Schotten größere Selbstbestimmungsrechte in Aussicht gestellt
London/Edinburgh - Großbritanniens Premierminister David
Cameron hat den scheidungswilligen Schotten größere
Selbstbestimmungsrechte in Aussicht gestellt. Sollten die Menschen in
der nordbritischen Region auf eine Unabhängigkeit von Großbritannien
verzichten, könnten der Regionalregierung weitere Befugnisse
übertragen werden. Das versprach Cameron am Donnerstag nach einem
Treffen mit dem schottischen Ministerpräsidenten Alex Salmond, ohne
dabei ins Detail zu gehen. Bei den Gesprächen hatte es nach
Darstellung Camerons "wenig Fortschritte" gegeben.
In Umfragen sprechen sich derzeit knapp 40 Prozent der Schotten
für eine vollständige Unabhängigkeit aus, eine deutliche Mehrheit ist
für ein Mehr an Selbstbestimmung. Nach dem Willen der
Regionalregierung in Edinburgh soll es im Jahr 2014 zum
Volksentscheid kommen. Es war das erste Zusammentreffen von Salmond
und Cameron, seit der Streit um die Unabhängigkeit Schottlands nach
der Regionalwahl im vergangenen Mai ausgebrochen war.
Schottische Nationalpartei siegte im Mai 2011
Cameron wandte sich mit einem glühenden Appell für die Einheit
Großbritanniens an die Schotten. "Ich hoffe und wünsche, dass die
Menschen in Schottland sich für den Verbleib im Vereinigten
Königreich aussprechen", sagte Cameron. Er werde für das "Überleben
Großbritanniens" kämpfen. Schottland sei als Teil Großbritanniens
"stärker, reicher, fairer und besser geschützt", sagte er. Wie
Schottland profitierten auch die anderen Landesteile England,
Nordirland und Wales von der Kraft des Vereinigten Königreichs, sagte
der Premier. Schottland wurde mit dem "Act of Union" aus dem Jahr
1707 Teil von Großbritannien.
Die schottische Nationalpartei SNP hatte mit einem auf die
Unabhängigkeit von London ausgerichteten Wahlkampf im vergangenen Mai
gesiegt und führt im Regionalparlament in Edinburgh mit absoluter
Mehrheit die Geschäfte.
Mit der Zentralregierung in Westminister liegt der schottische
Ministerpräsident Salmond über Details des Referendums im Streit,
etwa über den Zeitpunkt und die Formulierung der Frage auf dem
Wahlzettel. Der Volksentscheid an sich wird von Westminster
inzwischen nicht mehr infrage gestellt.
Die Befürworter der Unabhängigkeit glauben, dass Schottland ohne
den Rest Großbritanniens bessergestellt wäre. Vor allem die
Steuermilliarden aus dem Nordseeöl - die britischen Vorkommen lagern
fast ausschließlich vor der schottischen Küste - müssten dann nicht
mehr nach London abgeführt werden. Cameron entgegnete, Schottland
profitiere etwa davon, dass es über Großbritannien eine Stimme im
Weltsicherheitsrat habe und von einer der stärksten Armeen der Welt
geschützt werde. (APA)