Klinkenputzen in Tripolis und Bengasi

16. Februar 2012, 18:50
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Ausländische Unternehmen hoffen auf Aufträge - Ölförderung fast auf Vorkriegsniveau

Tripolis/Wien - Fast jede Woche nimmt eine Airline Tripolis wieder in ihren Flugplan auf - ab 25. März fliegt auch die AUA, fünfmal wöchentlich. "Von einem echten wirtschaftlichen Neubeginn ist aber noch nichts zu spüren", sagt Giovanni Giacomazzi von der UniCredit in Tripolis.

Die Aufbruchstimmung, die im vergangenen Herbst nach der Befreiung der libyschen Hauptstadt zu spüren war, ist verflogen. Vor allem die politische Unsicherheit wirkt als Bremse. Noch für mindestens eineinhalb Jahre werden Übergangsregierungen im Amt sein, die keine strategischen Entscheidungen fällen, sondern nur Alltag und Infrastruktur wieder zum Laufen bringen wollen.

Während nach Angaben des österreichischen Wirtschaftsdelegierten in Libyen, David Bachmann, der öffentliche Dienst praktisch stillsteht, entwickelt sich der Privatsektor sehr gut, vor allem der Handel. "Tiefgreifende Reformen, etwa der Abbau der Subventionen, wären eine Voraussetzung für ausländische Investitionen. Aber da wagt sich noch niemand heran", erläutert der Vizepremier Omar Abdulkarima.

Schneller als erwartet hat sich die Ölförderung erholt. Es werden täglich wieder 1,3 Millionen Barrel aus der Erde gepumpt. Vor dem Krieg waren es rund 1,6 Millionen, und bis 2014 will Libyen die Quote auf zwei Millionen erhöhen. "Libyens strategisches Credo lautet: Wir wollen zum Norwegen des Mittelmeeres werden", erläutert Bachmann. Soll heißen: Investitionen und staatliche Fonds aus dem Ölgeschäft - Dubai sei kein Vorbild.

Ausländische Firmen müssen akzeptieren, dass es zurzeit keine neuen Deals gibt. Alle großen Verträge - mit Ausnahme jener im Erdölsektor - werden evaluiert und dann fort- oder ausgesetzt.

Doch es werden Klinken geputzt. In dieser Woche hält sich eine 140-köpfige Wirtschaftsdelegation aus Frankreich im Land auf. "Die Franzosen werden künftig gute Chancen haben. Ihre Haltung während der Revolution wird in der gesamten libyschen Bevölkerung sehr honoriert", erläutert Bachmann. Österreich war schon unter Gaddafi sehr angesehen - und ist es immer noch. OMV, Asamer und Co sollen schon bald wieder die Rekordwerte von 2010 erreichen.

Österreich versucht sich indes auch als Know-how-Lieferant: Im Land herrscht ein eklatanter Mangel an Fachkräften, nachdem hunderttausende Fremdarbeiter das Land verlassen hatten. Die österreichische Außenwirtschaft bereitet nun eine Lehrlingsoffensive vor, um lokale Arbeitskräfte zu qualifizieren und so das Manko von rund zwei Millionen Arbeitsplätzen auszugleichen. (afr, gian/DER STANDARD Printausgabe, 17.2.2012)

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