Ausländische Unternehmen hoffen auf Aufträge - Ölförderung fast auf Vorkriegsniveau
Tripolis/Wien - Fast jede Woche nimmt eine Airline Tripolis wieder in
ihren Flugplan auf - ab 25. März fliegt auch die AUA, fünfmal
wöchentlich. "Von einem echten wirtschaftlichen Neubeginn ist aber noch
nichts zu spüren", sagt Giovanni Giacomazzi von der UniCredit in
Tripolis.
Die Aufbruchstimmung, die im vergangenen Herbst nach der Befreiung der
libyschen Hauptstadt zu spüren war, ist verflogen. Vor allem die
politische Unsicherheit wirkt als Bremse. Noch für mindestens eineinhalb
Jahre werden Übergangsregierungen im Amt sein, die keine strategischen
Entscheidungen fällen, sondern nur Alltag und Infrastruktur wieder zum
Laufen bringen wollen.
Während nach Angaben des österreichischen Wirtschaftsdelegierten in
Libyen, David Bachmann, der öffentliche Dienst praktisch stillsteht,
entwickelt sich der Privatsektor sehr gut, vor allem der Handel.
"Tiefgreifende Reformen, etwa der Abbau der Subventionen, wären eine
Voraussetzung für ausländische Investitionen. Aber da wagt sich noch
niemand heran", erläutert der Vizepremier Omar Abdulkarima.
Schneller als erwartet hat sich die Ölförderung erholt. Es werden
täglich wieder 1,3 Millionen Barrel aus der Erde gepumpt. Vor dem Krieg
waren es rund 1,6 Millionen, und bis 2014 will Libyen die Quote auf zwei
Millionen erhöhen. "Libyens strategisches Credo lautet: Wir wollen zum
Norwegen des Mittelmeeres werden", erläutert Bachmann. Soll heißen:
Investitionen und staatliche Fonds aus dem Ölgeschäft - Dubai sei kein
Vorbild.
Ausländische Firmen müssen akzeptieren, dass es zurzeit keine neuen
Deals gibt. Alle großen Verträge - mit Ausnahme jener im Erdölsektor -
werden evaluiert und dann fort- oder ausgesetzt.
Doch es werden Klinken geputzt. In dieser Woche hält sich eine
140-köpfige Wirtschaftsdelegation aus Frankreich im Land auf. "Die
Franzosen werden künftig gute Chancen haben. Ihre Haltung während der
Revolution wird in der gesamten libyschen Bevölkerung sehr honoriert",
erläutert Bachmann. Österreich war schon unter Gaddafi sehr angesehen -
und ist es immer noch. OMV, Asamer und Co sollen schon bald wieder die
Rekordwerte von 2010 erreichen.
Österreich versucht sich indes auch als Know-how-Lieferant: Im Land
herrscht ein eklatanter Mangel an Fachkräften, nachdem hunderttausende
Fremdarbeiter das Land verlassen hatten. Die österreichische
Außenwirtschaft bereitet nun eine Lehrlingsoffensive vor, um lokale
Arbeitskräfte zu qualifizieren und so das Manko von rund zwei Millionen
Arbeitsplätzen auszugleichen. (afr, gian/DER STANDARD Printausgabe, 17.2.2012)