sowieso bereits die Hälfte aller Abgeordneten im Häfen säße und die Parteien stets für Nachschub sorgen, damit endlich die Österreicher wieder die Mehrheit bei den Häftlingen stellt, was ja ganz im Sinne der Äffen ist.

Rainer Tisch
00
17.2.2012, 10:37
Da soll unsere Justiz aber ganz genau hinschauen

So eine unabhängige Justiz würde man sich auch in Österreich wünschen. Aber leider mit der ÖVP nicht zumachen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 274
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.